Basel

Buchhandlungs-Inhaber: «Jetzt bitte nicht auch noch ein Tram nach St. Louis!»

Gespräch mit Jens Stocker der Buchhandlung Bider&Tanner.

Gespräch mit Jens Stocker der Buchhandlung Bider&Tanner.

Eigentlich ist Jens Stocker, Inhaber der Buchhandlung Bider&Tanner, ganz zufrieden mit seinem Geschäftsverlauf. Trotzdem ist er der Meinung, dass Basel zu wenig für seine Läden tut. Definitiv zu viel findet er noch ein Tram ins Dreiland.

Einerseits ist Jens Stocker privilegiert: Direkt vor seiner Buchhandlung befinden sich die beiden «Bankverein»-Haltestellen der BVB, wo insgesamt neun Tramlinien Station machen. Selbst während der Bauzeit der BVB auf dem Marktplatz ist sein Geschäft also bestens erreichbar. Andererseits hat Jens Stocker ein grosses Problem: Die Bücher, die er verkauft, unterscheiden sich in nichts von den Büchern, die man in Deutschland kaufen kann. Und auf allen Büchern ist auch noch der günstigere Euro-Preis aufgedruckt. Grund genug, bei Stocker nachzufragen, wie sein Geschäft in den Zeiten von Frankenkrise und neuem Verkehrsregime in Basel läuft.

Der Buchhandel steckt schon länger in der Krise, dann kam der harte Franken und die verkehrsfreie Innenstadt und jetzt dürfen auch die Trams nicht mehr fahren – Ihnen muss es miserabel gehen, Herr Stocker?

Jens Stocker: Der hohe Franken ist eine Tatsache, betrifft aber nicht nur mich. Wir haben in der Tat eine Buchhandelskrise, sie betrifft aber auch nicht nur mich und beides bedeutet nicht unbedingt, dass es mir miserabel geht. Im Gegenteil: Es kommt drauf an was man aus der Krise macht. Wir verkaufen nicht weniger als im letzten Jahr, aber wir verkaufen Bücher, Tickets und Tonträger günstiger. Wir haben für uns den Weg gefunden. Ich klage nicht. Als Basler Familienbetrieb geht es uns gut.

Der starke Franken muss Sie doch ausserordentlich betreffen, schliesslich ist das Buch diesseits und jenseits der Grenze dasselbe Buch, bloss der Preis ist unterschiedlich?

Das ist bei Kosmetika und Markenartikeln auch so, die Preisunterschiede sind da sogar noch grösser. Bei den Büchern ist die Situation speziell, weil 80 Prozent der Verlage in Deutschland angesiedelt sind. Wir leben in der Schweiz auf einer Hochpreisinsel, nicht nur was die Kosten, sondern auch, was die Löhne angeht. In Lörrach oder Weil verdient eine ausgelernte Buchhändlerin mit 10 Jahren Erfahrung 1700 Euro im Monat. In der Schweiz hat eine Buchhändlerin, die eine dreijährige Ausbildung gemacht hat, einen Anfangslohn von 4000 Franken im Monat. Deshalb müssen wir in der Schweiz für dasselbe Produkt andere Preise haben als die Buchhändler im Euroland. Dass sich das in einem bestimmten Range befinden sollte, den die Kunden nachvollziehen können, ist klar. Die Frage ist, wo es sich einpendeln soll.

Haben die Buchhandlungen in Weil und Lörrach auch Schweizer Kunden?

Selbstverständlich haben sie das, die hatten sie auch schon vorher, sie haben aber nicht signifikant mehr Kunden. Ein Kunde geht nicht eines Buchs wegen nach Deutschland, sondern wegen Kleidern, Esswaren und Kosmetika und nimmt dann vielleicht im Vorbeigehen auch ein Buch mit. Im Übrigen haben auch wir einige Kunden aus Deutschland...

Kommen wir zur verkehrsfreien Innenstadt. Die sollte sie nicht betreffen, oder?

Doch, die betrifft auch mich. Ich bin kein Gegner einer verkehrsfreien Innenstadt, man sollte aber zuerst das Fundament dafür legen, also um Basel herum die nötigen Parkhäuser bauen. Auf dieser Basis würde eine verkehrsfreie Innenstadt funktionieren. Ich kann es nicht verstehen, dass man ein neues Kunstmuseum baut und mehr Auswärtige anziehen will, aber keinerlei Parkraum schafft. Gegen den starken Franken können wir nichts machen. Im Kanton aber können wir die Verhältnisse ändern. Da muss etwas geschehen.

Im Moment haben wir ja nicht einmal Trams in der Innenstadt. Merken Sie das? Die Haltestelle vor Ihrem Laden wird ja nach wie vor bedient.

Wir haben im Buchhandel eine eher ältere Kundschaft. Wir haben deshalb viele Kunden, die nicht in die Stadt kommen, weil sie nicht wissen, wie sie sich da fortbewegen sollen. Es wäre doch kein Problem gewesen, ein kleines Büsschen zu organisieren etwa wie in Colmar, das durch die Freie Strasse fährt während der Bauzeit. So etwas wäre mir viel wichtiger als ein White Dinner...

Wie wichtig sind für Sie die Trams vor dem Haus?

Essenziell. Die Lage des Geschäfts ist heutzutage das A und O. Die Lage und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entscheiden über den Erfolg. Die Leute wollen heute kurze, einfache Wege und gut erreichbare Hotspots. So gesehen sind wir gut bedient. Die Tramstation Bankverein liegt direkt vor dem Haus und die Parkhäuser von Migros, Anfos und Aeschenplatz sind relativ nah, das ist eine gute Ausgangslage.

Das heisst: Sie finden es eine gute Idee, das Tramnetz auszubauen?

Wenn das innerhalb der Stadtgrenzen stattfindet, ist das eine gute Idee. Ich bin auch ein Freund des trinationalen Gedankens. Nur muss man das Gute zum richtigen Zeitpunkt machen. Der 8er nach Weil kam definitiv zum falschen Zeitpunkt. Das konnte man nicht voraussehen, da kann man niemandem einen Strick drehen. Nur dürfen wir jetzt den Fahrplan nicht noch verdichten, das haben wir in den eigenen Händen. Und wir dürfen den Fehler nicht wiederholten und jetzt noch ein Tram nach St. Louis bauen. Bitte nicht.

Aber in St. Louis spricht man französisch, das sollte für einen Buchhändler doch keine Konkurrenz darstellen?

Es geht mir nicht nur um die Bücher. So gesehen stört es mich nicht. Es geht mir um den Detailhandel in der Stadt Basel generell. In St. Louis oder in Mulhouse gibt es keine Buchhandlung, die für uns eine Konkurrenz wäre. Das gibt es im Übrigen auch in Weil oder in Lörrach nicht. Die Basler Bevölkerung hat mit unserem Laden und anderen Geschäften in der Innenstadt ein Angebot, das man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen darf. Wenn es so weitergeht, kann es zur Katastrophe kommen.

Ist das nicht etwas heuchlerisch? Viele Läden schliessen doch nur vordergründig wegen Franken und Verkehrskonzept, in Tat und Wahrheit wollen die Besitzer mehr Geld aus ihren Liegenschaften herausholen.

Natürlich wird da manchmal nach aussen eine Schliessung anders verkauft und effektiv stecken andere Gründe dahinter. Trotzdem: Wir können gegenüber unserem Umland mit vielen Dingen aufwarten, wir haben Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze und können entsprechende Löhne bezahlen. Gegen den harten Franken können wir nichts tun. Aber es gibt Faktoren, die wir beeinflussen können. Also sollten wir sie auch beeinflussen. Diese Faktoren sind: Verkehrssituation, Parkplätze und das Tramangebot. Den harten Franken müssen wir hinnehmen. Sehen Sie: Der Durchschnittspreis eines Buchs liegt zwischen 25 und 26 Franken. Wie lange liest man an einem Buch? So günstig gibt es doch kein anderes Freizeitvergnügen.

Was müsste man in Basel denn konkret anpacken?

Die Stärken betonen, also die Individualität und Eigenständigkeit, die «Bâleness» der Unternehmen in der Stadt in den Vordergrund stellen und das auch leben. Detailhandelsbetriebe in Basel, die einzigartig und einmalig sind, sollten sich branchenübergreifend helfen, indem sie sich gegenseitig zu Kundschaft verhelfen zum Beispiel mit gemeinsamem Marketing. Und dann noch die Sicherheit. Unsere Kundschaft hat Mühe, wenn es dunkel wird, weil sie sich dann nicht mehr sicher fühlen. Dagegen sollte man etwas unternehmen.

Gegen die Dunkelheit oder die Unsicherheit?

Gegen die Unsicherheit natürlich. An Hotspots sollte optisch sichtbar mehr Polizei zur Verfügung stellen. In Frankreich steht auf einem Marktplatz oder am Bahnhof permanent eine Streife. Das strahlt, gerade für ältere Leute, Sicherheit aus. Das fehlt mir hier.

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