Coronavirus

Blutplasma von Geheilten dringend gesucht – aber nur von heterosexuellen Männern

Derzeit ein gefragtes Gut: Blutplasma geheilter Coronapatienten.

Derzeit ein gefragtes Gut: Blutplasma geheilter Coronapatienten.

Homosexuelle Männer dürfen kein Blut spenden. Auch nicht wenn deren Blut möglicherweise die entsprechenden Antikörper für die Blutplasma-Therapie von Coronapatienten enthält. Pink Cross empört sich über die Diskriminierung am Basler Blutspendezentrum in Coronazeiten.

Er wäre ein Topkandidat. Mit seinen 41 Jahren liegt der Basler Lehrer Laurent Voegelin im Mittelfeld der erwünschten Altersklasse zwischen 18 und 60, er ist kerngesund und wiegt über 50 Kilogramm. Mitarbeitende von Blutspendediensten reiben sich bei Erstspendern wie ihm die Hände – auch in normalen Zeiten. In der Krise ginge ihre Freude aber weit über das Händereiben hinaus: In Voegelins Blut befinden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die begehrten Antikörper, die das Basler Universitätsspital für seine Studie zur Blutplasma-Therapie von Coronapatienten braucht. «Ich bin mir ziemlich sicher, Covid-19 hinter mir zu haben», sagt Voegelin. Vor einigen Wochen wies er typische Symptome auf. Auf einen Test verzichtete er, weil der Verlauf bei ihm verhältnismässig milde war. Aber nicht nur deshalb: «Ich wusste ja, dass ich als Spender nicht in Frage komme, warum also hätte ich mich testen lassen sollen?»

Pink Cross verlangt Gleichstellung

Laurent Voegelin ist homosexuell. Seit vier Jahren lebt er mit seinem Partner in einer festen Beziehung. Sein Freund war es, der ihn wohl mit Covid-19 angesteckt hat. Von «wechselnden Partnern» kann bei dem Paar keine Rede sein. Trotzdem würde es nicht zur Blutspende zugelassen: Bei Männern, die sexuell mit Männern verkehren, gilt eine zwölfmonatige Sexabstinenz – egal, ob sie in einer festen Beziehung sind oder nicht.

Bei allen anderen Menschen zählt diese Regel nicht. Dort wird nur ausgeschlossen, wer wechselnde Partner hat oder sexuelle Kontakte mit jemandem, den er seit «weniger als vier Monaten» kennt. «Das ist in unseren Augen eine klare Diskriminierung», sagt Roman Heggli, Geschäftsführer von Pink Cross Schweiz. Die Schwulenorganisation kämpft seit Jahren für Gleichstellung bei der Blutspende. «Wir wollen, dass nach wissenschaftlichen Kriterien entschieden wird, wer zugelassen wird – nicht nach ideologischen», sagt Heggli. Vor drei Jahren hat das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic ein Gesuch der Dachorganisation Blutspende SRK Schweiz bewilligt und den unbefristeten Ausschluss für Männer, die Sex mit Männern haben, aufgehoben.

Blutspende Schweiz hält an den Restriktionen fest

Diese Lockerung reicht Pink Cross nicht: Die Organisation will, dass aufgrund des Risikoverhaltens entschieden und der Fragebogen angepasst wird. Beim SRK ist das derzeit kein Thema, wie Kommunikationschefin Franziska Kellenberger bestätigt: «Zum Schutz der Patienten weisen wir Personen, die aufgrund eines erhöhten Risikos von blutübertragbaren Krankheiten infiziert sein könnten, von einer Blutspende zurück.»

Viren wie HIV, Hepatitis B oder Hepatitis C würden bei Labortests erst nach einer gewissen Zeit erkannt, was das Risiko, nach einer Blutspende angesteckt zu werden, erhöhe. Männer mit homosexuellen Kontakten seien auch nach aktuellsten Erkenntnissen deutlich häufiger von sexuell übertragbaren Krankheiten betroffen als heterosexuelle, weshalb Blutspende SRK Schweiz zurzeit an den Einschränkungen festhalte. Diese gelten auch für Männer in festen Partnerschaften, sagt Kellenberger – und beruft sich auf Daten des Bundesamts für Gesundheit, wonach 40 Prozent der HIV-Infizierten von «bekannten Partnern» angesteckt werden.

Andere europäische Länder sind liberaler

Würde Laurent Voegelin innerhalb Europas in Bulgarien, Italien, Lettland, Polen, Portugal oder Spanien leben, dürfte er spenden. In diesen Ländern entscheiden die Spendedienste nach dem Risikoverhalten. Dieses wäre bei Voegelin, der in einer Beziehung lebt, minim. Auch Frankreich ist liberaler als die Schweiz: Die Regeln dort wurden bereits gelockert, ab 2022 sollen Spender unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung beurteilt werden.

Sollten diese Länder Bedarf nach dem Blutplasma geheilter Covid-Patienten haben, wäre ihre Auswahl an Kandidaten demnach grösser als in der Schweiz. Zumal Blut von Frauen für die Studien nicht gefragt ist: Aufgrund von Schwangerschaften tauchen bei Frauen spezielle Antikörper im Plasma auf, welche die Lungenfunktion bei Patienten verschlechtern können. Deshalb können nur Männer, die eine Covid-19-Krankheit durchgemacht haben, Blutplasma spenden. Über die Hälfte der Einwohner der Region ist also ausgeschlossen. Kein Wunder, sucht das Blutspendezentrum beider Basel «dringend» geheilte Covid-Patienten. An den Regeln für homosexuelle Spender hält es fest. Laurent Voegelin würde sich gern melden, aber – er liebt einen Mann.

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