Bruder Richard, am Taizé-Treffen über die Weihnachtstage werden in Basel bis zu 20'000 Menschen erwartet. Ich stelle mir das hektisch vor. Ist Religiosität nicht etwas, was man eher in Ruhe ausleben will?

Bruder Richard: Viele sind ja gar nicht in Basel, sondern in kleinen Dörfern in der Umgebung zuhause, wo sie den Vormittag verbringen. Die Konzentration ist erst abends, wenn die Gebete im St. Jakob stattfinden. Aber auch hier herrscht sehr viel Stille. Uns ist es wichtig, dass es in der grossen Masse auch Raum gibt für persönliche Begegnungen. Grundsätzlich gibt es kulturelle Unterschiede. Wenn beispielsweise Schweden nach Taizé kommen, dann sind es sehr wenige. Nordeuropäer suchen die Ruhe. Mittel- und Südeuropäer kommen gerne in grossen Gruppen.

Zu Spitzenzeiten besuchten 100'000 Menschen das Europäische Jugendtreffen. Diese Marke wird in diesem Jahr deutlich verfehlt. Spüren auch Sie inzwischen eine allgemeine Abkehr der Jugend vom Glauben?

Man muss sehen, dass in den 90er-Jahren andere Umstände vorherrschten. Als der Eiserne Vorhang fiel, wollten viele einfach nur reisen. Und die Jugendtreffen waren eine gute Möglichkeit, günstig ins Ausland zu kommen. Aber ja, wir erleben den Trend auch. Der Druck ist gross. Andere Dinge sollten wichtiger sein als der Glaube. Heute zählt es mehr, finanziell Erfolg zu haben. Zudem gibt es viel mehr kulturelle Möglichkeiten. Der Glaube gehört nicht mehr automatisch dazu. Man muss den Weg dorthin finden.

Sind denn die Gläubigen heute zumindest engagierter, wenn sie sich ihren Weg selber gebahnt haben?

Es gab die Engagierten auch schon vor 20 oder 30 Jahren, aber damals gab es viele, die einfach mitliefen. Die gibt es noch – und das ist auch wichtig, denn diese Treffen sollen nichts Elitäres haben. Wir wollen, dass alle, die sich von der Suche nach Gott angesprochen fühlen, dazugehören.

Aber Sie sind doch in der glücklichen Situation, dass ihre Gemeinschaft in Taizé boomt.

Es gibt sehr viele, die zu uns kommen – aber sehr wenige, die bleiben. Da haben wir das gleiche Problem wie die anderen Kloster. Viele interessieren sich sehr für das Klosterleben. Ich sage dann: «Du kannst gerne vorbeikommen und einen Monat, ein Jahr bleiben.» In den meisten Fällen stellt sich heraus, dass es eine Sehnsucht nach etwas Tieferem war, aber dass sie letztlich doch lieber heiraten wollen oder sonst etwas tun, das nicht mit dem Klosterleben vereinbar ist.

Sie leben als Mönch in einfachen Verhältnissen. Ärgert Sie der Konsumwahn an Weihnachten?

Nein, ich rege mich nicht darüber auf. Dass das in meinen Augen Wesentliche untergeht im Konsum, beobachte ich natürlich auch. Aber ich sehe es auch positiv: Gestern war ich in der Rheingasse und habe die Leute beobachtet, die Glühwein tranken und Pommes frites assen. Das ist ja auch schön, auch wenn die Leute nicht wissen, warum sie Weihnachten feiern. Das Evangelium ist so grosszügig, dass es auch für die reicht, die nicht ganz begriffen haben, worum es geht.

Weihnachten wird immer mehr zur Partyveranstaltung. Können Sie nachvollziehen, dass man am 24. Dezember in den Ausgang geht?

Es tut mir natürlich leid, dass viele das machen. Aber ich würde ihnen die Freude nicht verderben wollen. Weil es für sie ein wichtiger Augenblick ist, wo sie Freundschaften pflegen und aus dem Alltagstrott rauskommen. Und ich glaube, das ist die gleiche Sehnsucht, welche die gleichen Leute Jahre später zum Glauben zurückführt.

In Ihrem Werben um Unterkunftsplätze für das Jugendtreffen betonen Sie, dass die Gäste nur wenig brauchen. Ein Frühstück und einen Schlafplatz am Boden. Wie echt ist diese Bescheidenheit?

Ich stelle eine asynchrone Entwicklung fest. Für Ukrainer und Polen ist das Materielle viel wichtiger. Für sie ist es nicht selbstverständlich, eine Stelle und einen Wohnsitz zu haben. Bei uns sagen sich immer mehr: Auf dem Niveau können wir nicht mehr weiterleben. Das ist ja auch ein Trend: dass man sich über die Nachhaltigkeit Gedanken macht.

Welche Bedeutung hat Weihnachten für Sie heute?

Weihnachten bleibt nicht zuletzt wegen der Kindheitserinnerungen etwas Spezielles. Aber heute geht es um das Inhaltliche. Wir suchen Gott in den grossen Gedanken und erinnern uns daran, dass er auch so klein sein kann wie ein Kind, das gerade erst geboren wird. Kein Mensch ist es nicht wert, bewohnt zu werden vom Heiligen Geist und von Gott. Eine alte christliche Tradition vergleicht die Krippe in Bethlehem und das menschliche Herz. Was nützte es, wenn Jesus tausendmal geboren wurde, aber nicht in unserem Herzen?

Sie sind seit knapp drei Monaten in Basel. Es ist dies von den bisher 39 Veranstaltungsorten die kleinste Stadt. Gefällt sie Ihnen?

Sehr. Besonders gefällt mir die Offenheit. Wenn man auf die Strasse geht hier im Kleinbasel, hört man verschiedenste Sprachen, Serbisch, Kroatisch und Türkisch. Und natürlich der Rhein! Als ich Ende September herkam, konnte man noch baden.

Haben Sie sich Neujahrsvorsätze genommen?

Nein, dafür habe ich keine Zeit. Ich bin dafür, dass man heute lebt. Und dann morgen wieder.

Haben Sie auch keine Ziele im Leben?

Ich habe keine Liste, wo drauf steht, was ich noch tun muss. Ein Buch zu schreiben wär schön. Und die Kontakte zu Südosteuropa zu nutzen und vertiefen. Es kommen aus diesen Regionen ziemlich wenig Menschen nach Taizé.

Kurz nach der Schule zog es Sie nach Taizé. Hatten Sie nie Sehnsucht nach dem profanen Leben?

Ich habe gemerkt, dass man nicht alles haben kann im Leben. Gerade anfänglich war es aber nicht einfach in Taizé. Mir fehlte als Berner die Nähe zu den Bergen und der Schnee. In der Region Taizé ist man bereits nach zwei Stunden am höchsten Punkt angelangt. Auch vermisste ich die Freunde, die ich im Gymnasium hatte. Aber wenn ich in Bern geblieben wäre, hätte ich nie all die Bekanntschaften aus verschiedensten Kulturen gemacht, die ich in Taizé gemacht habe. Dennoch ist mein Leben verbunden mit Verzicht.

Welches ist der schmerzhafteste?

Besonders mit 19, 20 Jahren, als ich auszog, war es schwierig. Ich musste mich erst mit dem Gedanken anfreunden, dass man nicht alles aufs Mal haben kann und stattdessen auf die eine gute Karte setzt. Im Evangelium gibt es passend dazu die Geschichte des Perlenhändlers, der viele Perlen hat, aber seine ganze Sammlung für die Eine verkauft, die er unbedingt will. So sehe ich das Leben als Mönch.

Hatten Sie nie das Bedürfnis nach einer Beziehung mit einer Frau?

Doch, selbstverständlich. Aber ich hatte ja auch genügend Zeit, mir zu überlegen, ob ich zölibatär leben kann. Aber es ist etwas anderes, ob man 20 ist oder in meinem Alter. Da lässt das Verlangen nach.

Sie haben sich nie in eine verliebt?

Es gibt viele verschiedene Grade von Verliebtheit. Aber nie genügend stark, dass es mich aus der Gemeinschaft gezogen hätte.

Können Sie nachvollziehen, dass man wegen einer Frau das Klosterleben aufgibt?

Das gibt es immer wieder, das kann ich auch nachvollziehen.

Sie sind nicht verheiratet, tragen aber trotzdem ein Schmuckstück, das einem Ehering ähnlich sieht. Warum?

Wenn wir in die Gemeinschaft eintreten, tragen wir erst das weisse Gebetsgewand, das Sie sicher auch schon gesehen haben. Nach ein paar Jahren Vorbereitungszeit gibt es eine Feier, wo man sich zur Gemeinschaft und zum Zölibat bekennen muss. Dazu das Bekenntnis, mit Gott zu leben. Also ist es letztlich auch ein Ehering.

Zum Schluss dieses Interviews noch eine buchstäblich letzte Frage: Hat man weniger Angst vor dem Tod, wenn man sich so viel damit beschäftigt wie Sie?

Vielleicht weniger Angst vor dem Tod, aber nicht unbedingt weniger Angst vor dem Sterben. Die Angst davor, was passiert, wenn es langsam zu Ende geht, ist fast biologisch. Die trägt man in sich. Aber weniger Angst vor dem Tod habe ich, weil ich das Vertrauen habe, dass es nicht einfach ins Nichts führt, sondern dorthin, wo jemand auf uns wartet, der uns gern hat. Der Glaube nimmt nicht die Ängste oder Sorgen weg. Aber ich vergleiche es ein bisschen mit der Sonne, die in ein Nebelmeer scheint. Die drückt zwar den Nebel nicht weg, aber lässt alles das Ganze schön und nicht beängstigend aussehen.