Um 12 Uhr läuteten am Dienstag die Glocken von 130 Kathedralen überall in Europa. Aus Betroffenheit und Solidarität mit einer der bedeutendsten und ältesten Kathedralen des Christentums, die am Montagabend in Flammen aufging. Notre-Dame brannte, die christliche Welt bebte.

Auch das Basler Münster folgte dem Aufruf der Vereinigung der europäischen Dombaumeister: Zur Mittagsstunde hin erklang das Geläut aus dem Glockenstuhl des Basler Wahrzeichens. Gerade in dem Jahr, in dem das Münsterjubiläum gefeiert wird, stellt sich die bange Frage: Könnte das auch hier passieren?

Nullrisiko gibt es nicht

Münsterbaumeister Andreas Hindemann relativiert die Befürchtungen auf Anfrage der bz: Der Dachstuhl des Basler Münsters bestehe seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr aus Holz, wie es bei der Pariser Kathedrale der Fall gewesen war. «Der mittelalterliche hölzerne Dachstuhl wurde während den Renovationsarbeiten zwischen 1880 und 1890 durch eine Eisenkonstruktion ersetzt. Daher sind wir viel weniger exponiert als Paris.»

Zudem bestehe im Brandfall ein Sicherheitskonzept. Im Münster ist eine moderne Brandmeldeanlage installiert, die bei Bewegungen und kleinsten Rauchschwaden die Feuerwehr direkt alarmiert. Diese wiederum sei informiert, wo sich Eingänge und Wasserstellen befinden.

Ganz frei von Sorgen ist Hindemann dennoch nicht. «Solche Unfälle kann man nie völlig ausschliessen.» Gerade während Bauarbeiten, wie sie in Paris und momentan auch am Münster stattfinden, seien die Risiken erhöht.

Der kantonale Denkmalpfleger Daniel Schneller schildert mögliche Szenarien: «Die gefährlichste Situation ist immer während den Renovationsarbeiten. Da muss nur ein Schweissbrenner Funken sprühen oder Leinöl in einem Baumwolllappen sich spontan entzünden.» Beim Münster wurde 1888 der mittelalterliche Dachstuhl präventiv zerstört, um einen Brand zu verhindern – und trotzdem sei das Dach nicht komplett sicher: «Wenn sich unten ein Feuer entfacht, kann die Hitze die dünnen Stahlträger sehr schnell zum Durchbiegen und Schmelzen und das Dach zum Einsturz bringen.»

Notre-Dame: So sieht sie nach dem Brand aus

Notre-Dame: So sieht sie nach dem Brand aus

Nach dem verheerenden Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame konzentrieren sich die Arbeiten der Feuerwehr auf den Kampf gegen letzte Brandherde. Zudem geht es darum, neue Feuer zu verhindern.

Als Denkmalschützer des Kantons nennt Schneller weitere mittelalterliche Basler Kirchen mit wertvollen originalen Dachstühlen aus Holz: die ehemalige Klingentalkirche (heute Teil der Kaserne), die Clarakirche oder die Leonhardskirche.

Brandgefahr ist aber nicht das einzige Risiko, das den Kirchen droht. Generell bedauert Daniel Schneller, wie schwierig es sei, genügend Mittel für den Unterhalt von Kirchen zu finden.

«Bei Notre-Dame scheint offenbar nach dem Brand auf Anhieb viel Geld zusammengekommen zu sein», sagt er und meint damit zum Beispiel die 100 Millionen Euro, die ein Milliardär bereits für die Rekonstruktion der Kathedrale versprochen hat. «Dabei ist eine Renovation der Notre-Dame offenbar schon länger aufgeschoben worden, weil das Geld fehlte. Eigentlich müssten wertvolle Baudenkmäler vorbeugend und nachhaltig renoviert werden – es sollte nicht erst die Katastrophe abgewartet werden.»

In Basel harrt beispielsweise der Turmhelm der Elisabethenkirche dringend einer Renovation. Dort drohen Sandsteinelemente vom 72 Meter hohen Glockenturm herunterzufallen. Notfallsmässig mussten Gerüste im Inneren des Turmhelms angebracht werden. Die evangelisch-reformierte Kirche sucht 13,2 Millionen Franken, um eine komplette Sanierung des Gebäudes vornehmen zu können.

Münsterbaumeister Andreas Hindemann bestätigt, dass die Frage der Finanzierung schwierig ist. «Die reformierte Kirche Basel-Stadt trägt mit dem baulichen Unterhalt ihrer Kirchen eine grosse Last. In Zeiten des schwindenden Steuersubstrats ist es ungewiss, wie lang sie das noch kann.»

Vorsicht besser als Nachsicht

Für die katholische Kirche in Basel ist die Restaurierung von Altbauten dagegen kein grosses Thema. Bernhard Glanzmann vom katholischen Kirchenrat Basel-Stadt sagt: «Die allermeisten historischen Kirchen im Kanton gehören den Reformierten. Eine der wichtigsten Kirchen ist die Antoniuskirche im St. Johann-Quartier, die 1925 aber aus Beton erbaut wurde.»

Die einzige mittelalterliche katholische Kirche sei die Clarakirche, die dem Kanton gehöre.
Andreas Hindemann bevorzugt rechtzeitige Restaurierungsarbeiten, um die historische Bausubstanz bewahren zu können. Eine Rekonstruktion sei niemals dasselbe.

«Mittelalterliche Bauten strahlen einen authentischen Charakter aus», sagt er und stellt mit Kummer fest: «Notre-Dame wird wohl nie mehr die Gleiche sein.»

Das Brandrisiko ist auch im Berner Münster ein stetes Thema

Das Brandrisiko ist auch im Berner Münster ein stetiges Thema

Annette Loeffel ist Münsterarchitektin in Bern. Bei Renovationsarbeiten gelangen durch Baugerüste spezielle Brandlasten in die Kirche. Sie und die Bauarbeiter schauen, dass diese ein möglichst geringes Risiko darstellen. So kommen nur noch LED-Bauleuchten zum Einsatz und die Baustelle ist ohne Schlüssel nicht zugänglich. Es werden auch zusätzlich Brandmelder installiert, damit bei einem allfälligen Brand die Feuerwehr schnell vor Ort ist, wie Annette Loeffel im Interview mit Keystone-SDA sagt.