Stadtgeflüster

Botschaften aus dem Nirgendwo – schon gesehen?

Der Künstler Tim Etchells hat die Stimmen verhinderter Wahlgänger publiziert.

Der Künstler Tim Etchells hat die Stimmen verhinderter Wahlgänger publiziert.

Sie sind überall, und keiner weiss wieso – Tim Etchells’ Plakatkunst reisst die Basler für einige Augenblicke aus dem Alltag.

Schwarz auf weiss. Deutlicher kann man eine Botschaft nicht formulieren. Auf 400 Plakaten, in der ganzen Stadt Basel verteilt, überbringen Unbekannte ihre Botschaften in ebendiesen Farben. Es sind kurze Vierzeiler oder gleich drei aneinandergegliederte Sätze – nicht mehr. Kurz und prägnant, anregend, berührend.

Am Barfüsserplatz trifft man auf eine Mitteilung, die so klingt: «Wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen. Alles wär gut, und wir wären noch in Damaskus. Unser Haus wär noch ganz, ich hätte nichts von alldem gesehen, über das ich nicht reden kann.» Der Sender der Botschaft ist unbekannt. Seine Biografie: Ein Hirngespinst der eigenen Imagination.

Hinter dieser Aktion stecken der Engländer, Künstler und Schriftsteller Tim Etchells und die Kaserne Basel. Mit seinem Plakat-Projekt «And for the rest» erstürmt er die Plakatwände Basels und überklebt die Bilder der Politiker und Politikerinnen, die zuvor von den Wänden gelächelt haben. Über ihre Gesichter kleistert Etchells Mitteilungen von Menschen, die kein Stimmrecht haben. Sie sind zu jung, nicht eingebürgert, bevormundet oder sonst am Wahlrecht verhindert.

Stimmen der Verhinderten

Ihre Aussagen geben Einblick in ihre Wünsche, Bedürfnisse und unerfüllten Träume. 25 Personen haben die Theatermacherinnen Anina Jendreyko und Deborah Neininger für den englischsprechenden Tim Etchells auf deutsch in Basel interviewt. Aus den übersetzten Gesprächen hat der Engländer Zitate gewählt und sie in der ganzen Stadt verteilt.

Für einen Augenblick still

Seit dem 21. Oktober hängen die Plakate nun in der Stadt. Bis Ende November sollen die Texte bleiben. In den Medien, auf Twitter und Facebook wurde bereits auf die Aktion aufmerksam gemacht, erste Rückmeldungen und Meinungen sind über #andfortherest gezwitschert worden. Wer aufmerksam beobachtet, erkennt die Wirkung der Texte auch vor Ort: Passanten bleiben für einen kurzen Augenblick stehen, lesen, und gehen weiter.

Mehr Informationen zum Projekt unter www.kaserne-basel.ch oder im Blog der freien Journalistin Gillian Millar.

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