Asylsuchende

Bund fasst Sex-Kurse für Flüchtlinge ins Auge – die regionalen Behörden sind aber skeptisch

Sex-Attacken junger Männer von der Silvesternacht in Köln und anderen deutschen Städten haben die aktuelle Debatte ausgelöst.

Sex-Attacken junger Männer von der Silvesternacht in Köln und anderen deutschen Städten haben die aktuelle Debatte ausgelöst.

Der Bundesrat erwägt, künftig Kurse über Sexualmoral für Asylsuchende einzuführen. Regionale Behörden sehen bisher keinen Bedarf an einem speziellen Angebot.

Nicht jede leicht bekleidete Frau will gleich Sex. Auch ein Kuss muss nicht automatisch zu Geschlechtsverkehr führen. Und das von der Werbung gezeichnete Frauenbild hat mit der Realität ohnehin nicht viel zu tun: Schon länger bieten skandinavische Länder wie Norwegen oder Dänemark Kurse an, in denen sie Asylsuchende darüber aufklären, welche Regeln in Europa im Umgang mit Frauen gelten – und wollen so Vergewaltigungen vorbeugen.

Im Schutz der Masse und der Dunkelheit fassten junge Männer in der Silvesternacht in Köln zahlreichen Frauen an die Brüste und an den Hintern und griffen einer Kölner Polizistin in die Hose. Selbst zu Vergewaltigungen soll es gekommen sein. Nun haben die Sex-Attacken von Köln auch hierzulande ein politisches Nachspiel.

Sensibilisierung im Vordergrund

Auch in der Schweiz könnten künftig Asylsuchende Kurse über die Sexualmoral in westlichen Ländern besuchen. Der Bundesrat erwägt, dem Beispiel zu folgen und solche Kurse einzuführen. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) sei an den langfristigen Ergebnissen in Dänemark und Norwegen interessiert, antwortet er auf eine Interpellation von Silvia Schenker.

«Diese Kurse sollen den Asylsuchenden helfen, mit möglicherweise für sie fremdem Verhalten zurechtzukommen und dieses richtig einzuordnen», begründet die Basler SP-Nationalrätin. Das sieht der Bundesrat genauso: Sensibilisierung sei wichtig und betreffe nicht nur Asylsuchende, schreibt er. Sollten die Erfahrungen in Skandinavien positiv sein, werde das SEM deshalb prüfen, ob solche Kurse in den Bundeszentren durchgeführt werden könnten.

Nationalrätin Schenker zeigt sich mit der Antwort des Bundesrats sehr zufrieden. «Ich bin aber ehrlich gesagt etwas überrascht», sagt sie. Zwar liege es auf der Hand nachzuziehen, wenn die Kurse in Skandinavien erfolgreich ausfallen. Der Bundesrat hätte aber auch auf die Kantone verweisen können. Diese sind bei anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen für Integrationsmassnahmen zuständig. Schenker: «Nun aber setzt der Bund ein deutliches Signal.»

In der Region Basel zeigen Politik und Behörden bisher wenig Lust auf solche Gender-Kurse. Gar nichts damit anfangen kann SVP-Nationalrat Sebastian Frehner. Die Flüchtlinge wüssten genau, was sie hier erwartet. Deshalb sieht er auch keinen Grund für Pardon: «Personen, die sich nicht an unsere Regeln halten, sollte man umgehend zurück in ihr Herkunftsland schicken und nicht ‹bibäbelen›.»

Schon heute müssen Asylsuchende etwa im Kanton Waadt ein «Sensibilisierungsmodul» besuchen. Ähnliche Angebote gibt es in weiteren Kantonen. Dort werden sie mit der Schweizer Kultur und den Normen der Zivilgesellschaft vertraut gemacht. Meist nicht spezifisch thematisiert werden dagegen Rechte und Stellung der Frau. Welche Inhalte vermittelt werden, ist unter den Kantonen nicht einheitlich geregelt.

Region sieht bisher keinen Bedarf

Auch in Basel-Stadt besteht kein spezielles Angebot. Laut Asylkoordinatorin Renata Gäumann werden in Deutschkursen Rollenverständnis von Mann und Frau und entsprechende Verhaltensregeln aber stärker gewichtet als bisher. Ähnlich sieht es in Baselland aus. Auch hier wird auf ein spezielles Angebot verzichtet. Asylsuchende werden aber bereits in den Bundesempfangszentren und anschliessend in den kantonalen Unterkünften über hiesige Sitten und Gebräuche aufgeklärt. Bisher habe man damit gute Erfahrungen gemacht, sagt Asylkoordinator Rolf Rossi.

Für Schenker reicht das nicht. «Man sollte sich nicht nur nach dem Gutdünken einzelner Verantwortlicher in den Kantonen richten», sagt sie. Entweder sollten die Kurse in der ganzen Schweiz Standard sein oder man lasse es bleiben. Schliesslich sei die Ausgangslage dieselbe, ob ein Asylsuchender nun in Basel oder Kreuzlingen lebt. «Ich werde auf jeden Fall genau verfolgen, wie es nun weitergeht», sagt Schenker.

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