AHV, Fünftage-Woche, Kündigungsschutz - all diese Anliegen der Arbeiterschaft sind heute erreicht. Folglich ist der Tag der Arbeit ein längst überholter Feiertag. Oder?

«Mitnichten», wehrt sich Rudolf Rechsteiner, Alt-Nationalrat und SP-Grossrat in Basel. Es gehe am 1. Mai auch um soziale Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch. «Man sollte den 1. Mai nicht nur mit sozialen Errungenschaften gleichsetzen, sondern auch mit Selbstbestimmung und Menschenrechten.» Gibt es denn in diesem Bereich noch Handlungsbedarf? «Auf jeden Fall», findet Rechsteiner. «Die steigende Überwachung ist eine Gefahr, welche die Freiheit aufs Spiel setzt.» Auch Armut sei in der Schweiz nach wie vor ein Thema.

Zudem hat der 1. Mai für Rechsteiner vor allem die Aufgabe, «die emanzipatorische Kraft des Einzelnen in Erinnerung zu rufen: Wir sind stark, wenn wir gemeinsam handeln.» Rechsteiner erinnert sich an einen Satz in der «Internationalen» – dem Kampflied der Arbeiterbewegung: «Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun, uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun.» Das sei «ein extrem guter Satz, fast schon liberal». Es sei zudem die einzige Stelle in der «Internationalen», die ihm wirklich gefalle.

Am 1. Mai gehe es aber nicht nur um grosse Anliegen. «Ich treffe am 1. Mai immer viele alte Bekannte. Das ist ein schöner Tag – eine Art linker Stammtisch, voller Erinnerungen an politische Auseinandersetzungen, die wir gewonnen oder auch verloren haben», sagt Rechsteiner.

Über die Arbeit nachdenken

Für Urs Müller, Basta-Grossrat und linkes Basler Urgestein, hat der 1. Mai neben den Kampfanliegen eine weitere wichtige Funktion: «Der Tag bietet uns Zeit, um über die Arbeit nachzudenken. In dem Sinn ist der 1. Mai ein Tag, an dem nicht nur die Forderungen im Vordergrund stehen, sondern auch das Zusammensein.» Aber es stimme schon: «Wir haben eine gute Situation in ganz Europa, in der Schweiz ohnehin. Wenn ich an Spanien und Portugal mit über 20 Prozent Arbeitslosigkeit denke, dann haben wir es in der Schweiz besser.»

Die Arbeitsbedingungen hierzulande seien sehr gut. Man vergleiche nur mal eine Textilfabrik in Bangladesch mit der Pharmaproduktion in Stein. Dafür sei er dankbar und dazu müssten wir Sorge tragen. «Mir kommt da aber auch die Ukraine in den Sinn.» Das habe zwar mit den Arbeitsbedingungen wenig zu tun, aber auch das müsse die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer etwas angehen. «Stehen wir vor neuen kriegerischen Auseinandersetzungen? Und wenn ja, was bedeutet das?»

Für SP-Grossrätin Sarah Wyss ist der 1. Mai nicht nur ein Tag des Kampfes, sondern auch ein Tag der Erinnerung: «Am 1. Mai erinnert man sich daran, dass die Errungenschaften von heute nicht selbstverständlich sind.» Es gebe aber schon noch offene Punkte, abgesehen vom Mindestlohn. Es gehe auch um weitere Gesamtarbeitsverträge und um – je nach Branche und Berufen – höhere Mindestlöhne. Dass am Tag der Arbeit nicht mehr viele Arbeiter demonstrieren, stört Sarah Wyss nicht. «Ja es stimmt, es sind nicht mehr viele. Man hat halt schon einiges erreicht.»

Gar keine oder zu viel Arbeit

«Natürlich braucht es den 1. Mai noch!», sagt SP-Grossrätin Tanja Soland. Manche Forderungen der Arbeiterbewegung seien inzwischen zwar erfüllt. Zurücklehnen könne man sich deswegen nicht. «Im Tieflohnbereich etwa gibt es noch viel zu tun», sagt Soland – und zwar auch, wenn die Mindestlohninitiative am 18. Mai angenommen werde. «Die Probleme für Familien wären damit nicht gelöst», sagt sie. Mit 4000 Franken im Monat könne man nämlich keine Familie ernähren.

Die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich ist es auch, was Gewerkschafter Hansueli Scheidegger jedes Jahr am 1. Mai auf die Strasse treibt: «Arm und Reich driften auseinander.» Doch das sei nicht die einzige Ungleichverteilung, an der unsere moderne Berufswelt kranke: «Die Arbeit ist ungleich verteilt», stellt Scheidegger fest. Diejenigen, die einen Job hätten, arbeiteten zu viel und ruinierten ihre Gesundheit. Andere hätten dagegen gar keine Arbeit.

So ist für die Linke der 1. Mai nach wie vor unverzichtbar. Und auch wenn viel sozialromantisches Pathos mitschwingt, macht der Tag der Arbeit doch auf den einen oder anderen Missstand aufmerksam. Auch wenn man selber nicht links wählt.