Art Basel
Bunt, sehr bunt treibt es dieser Jahrgang der Art Basel

Welch ein Gegensatz von Innen und Aussen! Auf dem Messeplatz steht das Favela Café aus Bretterbuden und im Innern die teure glänzende Kunst. Und doch gehört beides zusammen an der 44. Art Basel.

Sabine Altorfer
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Neuger Riemschneider, Berlin Was will der Markt? Grosse Namen – und Überraschungen. Neugerriemschneider aus Berlin vereint diesmal beides. Nicht zu übersehen – fast stolpert man an der Ecke darüber – steht eine hübsche Hockerskulptur von Ai Weiwei. Das Werk in Grossformat hat an der Biennale für Schlagzeilen gesorgt. Im zweiten Galerienteil überrascht man mit einer Installation mit Lampen – hübschen Glaskörpern von Jorge Pardo. Ob Gebrauchskunst der neue Trend wird?
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Galvin Brown`s Enterprise, New York Hier knallts ganz schön bunt. Selbst der Boden bei Galvin Brown’s Enterprise aus New York ist farbig kariert. Kunst oder Bodenleger? Wir tippten auf Kunst und lagen richtig. Den Boden entwarf Bildhauer Martin Creed. Falsch lagen wir dagegen beim Blumen-Warhol. Das Bild stammt von Warhol-Kopistin Sturtevant. Es kostet ein bisschen weniger, aber immerhin noch 600 000 Dollar.
Die Kunstwerke der Art Basel
Dominique Lévy Gallery, New York Hier haben wir sie doch noch: Pablo Picasso und Francis Bacon. Die Dominique Lévy Gallery aus New York hat Tradition und gibt sich traditionell. Und doch sind auch hier Überraschungen möglich. Eine Grossskulptur von Germaine Richier wie die goldene «La Spirale» (links im Bild) haben wir an der Messe schon lange nicht mehr gesehen. Für 550 000 Euro ist sie zu haben.
Edward Tyler, Nahem Fine Art, New York Die meisten Stände sind Gemischtwarenläden. Man will möglichst breit zeigen, wen und was man hat. So genannte One Man Shows sind dieses Jahr ausserordentlich rar. Edward Tyler Nahem Fine Art aus New York aber setzt nur auf einen Künstler, auf Roy Lichtenstein. Und inszeniert um den Pop-Art-Helden eine bunte Schau. Schön zu sehen für alle, zu kaufen aber kaum. Das grosse Gemälde «Imperfect Painting» kostet stolze 3,15 Millionen Dollar.
Galerie Gisèle Linder, Basel Der rosarote Boden in der Galerie Gisèle Linder (Basel) machts klar: 25 Years steht darauf. So lange schon gibt es die engagierte Galeristin. Ihr Stand ist nicht riesig, aber es reicht für Künstlerinnen und Künstler, die sie seit Jahren vertritt. Aufgefallen sind uns das fotografische Werk «Winter» von Ursula Mumenthaler (7800 Franken) und eine perforierte Papierarbeit von Carmen Perrin (6900 Franken).

Neuger Riemschneider, Berlin Was will der Markt? Grosse Namen – und Überraschungen. Neugerriemschneider aus Berlin vereint diesmal beides. Nicht zu übersehen – fast stolpert man an der Ecke darüber – steht eine hübsche Hockerskulptur von Ai Weiwei. Das Werk in Grossformat hat an der Biennale für Schlagzeilen gesorgt. Im zweiten Galerienteil überrascht man mit einer Installation mit Lampen – hübschen Glaskörpern von Jorge Pardo. Ob Gebrauchskunst der neue Trend wird?

André Albrecht

Auch das Café ist Kunst (von Tadashi Kawamata) und auch im Innern ist die Kunst mindestens so vielfältig wie die Stühle im Favela Café.

Aber tauchen wir ein in die Halle 2, wo 238 Galerien aus der ganzen Welt Werke «ihrer» Künstler dem neugierigen Publikum präsentieren – und natürlich auch verkaufen. Wir sind schliesslich an einer Messe. Der erste Eindruck: Knallige Farben, verwirrende Spiegel, blinkende Lampen und dazwischen gerahmt das, was unsere Vorstellung von Kunst einst geprägt hat.

Optimismus pur strahlt diese 44. Art Basel aus. Das ist kein Wunder, ist der Kunsthandel weltweit doch im Hoch, die Umsätze haben sich nach dem Crash Ende 2008 wieder mehr als erholt. Und dass eben erst Art Basel Hongkong war, dass deswegen Sammler oder Galerien fehlen würden: Davon spürt man nichts.

Ein Messe-Tag kim Leben eins First Choice VIP

Ein Tag im Leben eines First Choice VIPs an der Art Basel beginnt so, wie man sich das für die höchste Kategorie der Promis an einer Kunstmesse vorstellt. Mit einem Champagne Breakfast ab 9.30 Uhr im Rundhof der Messehalle. Und um 11 Uhr darf man dann als allerallererste in die Messehalle.

Doch nicht erst beim Champagner, sondern schon vor der Halle merkt man: Ganz so exklusiv ist man auch als First Choice VIP nicht. Da sind noch einige Tausend andere. Aber trotzdem, man kann die ersten Handelsstunden ruhig angehen, quasi unter Gleichgesinnten.

Vorfreude

Das Leben als First Choice VIP der Art Basel beginnt aber schon lange vor der Messe. Mit Vorfreude. Mit Vorfreude über das E-Mail, man soll sich doch bitte anmelden und dann vor allem mit der Bestätigung der Kategorie. Bei der Art Basel gibt es nämlich nicht einfach VIPs, sondern verschiedene Kategorien von very important persons. Gross ist die Vorfreude, wenn dann das kleine hübsche blau-weisse Päckli auf dem Tisch liegt. Darin: ein leeres Notizbuch und eine Karte mit der silbrig-weinroten Ausweiskarte. Sie berechtigt zwei Personen dafür, überall die Ersten zu sein.

Wer First Choice bekommt, hat das grosse Los gezogen. Das heisst nämlich: Eintritt am Dienstag um 11 Uhr an die Messe; die zweite Kategorie folgt um 15 Uhr, die dritte am Mittwoch. Und eigentlich beginnt die Art Basel für die VIPs (und einige hundert andere) bereits am Vortag. An der Vernissage der Art Unlimited am Montag. Hier schnuppert man zwischen all den bombastischen Kunstwerken - die ebenfalls käuflich sind - die erste Messeluft und trifft die VIP-Freunde wieder, die man am Wochenende vorher schon am Galerienwochenende in Zürich und zehn Tage zuvor an der Biennale in Venedig gesehen hat. (sa)

UBS-Chef Ermotti persönlich vor Ort

Der Kunst geht es also besser als den Banken. Vielleicht kam deshalb UBS-CEO Sergio Ermotti gestern gleich selber nach Basel, um den Medien zu erklären, dass die Grossbank stolz sei, nicht nur die Art in Basel und Miami, sondern ab nächstem Jahr auch in Hongkong zu unterstützen. Und er folgerte: «Banken und Kunstsammler brauchen beide dasselbe: Passion und Patience.»

Leidenschaft und Geduld sind keine schlechte Grundhaltung, um einen langen Tag lang durch die Messe zu stöbern. Ausgerüstet mit dem Galerienplan stromert man durch die Gassen und Stände – und ist zuerst mal ein bisschen verwirrt. «Your landmarks has changed», erklärt Art-Direktor Marc Spiegler. Tatsächlich sind viele Galerien nicht mehr am selben Platz wie in den letzten Jahren, und einige haben gar das Geschoss gewechselt. Zum Beispiel White Cube aus London. Die einst hippste Galerie ist jetzt im Untergeschoss bei den klassischen Kunsthändlern. «Oh, wir sind nicht mehr so jung, unsere Künstler sind reif geworden, Damien Hirst etwa ist über 40», erklärt uns der Galerist lachend. «Es ist doch super, hier anzukommen!»

Generationenwechsel

Tatsächlich hat sich das Erdgeschoss in den letzten Jahren gewandelt: Dominierten hier einst Picasso, Miro und Co., so sind sie heute in der Minderheit. Bei Alfonso Artiaco aus Italien steht gar Thomas Hirschhorns «Utopia Utopia» als Blickfang (122 000 Euro) und bei Matthew Marks aus New York Katharina Fritschs schwefelgelber, lebensgrosser Kellner. Die mittlere international erfolgreiche Künstlergeneration ist also hier angekommen.

Noch immer oft zu sehen: die Mobiles von Alexander Calder. Dafür muss man tief in die Taschen greifen. Ein Hänger, der locker in jedes Wohnzimmer passt, kostet bei Elvira Gonzales 2,044 Mio. Euro. Bereits Klassiker sind Künstler wie die strengen Donald Judd, Dan Flavin, Carl André oder Sol Lewitt. Annemarie Verna aus Zürich zeigt diese strenge Kunst einmal mehr am schönsten. Schön auch, wie Peter Blum aus New York seinen ganzen Stand dem Schweizer Helmut Federle widmet und dass wir am Schluss in der Ecke bei Carzaniga aus Basel auch noch Meret Oppenheim gefunden haben. Das plastische Bild «Zwei Vögel» der grossen Schweizer Künstlerin, die heuer ihren 100. Geburtstag feiern könnte, ist für 350 000 Franken zu haben.

Noch unbegrenztere Unlimited

Gut aber, gibt es für Leute, die schauen und nicht primär kaufen wollen, die Art Unlimited. Hier zwischen den riesigen Installationen und den grosszügigen Einbauten für Videos und stillere Arbeiten ist Luft und Raum. In diesem Jahr ist die Unlimited sogar noch etwas unbegrenzter: Mit 79 Grosskunstwerken ist sie grösser denn je. Das ist möglich, weil sie nahtlos aus dem bisherigen Hotz-Bau in den Neubau von Herzog & de Meuron überschwappen kann.

Der Eingang ist verlegt, unters grosse Himmelsfenster des silbrigen Baus. Die Empfangshalle ist imposant, umso kleiner muten einen dann die Kojen der Art Statements an, die man vor der grossen Schau passiert. Dieser Sektor ist quasi die Nachwuchsförderung der Art Basel, dabei dürfen 24 junge Galerien junge Kunst zeigen. Hier zu verweilen, braucht sehr viel Enthusiasmus, aber wer als Scout für Kunstinvestitionen der Zukunft unterwegs ist, muss sich einsehen, selbst wenn die Installation lediglich aus zwei Handys an der Wand besteht.

Nach dem Nachwuchs zu den Grossen! Denn wenn Galerien – unterstützt mit Beiträgen der Art – ihren Künstlerinnen und Künstler zu einem Auftritt an der Unlimited verhelfen, so muss sich diese Investition langfristig auszahlen. Das heisst, hier finden sich die am Markt etablierten Namen.

Am grössten gebärdet sich Mutt Mullican mit einem 21 Meter breiten schwarz-gelben Gemälde. Ein Blickfang, den man sich gerne geschehen lässt. Die meisten anderen materialreichen Grossplastiken lassen das Herz kaum höher schlagen. Aber nicht verpassen sollte man Wolfgang Laibs poetische Schiffe, eine nähere Betrachtung lohnt Liu Weis «Bibliothek», der dafür aus gepressten Büchern architektonische Skulpturen geschaffen hat. Bei Sean Landers kariertem Wal «Moby Dick» darf man schmunzeln, Erik van Lieshouts Höhlenhaus zu betreten lohnt sich, und Roni Horn verblüfft mit höchst ästhetischen Glaskörpern. Besonders eindrücklich aber sind zwei Installationen: das Raum-Gespinst aus schwarzen Fäden von Chiharu Shiota und die Foto-Inszenierung Dayanita Sing.

Nach ein paar Stunden und einigen Kilometern ist man wieder draussen, merkt, dass tatsächlich die Sonne scheint – und preist den kundenfreundlichsten Künstler von Grossanlässen: Tadashi Kawamata. Das Favela Café ist ein Höhepunkt der Art Basel. Und es ist ohne VIP-Karte und ohne Eintritt zu geniessen.