Herr Graf, warum legen manche Menschen vorsätzlich Brände?

Marc Graf: Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die Mehrheit – rund 90 Prozent – legt Brände aus einem normal-psychologischen Motiv; etwa wegen eines Versicherungsbetrugs. Daneben gibt es die so genannt krankhaft Motivierten. Ein ganz kleiner Teil davon sind «echte» Pyromanen; also Menschen, die bei Feuer Erregung verspüren bis hin zur sexuellen Erregung. Die anderen leiden meist an Schizophrenie, Borderline-Störungen, einer Alkoholabhängigkeit oder einer geistigen Behinderung.

Warum werden sie zu Brandstiftern?

Zum Beispiel aus Frust, Wut oder Anspannung. Es gibt Alkoholiker, die in einen Keller einbrechen, dort keinen Alkohol finden und aus lauter Frust einen Brand legen, quasi um dem Kellerbesitzer «eins auszuwischen». Rache ist ein Motiv, das häufig mitspielt. Eines der wichtigsten Motive ist aber das Gefühl von Macht. Manche Brandstifter spielen regelrecht mit den Behörden und geniessen deren Ohnmacht. Das Spiel mit dem Feuer gibt den Tätern Macht, denn Feuer ist gefährlich. Was ein brennendes «Zündhölzli» alles anrichten kann, zeigt Mani Matters Lied eindrücklich. Der Brandstifter kann mit wenig Aufwand sehr viel anrichten und Aufmerksamkeit erregen.

Den typischen Brandstifter gibt es demzufolge nicht?

Genau. Die Palette geht vom geistig Behinderten bis zum Hochintelligenten.

Brandstifter sind also auch nicht zwingend Aussenseiter?

Nein, es gibt sozial gut Integrierte darunter. Viele Brandstifter leben aber schon eher am Rand der Gesellschaft. Es sind Alkoholiker, Behinderte, psychisch Kranke. Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. Das kann zu Wut und Brandstiftungen führen.

Wie wählt ein Brandstifter seine Objekte aus?

Das hängt von seinem Motiv ab. Ein «Borderliner» klärt ab, wo er am meisten Aufmerksamkeit erregen kann. Schizophrene hingegen lassen sich einfach von ihrer Störung leiten. Bei Rachsüchtigen hat das Objekt einen Bezug zur Person, auf die der Brandstifter wütend ist.

Verfolgt der Brandstifter nach seiner Tat gespannt, was er angerichtet hat?

Nicht unbedingt. Da gibt es zwei Gruppen. Die einen sind stolz auf ihre Tat, verfolgen die Nachrichten und bewahren Zeitungsausschnitte auf. Die anderen machen sich desinteressiert aus dem Staub.

Wollen Brandstifter auch Menschen verletzen oder gar töten?

Klar kommt das vor, zum Beispiel bei Rachsüchtigen oder Schizophrenen, die sich oft von religiös gefärbten Wahninhalten leiten lassen. Bei geistig Behinderten ist es aber meist umgekehrt. Die möchten niemandem ein Haar krümmen, sondern schlicht Aufmerksamkeit. Darum passen sie auf, dass niemandem etwas passiert. Aber da sie geistig limitiert sind, machen sie dabei Fehler – was tragisch enden kann. Ähnliches kommt bei den Feuerwehrleuten vor…

…dass es unter den Feuerwehrleuten oft Brandstifter hat, ist also kein böses Gerücht?

Nein, die Feuerwehr – und ich spreche nicht von der Berufsfeuerwehr – zieht wie jede Gruppe halt auch gewisse Leute an. Leute mit einem niedrigen Selbstbewusstsein etwa finden in der Feuerwehr Anerkennung, wenn sie mithelfen, ein Unglück zu verhindern. Und damit sie diese Anerkennung erhalten, legen sie extra Feuer. Dabei kann es vorkommen, dass sie sich überschätzen – und dass ähnlich wie bei den Behinderten etwas passieren kann, das sie nicht gewollt haben.

Kann man davon ausgehen, dass der Brandstifter jeweils aus der Region kommt, in der er Feuer legt?

Ja, mir sind jedenfalls keine anderen Fälle bekannt. Bei Brandstiftungen braucht es meist gute Ortskenntnisse. Für die Ermittlungen arbeitet man darum auch mit einem geografischen Profiling.

Wie geht man da vor?

Man untersucht die Lage vor Ort, bildet Hypothesen, rechnet aus, wie lange der Brandstifter mit welchem Verkehrsmittel hat, um zum Brandort zu kommen. Bei den Brandstiftern gibt es spannende Gesetzesmässigkeiten, ähnlich wie bei den Vergewaltigern. Beide begehen ihre Taten in der Regel in ihrer Region, aber nie in unmittelbarer Nähe des Wohnorts. Schaut man bei Serien-Vergewaltigern auf einer Karte die Tatorte an, findet man in der Mitte eine Region, in der keine Delikte vorkamen. Dort in der Mitte wohnt oft der Täter. Bei Brandstiftern ist dieses Muster ähnlich.

Warum kommt es bei den Brandstiftungen häufig zu Serien?

Wenn es mal geklappt hat, ist das ein Erfolgserlebnis für den Täter. Das kann zu einer Verhaltenssucht führen. Er legt immer wieder Brände, um dieses Hochgefühl immer wieder zu erleben. Wenn die Serien ein gewisses Ausmass erreicht haben, ist es sehr selten, dass der Täter von sich aus stoppt. Brandstifter hören in aller Regel erst auf, wenn sie erwischt werden.

Vom Riehener Feuerteufel hört man jetzt seit einem halben Jahr nichts mehr.

Ein Grund für das Aufhören oder eine Pause kann auch eine Erkrankung oder der Tod sein. Oder eine positive Veränderung: Der Täter ist eine neue, befriedigende Beziehung eingegangen, oder er hat einen neuen Job. Denkbar ist zudem, dass er fast erwischt wurde. Es kommt vor, dass ein Brandstifter einvernommen wird, dass man ihm die Taten aber nicht beweisen kann. Für den Täter ist dies eine Warnung. Das Wissen, praktisch entdeckt zu sein, kann einen Brandstifter dazu bringen aufzuhören.