Angelo Gallina, haben Sie sich je gewünscht, eine Frau zu sein?

Angelo Gallina: Ich bin, was ich bin. Damit kann ich umgehen. Manchmal versuche ich mir die Perspektive einer Frau vorzustellen. Aber den expliziten Wunsch, eine Frau zu sein, hatte ich noch nie.

Sie sind also gern ein Mann?

Ich kenne nichts anderes. Ich habe mich nicht mit dem Thema Geschlechtsumwandlung beschäftigt – ausser im Studium, als bestimmte Pathologie.

So weit muss man ja nicht gehen. Aber manchmal hat man als Mann vielleicht Lust, Seiten auszuleben, die eine Gesellschaft eher dem anderen Geschlecht zugesteht.

Ich bin kein Freund von diesem Rollendenken. Ich erlebe, wie in der Boxszene die traditionellen Rollenmuster total durcheinandergeschüttelt worden sind. Gleichbehandlung ist für mich in allen Bereichen wichtig. Natürlich gibt es männerlastige Domänen, Kraft zum Beispiel. Gebären bleibt frauenlastig. Alles andere ist für mich «gendermässig».

Also nicht biologisch gegeben, sondern gesellschaftlich konstruiert?

Ja, es gibt so viele Klischees und Konstrukte – das versuche ich alles von mir wegzuweisen. Ich mag auch nicht von irgendwelchen Tendenzen reden, die meistens wissenschaftlich nicht seriös belegt sind und von den Medien und der Werbung manipuliert werden. Bei uns hatten wir die erste Boxtrainerin. Das ging problemlos, weil wir das gut eingebettet haben. Die Leute sind bereit, sehr viel zu akzeptieren. Am Anfang stand hier noch ein «Frauen müssen draussen bleiben»-Schild. Jetzt trainieren hier Frauen und Männer gemeinsam. Das ist gar kein Thema.

Das macht man einfach und dann ist es so?

Wir haben gezeigt, dass es möglich ist. Es brauchte eine Adaptionsphase, wie bei anderen gesellschaftlichen Veränderungen auch. Die Rolle der Frau wird bei uns nicht in Frage gestellt, im Gegensatz etwa zur Uhren- und Schmuckmesse: Dort ist die Frau die, die im Minirock die Prospektli hinhält. Das halte ich für entwürdigend. Für 20 Fränkli die Stunde schöne Augen machen! Dort stimmt die Rolle nicht – hier unten im Boxclub stimmt sie!

Aber Boxen ist ein sehr männlich konnotierter Sport. Warum haben Sie diesen ausgewählt.

Das war rein zufällig. Wegen einer Sportverletzung konnte ich als Jugendlicher nicht mehr Fussball spielen. Ich griff zum Telefonbuch, fing bei A an, fand nichts, weiter zu B, Boxen, ausprobiert, geblieben. Das hat für mich gestimmt, dabei bin ich geblieben. Dass Boxen männerlastig ist, hängt auch mit der geschichtlichen Entwicklung dieser Sportart seit den alten Griechen zusammen. Aber es ist jetzt auch ein Fenster für Frauen geöffnet worden. Boxen steht schon lange nicht mehr allein für Männlichkeit. Das ist ein Klischee!

Was gefällt Ihnen am Boxen?

Mir gefällt daran die Ästhetik, das Duellieren, die Möglichkeit, mit Technik und Taktik zu Punkten zu kommen. Dazu kommt die grosse Vorarbeit, die man leisten muss.

Ich habe keine Ahnung von Boxen. Es wirkt auf mich gewalttätig: man schlägt und wird geschlagen. Wahrscheinlich ein Vorurteil?

Das Schlagen ist nur ein Element. Wenn ich Fussball schaue, hat das für mich auch etwas Gewalttätiges. Beim Boxen ist die Gewalt in einem geregelten Kontext eingebettet und wird von beiden Seiten anerkannt. Man kann nicht eine Hand rausstrecken und zuschlagen, so einfach ist das nicht; man muss mit Finten die Deckung des anderen umgehen. Und um überhaupt durchzuhalten, um minutenlang wie ein Hase da herumzurennen, braucht es eine enorme Kondition. Dazu muss man mit Stress und Angst umgehen können. 80 Prozent unserer Leute konzentrieren sich aufs Fitnessboxen, ohne harten Kontakt. Bei den anderen versucht man so zu trainieren, dass der Schaden möglichst gering bleibt.

Gibt es in der Boxszene Probleme mit Gewalt?

Ich bin seit 30 Jahren in dieser Szene, und es hat noch nie ausserhalb des Trainings eine Schlägerei oder so gegeben. Im Vergleich zu Fussball oder Handball geht es bei uns sehr gesittet zu. Mir persönlich ist jede Form von brachialer Gewalt zuwider.

Was möchten Sie den Jugendlichen, die Sie trainieren, gern vorleben?

Ich will ihnen Fairplay, soziale Kompetenz und sportlich hochwertiges Boxen vermitteln sowie Spass und gute gemeinsame Momente. Wir haben ein spezielles Setting hier: Kein anderer Boxclub in der Schweiz macht so viel Kultur und ist so offen für andere Bereiche – wir besuchen mehrmals im Jahr gemeinsam Kulturveranstaltungen und veranstalten selber Box- und Kulturveranstaltungen (Boxeo). Das macht die Freude aus, darum haben wir viel Zulauf. Und die Jugendlichen hier sind auch gut, wir sind sportlich erfolgreich.

Sie trainieren auch Frauen. Wo ist da der Unterschied?

Ich mache prinzipiell keinen Unterschied. Boxcoaching ist sehr ans Individuum angepasst. Was mir auffällt: Im Wettkampfbereich, das betrifft fünf Prozent der Trainierenden, sind Frauen organisierter, fleissiger, pflichtbewusster.

Wir haben im Jungen Theater zusammen das Stück «Männer» angeschaut. Was für ein Männerbild wurde gezeigt?

Ein sehr jugendliches Männerbild. Es war festgelegt auf die Kriterien, die diese jungen Mitspieler ausgewählt haben: Protzen, Schlagen, sich Dissen, Angst vor Homosexualität. Sie haben sich ein wenig an den Standardklischees festgehalten. In meinen Augen gäbe es aber noch viele andere Themen. Aber das ist nicht mein Stück, das ist deren Stück. In nur 90 Minuten lassen sich nicht alle Kriterien, die einen Mann ausmachen, aufarbeiten. Dafür bräuchte es ein längeres Stück. lacht

Was haben Sie vermisst?

Ich kenne Männer, die lesen, Männer, die Kunst machen. Emotionalität und Familie sind auch wichtige Themen für Männer. Auch die ganzen Social Media fehlten. Darin stellen viele Jugendliche sich auch sehr männlichkeitsbetont dar.

In einer Szene reagiert ein Jugendlicher mit Boxbewegungen abwehrend auf das Thema «Homosexualität». Im Moment ist das wieder ein Riesenthema im Fussball. Ist es ein Tabu als Boxer homosexuell zu sein?

Das ist heute bei uns kein grosses Thema mehr. Die Jugendlichen treffen sich zum Boxen und gehen danach ihrer Wege. Ob jetzt einer danach in die Gay Disco geht interessiert niemanden.

Das Männerbild wandelt sich mit der Zeit. Wie nehmen Sie das wahr?

Lange wurden Frauen über die Medien ästhetisch unter Druck gesetzt. Jetzt kommen vermehrt die Männer dran. Muskeln, Six Pack, ein sehr trainierter Körper: Es wird suggeriert, das alles sei normal, das ist aber nicht so. Das halte ich für eher bedenklich, auch im Wissen, was es braucht, so trainiert auszusehen.

2011 ist das Buch «Männer in der Krise» erschienen, 2012 «Das entehrte Geschlecht», 2013 «Das Ende der Männer». Immer öfter wird suggeriert, Männer steckten in der Krise, passten mit ihren traditionellen Fähigkeiten und Eigenschaften am Ende immer weniger in unsere Zeit. Wie nehmen Sie das wahr?

Man hat lange versucht, die Frauen zu stärken und dabei die Männer vergessen. Das wird auch Konsequenzen haben. Ich habe mehrere Bubenkurse geleitet, ein Pilotprojekt des Inselschulhauses, um Buben und ihre Sozialkompetenz zu stärken. Das kam sehr gut an. Wir haben zum Beispiel zusammen gekocht, Ausflüge gemacht und auch über alltägliche Männerprobleme geredet. Dieser Kurs wurde aus Kostengründen gestrichen. Leider. Es braucht wieder Bestrebungen, um die Buben in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken.

Was hat Ihnen die Inszenierung gebracht?

Grundsätzlich finde ich es gut, wenn junge Menschen etwas auf die Beine stellen. Uwe Heinrich, der Leiter des Jungen Theaters, engagiert sich hier seit Jahren erfolgreich und nachhaltig. Ob Leute Boxen oder Theatermachen spielt für mich keine Rolle, Hauptsache, sie setzen sich damit auseinander. Man kann dieses Theater aber nicht mit denselben Kriterien messen wie etwa ein Stadttheater.

Wobei die Stücke oft auf höchstem Niveau sind.

In diesem Stück hat man gemerkt, dass ein paar der Jugendlichen tanzen können, andere nicht. Da muss man Kompromisse eingehen, das finde ich aber in Ordnung.

Es ist ein sehr körperliches, tanzbetontes Stück.

Ja, viel Bewegung, wenig Requisiten, Körperarbeit. Kleidung, Gestik, Auseinandersetzung. Ich hätte es am liebsten ganz ohne Musik gehabt. Aber ich finde, unsere Gesellschaft ist zu Kritik- und Blabla-orientiert. Ich fand es gut. Auch wenn ich es vielleicht ganz anders gemacht hätte.

«Männer» läuft heute und noch weitere sechs mal am Jungen Theater. www.jungestheaterbasel.ch