Forschung

Britischer Aussenminister Johnson ist mit der Barfüsser-Mumie verwandt – jetzt meldet er sich auf Twitter

Bei der Barfüssermumie handelt es sich um die Basler Pfarrersfrau Anna Catharina Bischoff. Fun fact: Der britische Aussenminister gehört zu ihren Nachkommen. Und auch die 90-jährige Baslerin Rosemarie Ryhiner stammt von ihr ab.

Wissenschaft heisst so, weil sie Wissen schafft. Dies rief heute Basil Thüring, Co-Direktor des Naturhistorischen Museums Basel in Erinnerung, als er mit seinem Team ein Geheimnis lüftete: Die Identität der sogenannten Barfüssermumie, die 1975 bei Renovationsarbeiten der Basler Barfüsserkirche auftauchte und seither namenlos war.

Vor zwei Jahren stellte man sich vor der Sonderausstellung «Mumien – Rätsel der Zeit» die Aufgabe, die Identität dieser Person zu eruieren. Damit lancierte man eine kriminalistische Spurensuche, in die am Ende fast 40 internationale Forscher involviert waren, angeführt vom hausinternen Anthropologen Gerhard Hotz. Das Resultat: «Eine Sensation», sagt Hotz. «Weltweit ist es zum ersten Mal gelungen, eine historische Mumie ohne jegliche Vorkenntnisse zu identifizieren.»

_________

Boris Johnson äussert sich auf Twitter zu seiner «Mumien-Verwandtschaft»

_________

Wochen in Archiven und Labors

Das Monsterprojekt sei nur möglich gewesen, weil zahlreiche Forscher sich begeistert von der Suche anstecken liessen und gerade im Bereich Ahnenforschung unzählige Arbeitstage im Ehrenamt ausgeführt wurden.

Die Arbeit liest sich ein bisschen wie das Drehbuch einer CSI-Folge: Zunächst galt es, in Archiven Informationen und Verzeichnisse über die Kirchengräber zu finden. Diese waren unvollständig, es war mitunter ein Stochern im Trüben. Bis man 2016 in historischen Akten auf mögliche Namen der Mumie stiess: Diese waren schon 1843 entdeckt worden, als man die Barfüsserkirche in ein Kaufhaus umbaute. Und wurde danach wieder in einem Schacht vergraben.

Sicher war man sich, dass es sich um eine wohlgenährte Frau handelte, die nur 1.40 Meter gross war. Ein Kind schloss man aus – denn Kinder wären nicht an so prominenter Stelle in der Kirche begraben worden. Unweit entfernt von Bürgermeister Wettstein. «Die Mumie war entweder Angehörige des Klerus oder sehr vermögend», stand für Anthropologe Hotz fest. Das half, den Kreis einzugrenzen.

Wer hat in Europa mehr Erfahrung mit Mumien als die Südtiroler? Dort, wo man sich mit der Gletschermumie Ötzi beschäftigt, untersuchte man nun die Basler Barfüssermumie: Ötzi-Experte Albert Zink gelang es, aus dem grossen Zeh der Dame die mitochondriale DNA zu isolieren. Ein heikles Unterfangen, auch, weil man die Mumie nicht beschädigen oder kontaminieren durfte. Und mit einer Probe im Milligrammbereich arbeitete.

Der Erfolg hatte einen Haken: Diese mitochondriale DNA wird von Müttern an ihre Kinder vererbt, aber nur Töchter können sie weitergeben. Das stellte das sechsköpfige Team um die Genealogin Diana Gysin vor eine schier unlösbare Aufgabe: Sie mussten einen Stammbaum mütterlicherseits aufarbeiten, wo doch Frauen durch die Heirat ihre Namen änderten.
Wochenlang betrieb ein mehrköpfiges Team Ahnenforschung und stiess am Ende auf Nachfahren, die 15 Generationen von der Mumie getrennt waren – und noch lebten: die Basler Geschwister Rosemarie und Hans Peter Ryhiner.

Prominente Verwandtschaft

Ihre Speichelproben wurden unabhängig voneinander in Labors in Bozen und Lausanne untersucht und mit der DNA der Mumie verglichen. Volltreffer: Zu 99,8 Prozent stammten sie ursprünglich von der gleichen Mutter ab. In Kombination mit den historischen Akten stand nun fest: Bei der «Dame aus der Barfüsserkirche» musste es sich um Anna Catharina Bischoff handeln. Sie kam 1719 als Pfarrerstochter in Strassburg zur Welt, heiratete den Pfarrer Lucas Gernler, brachte sieben Kinder zur Welt, von der allerdings die wenigsten die Kindheit überlebten. Bischoff selber wurde 68 Jahre alt. An Syphilis erkrankt – vermutlich durch die Tätigkeit als Pflegerin –, wurde sie mit giftigen Quecksilberdämpfen behandelt. Das tötete sie. Und das führte auch zur Mumifizierung.

Zu den Vorfahren von Anna Catharina Bischoff gehörte der bekannte Buchdrucker Johannes Froben. Und zu ihren berühmtesten Nachfahren – what a Surprise! – der britische Aussenminister Boris Johnson, wiederum ein Verwandter der Queen. No Joke!

Dieser meldete sich gestern Abend auch noch via dem Kurznachrichtendienst Twitter und zeigte sich erfreut über seine «late grand mummy» (übersetzt etwa: «seelige Gross-Mumie») – eine Pionierin in «sexual health care».

Und was sagt die 90-jährige Baslerin Rosemarie Probst-Ryhiner zu ihrer Verwandten? «Ich war ganz erstaunt», so die muntere Dame, «Pfarrfamilien finden sich eigentlich eher unter den Vorfahren meines Mannes.»

Die Forschungsarbeiten an ihrer Vorfahrin begrüsst sie, man habe sie nicht zum DNA-Test überreden müssen. «Ich habe selber als medizinische Laborantin gearbeitet und weiss, wie wichtig das ist – und dass hier seriös geforscht wird.»

Die Forschung geht übrigens weiter: Wie hat Bischoff gelebt, wie sich ernährt? Diese Fragen beschäftigen die Wissenschaftler in den nächsten Monaten.

Meistgesehen

Artboard 1