Er spricht zuerst vom Raum, in dem er seinen «Hamlet» präsentiert und verortet, der Basler Regisseur Boris Nikitin. Eine «minimalistische Bühne» wird es (wieder) sein, ein Raum, der zunächst seine «reale architektonische Gegebenheit» annimmt und ausstellt: im Rossstall der Kaserne Basel «isch jo scho viel do», sagt er; und die kleinen Eingriffe, die er – bzw. seine Ausstatterin Nadia Fistarol – dann doch vornimmt, können «eine grosse Effizienz» entfalten. Die Tatsache beispielsweise, dass das Spiel-Podest mit dem Zuschauerraum verbunden wird und damit die Grenze zwischen Zeigen und Sehen verschwimmt.

In diesen Raum versetzt er seinen Hamlet-Darsteller Julian Meding, einen Schauspieler und Performer, mit dem er schon mehrfach zusammengearbeitet hat. Ein faszinierender Spieler, der schwer zu fassen ist. Seine physische Erscheinung wirkt androgyn und alt und kindlich zugleich, sein Spiel impulsiv getrieben und doch auch selbstbewusst berechnet – eine ideale Besetzung für das labile Setting, das Nikitin anstrebt, dieses «Vexierspiel» über Identität und Repräsentation, Erwartung und Unberechenbarkeit.

Warum «Hamlet»?

Es ist nicht das erste Mal, dass Boris Nikitin (*1979 in Basel, in Giessen ausgebildet und längst auf grossen Bühnen angekommen) sich einen grossen Theaterstoff vornimmt: 2007 war es «Woyzeck», 2010 «Der zerbrochene Krug», nun also «Hamlet». Aber auch hier wird nicht das Stück nachgespielt, sondern es geht darum zu reflektieren, wie in diesem Text die Realität, in der sich die Figuren vorfinden, verhandelbar und formbar wird. Hamlet, der an der Welt zu zweifeln beginnt, nachdem sie sich für ihn als falsch/gefälscht erwiesen hat; der sich in die Zweideutigkeit gespielten Wahnsinns flüchtet, um an Identität noch festzuhalten, was ihm bleibt, oder es zumindest zu behaupten. Lustvoll, aber konsequent bis zum Sterben.

Ausgang für die Performance ist Shakespeares XX. Sonett – letztes Jahr schon im Rahmen eines Shakespeare-Specials an der Zürcher Gessnerallee von Nikitin kurz aufgegriffen –, in dem es heisst: «Dir schuf Natur ein Frauenangesicht / Mit eigner Hand, Herr-Herrin meiner Seele», jedoch «Ein Mann bist du, die Krone der Geschlechter / Dem Mannesblick und Frauenherz sich neigt».

Julian Meding verkörpert diese flimmernde Gestalt und ist dabei doch auch er selbst, erzählt von sich, stellt sich aus und paraphrasiert kanonisierte Passagen aus dem «Hamlet», als seien sie ihm Kleid und Maske («10 Uhr morgens: Sein / 10 Uhr abends: Nicht-sein; Nicht-sein-müssen / 14 Uhr: beides, oder nichts sein»); und was einen beim drüber Nachdenken ziemlich verwirren kann, erweist sich beim Zuschauen wohl wieder als überraschend leichte Freude.

Mit Basler Barockensemble

Denn Nikitin schafft es jeweils, seine komplexen, klugen Theaterideen in Präsentationen umzusetzen, die bei aller Disparatheit und Labilität etwas Zwingendes haben und einen szenischen Sog. Die einem mit ihrer Sinnlichkeit das Nachdenken immer wieder abnehmen, oder es zumindest unterlaufen. Dazu trägt ausser dem minimalistischen Raum die Verwendung von Medien bei. Auch im «Hamlet» werden es Projektionen sein, die Spiel und Text ergänzen und dabei die Bühne spiegeln, verdoppeln und verfremden, dazu aber weitere Geschichten erzählen, die alles wieder relativieren. Ausserdem spielt Musik eine entscheidende Rolle. Hier sind es die vier Musiker vom Barockensemble «Der musikalische Garten» aus Basel, die die postdramatische Anrichtung live mit ihrem barocken Vokabular kommentieren und komplettieren.