Nähkästchen

Bo Katzman: «Die Erfahrung hat mich vorsichtig gemacht»

© Martin Toengi

Ein nachdenklicher Bo Katzman plaudert aus unserem Nähkästchen. Über sein neues Album, Enttäuschungen und sein treues Publikum.

Herr Katzman, worüber reden wir?

Das Nähkästchen meint: Geschenk.

Welches Geschenk hat Ihnen bis dato die grösste Freude bereitet?

Die Geburt meiner Tochter Ronja vor 26 Jahren. Das war das Grösste, ich habe das wirklich als Geschenk empfunden.

Und im materiellen Sinne?

Zu meinem 50. Geburtstag hat mir meine Frau Marianne ein kleines Motorboot geschenkt. Damit haben wir schönste Touren auf dem Rhein und dem Murten- und Neuenburgersee unternommen. Die Freiheit auf dem Wasser, das gefällt mir. Es hat immer was Abenteuerliches. Und ich spiele gerne den Kapitän (lacht).

Womit kann man Ihnen heute eine Freude bereiten?

Eigentlich habe ich alles, was ich brauche. So geht es doch vielen. Nehmen wir als Beispiel die Geschenke, die ein Gast aus Höflichkeit überreicht; ein «Must» in unserer Gesellschaft. Meist macht das weder dem Empfänger noch dem Schenkenden Freude. Deshalb sagen wir unseren Gästen immer, sie sollen nichts mitbringen.

Welches Geschenk war für Sie total überflüssig?

Darüber schweige ich lieber. Ich will keine Gefühle verletzen. Schliesslich steckt hinter jedem Geschenk eine positive Intention, eine gewisse Grosszügigkeit.

Sind Sie ein grosszügiger Mensch?

Ja. Manchmal fast zu grosszügig – man kann mich leicht ausnutzen. Die Erfahrung hat mich aber vorsichtiger gemacht.

In Bezug auf Freundschaften?

Genau. Deshalb sind immaterielle Geschenke wie ehrliche Freundschaften das Wichtigste für mich. Gerade Freunden sollte man bedingungslos vertrauen können.

Sie scheinen diesbezüglich ein gebranntes Kind zu sein.

Ich habe da schon diverse negative Erfahrungen gemacht, ja.

Zum Beispiel?

Ein langjähriger Freund war nicht das, was er vorgab. Dieses Thema möchte ich allerdings nicht aufwärmen. Da war auch die Geschichte um den Abschluss meines Gospelchors vor zwei Jahren, der von Missverständnissen geprägt war. Mir wurde vorgeworfen, ein Abzocker zu sein und den 150 Sängern keine Gage bezahlt zu haben. Das ärgert mich heute noch, weil es nicht wahr war und meinem guten Ruf geschadet hat.

Jetzt können Sie reinen Tisch machen.

In Wirklichkeit erhielten die Chormitglieder über die Jahre hinweg 1,6 Millionen Franken, in Form grosszügiger Gagen, Kleidern, Verpflegung und Geschenken. Die Gagen flossen auf ausdrücklichen Wunsch der Sänger in die Vereinskasse.

Warum gab es dann Ressentiments vonseiten diverser Sänger?

Nach 26 Jahren hatte ich mich dazu entschlossen, keine Tourneen mehr mit dem grossen Chor durchzuführen. Ich sehnte mich nach neuen, kleineren Projekten, bot den Sängern aber an, weiterhin mit ihnen zu proben und somit den Chor zu leiten. Das aber hat viele vor den Kopf gestossen. Entsprechend haben sie mein Angebot abgelehnt.

Apropos neue Projekte: Vor zwei Wochen erschien Ihr neues Album mit rockig-poppigen Nummern. Sie gehen also zurück zu Ihren Wurzeln...

...so würde ich es nicht bezeichnen. Ich bin ein Mensch, der sich nicht rückwärts bewegen will, sondern stets vorwärts. Seit meinen musikalischen Anfängen in den 1970er-Jahren habe ich viele Stile praktiziert, das sind meine Wurzeln. So ist auch das Album von Rock, Pop und Folk sowie von meinen Erfahrungen der vergangenen Jahre geprägt. Ich möchte mich nicht auf einen Stil festlegen. Es geht mir vielmehr um Inhalte.

Sie haben also gewissermassen experimentiert. Würden Sie auch einen Ausflug in die elektronische Musik wagen?

Nein, das ist nicht meine Welt. Bei mir muss es «handmade» sein.

Das Album heisst «The Truth». Warum dieser Titel?

Der Titel bezieht sich einerseits auf Erfahrungen in meinem privaten Leben, aber auch auf Beobachtungen der aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklung. Gerade in Bezug auf die Gepflogenheiten in Politik, Wirtschaft oder Medienberichterstattung stelle ich zunehmend fest, dass die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion verschwimmen. Auf Social Media dasselbe Spiel. Vieles, sehr vieles ist da «Fake», nicht echt. Mit der Wahrheit nehmen es viele nicht mehr sehr genau. Hauptsache, ein Inhalt generiert viel Echo und letztendlich Geld.

Was ist eigentlich der Grund für dieses Comeback? Mit 65 Jahren könnten Sie sich jetzt auch sagen, dass Sie zurücklehnen. Stattdessen starten Sie mit Ihrer Tochter eine Konzert-Tournee und parallel dazu treten Sie mit Ihren Songs von «The Truth» auf.

Ich kann nicht anders, Musik ist mein Leben. Die Kreativität brodelt in mir. Ich wüsste nicht, was mir sonst so viel Freude bereiten würde.

Wurde Ihnen die Musikalität in die Wiege gelegt oder mussten Sie sich das hart erarbeiten?

Es ist wohl eine Mischung. Klar, mir wurde ein gewisses Talent geschenkt. Ein altes Tonband zeugt davon. Da war ich vier Jahre alt. Ich unterhielt an Weihnachten mit der Darbietung von Versen und Gesangseinlagen die Familie. Mit neun bekam ich die erste Gitarre. Damals orientierte ich mich noch an deutschem Schlager (lacht), später an Ray Charles, Elvis oder Bob Dylan. Sie waren meine Lehrer. Den ganzen Tag klebte ich am Radio, um zu hören, wie die das machen, spielte und sang nach. Während des Musikstudiums feilte ich dann an meinen Fähigkeiten. Mit der Ausbildung im klassischen Gesang erreichte meine Stimme ein gewisses Volumen.

Stehen Sie noch mit 80 auf der Bühne?

Wenn es die Gesundheit erlaubt und das Publikum mich weiterhin sehen möchte, ist das gut möglich. Ich setze mir keine Grenzen. Die Rolling Stones treten ja auch noch auf. Aber so weit vorausschauen möchte ich gar nicht, konzentriere mich lieber auf das Jetzt. Am 23. September ist Plattentaufe von «The Truth» in Zürich. Darauf fokussiere ich meine Energie.

Warum in Zürich? Haben Sie dort die grösste Fandichte?

Das weiss ich nicht. Meine Fans verteilen sich über die ganze Schweiz. Ein treues Publikum ist das grösste Geschenk, das sich ein Musiker wünschen kann. Ich hoffe, es wird mich auch auf meinem neuen Weg begleiten.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1