Literatur

BuchBasel 2017 – Festival mit nachdenklichem Anstrich

Gegen hundert Veranstaltungen hatten die Verantwortlichen Katrin Eckert und Philine Erni zusammengetragen und auf 31 Orte verteilt. Ein Streifzug durch die 15. BuchBasel 2017 – mit Funken- und Paukenschlägen.

Der Blick des älteren Ehepaars trug eine Mischung aus Unbehagen und Ungläubigkeit durch die Webergasse, ein leichtes Zögern, ein Blick ins Programmheft. Tatsächlich, hier wird gelesen! Die BuchBasel expandierte 2017 in ein Musterbüro der SCOPE – und das steht nun mal im horizontalen Milieu. Also spazierten distinguierte Literaturpilger vorbei an Lederpumps und Minirock zur Hausnummer 34, wo schon die bunten Fahnen des Festivals am Einlass grüssen.

Was für eine treffliche Adresse, um über das Motto des 15. Basler Literaturfestivals nachzudenken, das da lautet: Unerhört! Ein schillernder Ausruf, der sowohl Empörung als auch Taubheit bedeuten kann und damit ganz hervorragend passt in diese Zeit multipler Wahrheiten und Perspektiven. Ein kluges Motto, also hingehört, wo während dreier Tage gelesen, zugehört, diskutiert und geschwiegen wurde. Ein Streifzug durch das Festivalprogramm.

Das präsentiert sich zur diesjährigen Ausgabe ausgesprochen politisch. «Kuratieren heisst für Veranstalter auch, Haltung zu zeigen», sagte Hans Georg Signer, Präsident des Vereins LiteraturBasel, am Willkommensapéro am Freitagabend. «Wir beobachten ein Wiedererstarken des Nationalismus und der Verachtung der Demokratie, eine Diskreditierung des Feminismus und die Abwertung der Menschenrechte.»

Am Rad der Gesellschaft drehen

Die BuchBasel wollte dem entgegentreten, nicht polemisch, nicht mit dem Gestus der Selbstüberschätzung. Aber indem sie jenen das Wort gab, die kraft ihrer Texte versuchen, am Rad der Gesellschaft mitzudrehen, sei es in Israel wie Lizzy Doron, Indien (Pankaj Mishra) oder Russland (Michail Schischkin). «Wir wollen nicht polarisieren, wir wollen Nachdenklichkeit», sagte Signer, und richtete sich damit auch an die Kritiker vergangener Jahre, die der BuchBasel mangelnde Streitlust zum Vorwurf machten.

Im Festsaal nahm mit der Eröffnungsrede Michail Schischkins das offizielle Programm seinen Lauf, und es wurde gleich klar, wie politisch, wie nachdenklich das Festival werden sollte.

Erzähler Schischkin hat sich mit scharfer Kritik an der Machtpolitik Putins in seinem Heimatland viel Argwohn, ausserhalb Russlands umso mehr Respekt erarbeitet, seine Worte rieselten darum wie saurer Regen in den Saal: «Die Literatur hat versagt.» Und weiter: «Nicht einmal die besten Bücher vermögen die Welt auch nur um eine Note besser zu machen. Oder glauben Sie, jene, die die Krim besetzt hatten, haben die grossen russischen Klassiker nicht gelesen?» Es sei trügerisch, auf die Vernunft der Leser zu bauen, sagte Schischkin, es werden immer Diktatoren, immer auch Kriegstreiber darunter sein. Darin aber liege die Stärke der Literatur: Erst wenn sie sich nicht zu sehr auf das Publikum stützte, könne sie frei werden.

Mit diesen Worten leicht unbehaglich bedacht, strömte das lesende Mängelwesen in die Nacht hinaus. Unter den tropfenden Kastanien hindurch, vorbei am Lichtermeer der Messebahnen, hinein in den Innenhof der Fahrradwerkstätte «Obst & Gemüse». Zwischen Reifen und Schläuchen hatte sich dort ein ganz eigenes Flickwerk ausgebreitet: Das Westschweizer Schreibkollektiv AJAR, das mit «Unter diesen Linden» einen der eigenwilligsten Romane im Schweizer Buchjahr 2017 vorlegte. Darauf muss man erst einmal kommen: Eine Dropbox dient den Autoren als literarischer Container, der aus den unterschiedlichsten Ecken der Westschweiz mit Textfragmenten gespeist wird. Dass ein so gewachsener Text nicht Stückwerk bleiben muss, zeigte die Performance AJARs, die damit beinahe bruchlos durch die Stile, Genres und Sprachen mäanderte.

«Mama schau, da brennt’s» sagte wenig später ein Bub, den Finger von draussen auf die Schaufensterscheibe der Buchhandlung Kosmos gerichtet. Drinnen stoben die Funken, als Meral Kureyshi im stockfinsteren Raum ihren Text vorlas, eine Wunderkerze in der Hand. Das «Kosmos» feierte mit der BuchBasel seinen zweiten Geburtstag, höchste Zeit also für Wunderkerzen, die dem ersten Tag der BuchBasel einen buchstäblich funkensprühenden Abschluss bescherten.

Gegen hundert Veranstaltungen hatten die Verantwortlichen Katrin Eckert und Philine Erni zusammengetragen und auf 31 Orte verteilt. Nur gut, dass auf diesem weiten Feld Platz blieb für Nischen wie das «Kosmos» oder das Büro der SCOPE, in ihnen liess es sich ganz ausgezeichnet stöbern.

Vom Funkenschlag am Freitagabend war es zu den Paukenschlägen der Schwerpunktreihe «Unerhört!» nicht mehr weit. Zum Beispiel bei Lizzie Doron, der Grande Dame Israelischer Literatur, deren Ruf in der Heimat verblasst, seit sie aufgehört hat, über den Holocaust zu schreiben, und sich mit «Sweet Occupation» dem Israel-Palästina-Konflikt zuwandte. Mehr als ein Jahr lang hat sie mit israelischen Kriegsdienstverweigerern und ehemaligen palästinensischen Terroristen gesprochen und dabei jenen das Wort gegeben, deren Stimmen untergehen im andauernden Geheul der Sirenen.

Denkverbote

Doron sprach energisch, so als wolle sie das Publikum hineinzwingen in die Gesprächssituation am Cafétisch in Tel Aviv, vis-à-vis einem ehemaligen Killer. Schwer vorzustellen, was Doron dabei durchlebte. Unerhört, was danach geschah: Das Manuskript, ein Protokoll des Friedens, fand keinen Verlag. Die falsche Zeit, Thema tabu, hiess es aus Israel, England und Frankreich, bis sich der deutsche dtv-Verlag entschied, den Text zu drucken. «Ich hätte nicht gedacht, dass gewisse Denkverbote grenzübergreifend so präsent sind», sagte Doron, «doch sie sind es, Gift für die Literatur».

Es waren ähnliche Worte, wie sie am Vorabend Schischkin formulierte. Worte der Mahnung, Worte der leisen Resignation. Es waren die Ausrufezeichen zweier literarischer Grössen, die der BuchBasel 2017 einen nachdenklichen Anstrich verpassten.

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