Dass das Schienennetz der Basler Verkehrsbetriebe (BVB) grossen Nachholbedarf hat, ist bekannt. Das öV-Unternehmen hat in den letzten zwei Jahren rund 60 Millionen Franken investiert, um frühere Versäumnisse nachzuholen. Bis 2020 sollte der Normalzustand erreicht werden. Nun müssen die Verantwortlichen einen harten Dämpfer einstecken. In den vergangenen Wochen wurde auf dem ganzen Netz festgestellt, dass sich die Schienen in einem deutlich schlechteren Zustand befinden, als erwartet. Selbst bei neu verlegten Geleisen wie etwa am Steinenberg oder in Riehen sind bereits deutliche Schäden feststellbar. Nun sind Instandstellungsarbeiten notwendig. Ausserdem ist der Lebenszyklus der Weichen und Kreuzungen deutlich geringer als erwartet.

Entstanden sind die Schäden in den letzten sechs bis acht Monaten, schätzt Bruno Stehrenberger, Leiter Infrastruktur. Der Grund ist ein Revisionsstau bei den Trams. Offenbar wurden die Intervalle zwischen den Wartungen erhöht. Dies wiederum führte dazu, dass nicht rechtzeitig behobene Mängel bei den Rädern die Schienen deutlich stärker abnutzten und beschädigten als erwartet. «Die Situation wird täglich neu beurteilt», sagt BVB-Direktor Erich Lagler. Er betont: «Wir hatten zu keiner Zeit ein Sicherheitsproblem.»

Trams müssen langsamer fahren

Als Reaktion haben die Verantwortlichen bei den BVB eine Reihe von Sofortmassnahmen getroffen. So werden bis Mitte September die Räder aller rund 100 BVB-Trams untersucht und sofern nötig revidiert. Dafür wird in den Werkstätten nun im Zwei-Schichten-Betrieb gearbeitet. Unterstützt werden die BVB-Mitarbeiter dabei noch von Personal von den BLT und Bernmobil.

Gleichzeitig erging am Mittwoch eine Weisung an alle Tramführer. Um die Schäden nicht noch zu vergrössern, muss bei Kreuzungen und Weichen die Geschwindigkeit auf maximal 15 km/h reduziert werden, normalerweise fahren die Trams mit rund 25 km/h. Auswirkungen auf den Betrieb oder den Fahrplan hätte diese Massnahme keine, so die BVB.

Wie gross der Schaden ist, lässt sich laut BVB noch nicht beziffern. Klar scheint aber: Billig dürfte es für den Betrieb nicht werden. Zu den Wertminderungen an der Infrastruktur kommen die Kosten für die nötigen Bauarbeiten und die notfallmässig aufgegleisten Revisionsarbeiten. Unklar ist auch, welche zusätzlichen Baustellen aufgrund der neuen Erkenntnisse nötig sein werden. In Bezug auf das gross angelegte Projekt Infrastruktur spricht Stehrenberger aber nur «von einem kleinen Knick. Die Sanierung ist nicht grundsätzlich infrage gestellt.»

«Langsam nur noch peinlich»

Offen ist, wie es zu den Änderungen bei den Wartungen der Trams kam. «Die genauen Ursachen werden noch abgeklärt», sagt BVB-Direktor Erich Lagler. Einen Bezug zum umstrittenen Sparprogramm Avanti, das Lagler vor zwei Jahren gestartet hat, schliesst er aus. «Das hat nichts mit dem Effizienzsteigerungsprogramm zu tun.» Klar ist: Eine Änderung bei den Instandhaltungsarbeiten müsste zwingend über den Tisch der Geschäftsleitung, teilweise muss sogar das Bundesamt für Verkehr sein Placet geben. «Warum das nicht passiert ist, wird nun abgeklärt», sagt Lagler. Auch eine externe Untersuchung werde in Betracht gezogen, so der BVB-Direktor.

Grossrat Christian von Wartburg (SP), Präsident der Geschäftsprüfungskommission, empört sich: «Eigentlich war ich guter Hoffnung, dass die BVB betreffend der Schienen auf einem guten Weg sei. Bei dieser Situation muss man aber erneut von einem unverständlichen Management-Versagen sprechen.» Auch SVP-Grossrat Joël Thüring, teilt diese Einschätzung: «Der Vorfall passt zum Gesamtzustand der BVB. Von anderen Verkehrsbetrieben lese ich so etwas nie. Langsam ist es nur noch peinlich. Trotz der personellen Wechsel liegt bei der BVB offensichtlich Vieles im Argen.»