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BVB-Vize Vischer: «Eine tramfreie Innenstadt ist unrealistisch»

Die BVB kämpfen für eine Tramlinie über die Johanniterbrücke – sie würde das Nachwuchsproblem entschärfen. Denn: «In den nächsten 15 Jahren werden 70 Prozent der BVB-Mitarbeiter pensioniert», sagt Vizedirektor Georg Vischer.

Andreas Maurer
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BVB-Vizedirektor Georg Vischer steht gerne im Hintergrund. Deshlab darf auch Mediensprecherin Dagmar Jenny aufs Bild.

BVB-Vizedirektor Georg Vischer steht gerne im Hintergrund. Deshlab darf auch Mediensprecherin Dagmar Jenny aufs Bild.

Heinz Dürrenberger

Sein Büro ist vollgestellt mit Zügelkisten: Es ist der letzte Arbeitstag von Georg Vischer am Hauptsitz der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) am Claragraben. Der Vizedirektor zieht mit seinem Bereich Markt an die Münchensteinerstrasse 83 auf dem Dreispitzareal. Der Marktbereich wird erweitert und neu an einem Standort konzentriert, wodurch sich die BVB kürzere Wege und Synergieeffekte erhoffen. Persönlich steht der 60-Jährige vor einem Wendepunkt. Den in Basel geplanten Tramausbau hat er massgeblich mitgeprägt – teilweise auch gegen den Widerstand der Regierung.

Die BVB regen schon länger eine Tramlinie über die Johanniterbrücke an. Wie dringend ist dieser Ausbau, Herr Vischer?

Georg Vischer: Wichtig wäre vor allem die Strecke zwischen dem Bahnhof SBB und der Universität. Mit der heutigen Buslinie 30 haben wir die Belastungsgrenze erreicht. Abends und morgens haben wir auf den 3,5-Minuten-Takt verdichtet.

Deshalb braucht es eine Tramlinie?

Ja. Durch einen Trambetrieb könnten wir grössere Fahrzeuge einsetzen. Das braucht weniger Personal, was zwei Vorteile hat. Erstens wäre es günstiger. Zweitens kommt eine Verknappung der Arbeitskräfte auf uns zu. Der Demografie-Aufbau der Schweiz hat einen dicken Bauch, in dem ich altersmässig auch drin bin. Gegen unten wird er sehr schmal. Unter den Verkehrsbetrieben ist deshalb ein Kampf um die Arbeitskräfte ausgebrochen. In den nächsten 15 Jahren werden etwa 70 Prozent der BVB-Mitarbeiter pensioniert. Unsere Dienstleistung können wir ohne unsere Mitarbeiter nicht erbringen. Wir müssen deshalb Mitarbeiter rekrutieren, aber auch produktiver werden. Wenn wir zwei Busse durch ein Tram ersetzen können, braucht es nur einen statt zwei Mitarbeiter.

Georg Vischer: «Nachfolge geregelt»

Der 60-jährige BVB-Vizedirektor Georg Vischer hat vor, mit 63 in Pension zu gehen. Kürzer treten wird er bereits vorher: «Meine Nachfolge ist geregelt und wird zu gegebener Zeit kommuniziert.» Nach der operativen Stabsübergabe wird er seinen Nachfolger coachen. Seinen Job als Sekretär des Verwaltungsrats übergibt er der früheren Novartis-Kaderfrau Andrea Knellwolf. Vischer erklärt den Hintergrund dieses Wechsels: «Der frühere Verwaltungsrat hat sich mit der Strategie, die damals von der Geschäftsleitung ausgearbeitet wurde, weniger beschäftigt. Heute gestaltet er sie stärker mit.» Damit steigt der Aufwand für den Sekretär. Knellwolf wird zudem Head Public Affairs. Vize-Direktor Vischer ist mit dem Wechsel zufrieden. Er bedauert nicht, dass er nie Direktor wurde. «Bei den BVB habe ich als Aushilfswagenführer angefangen, jetzt bin ich Vize-Direktor. Das ist doch Aufstieg genug.»(öpf)

Aber es kann ja nicht sein, dass Basel neue Tramlinien baut, weil die BVB ein Nachwuchsproblem haben.

Nein, aber die Tramlinie käme uns entgegen. Es braucht sie hauptsächlich aus zwei anderen Gründen: Wegen der hohen Fahrgastfrequenzen auf der Buslinie 30 und weil wir damit eine Ausweichroute um die Innenstadt hätten. Die Parallelroute neben der Innenstadt macht Sinn, weil sie mit dem Campus Schällemätteli und den Spitälern ein Wachstumsgebiet erschliesst. Bei derart hohen Frequenzen ist das Tram das ideale Verkehrsmittel.

Die Auslastung ist aber vor allem zu den Stosszeiten hoch.

Ja, das ist richtig. Mit den geplanten zusätzlichen Arbeits- und Studienplätzen wird die Nachfrage weiter steigen - während der Stosszeiten, aber auch während der gesamten Betriebszeit. Die Nachfrage für eine Tramlinie ist eindeutig vorhanden.

Wenn der Fall so klar ist, könnte sich der Kanton die aufwendige Kosten-Nutzen-Analyse sparen.

Nein, es ist gut, dass der Grosse Rat die Kosten-Nutzen-Analyse in den Rahmenkredit aufgenommen hat. Nur die Strecken mit den besten Kosten-Nutzen-Verhältnissen sollen gebaut werden. Der Entwurf des Tramnetzes hat Teilstücke mit sehr unterschiedlichen Kosten-Nutzen-Verhältnissen.

Bei welchen schätzen Sie dieses als besonders hoch ein?

Die Tramlinie zwischen Bahnhof SBB und Johanniterbrücke wird auf jeden Fall extrem gut abschneiden.

War es ein Fehler, dass die Regierung diesen Abschnitt nicht ins Tramnetz 2020 aufgenommen hat?

Ein Fehler wäre es, wenn man ihn nicht mehr korrigieren könnte. Das hat der Grosse Rat inzwischen ja getan. Deshalb würde ich sagen, dass es kein Fehler ist, der stehen bleibt.

Für den gesamten Tramausbau sind 350 Millionen Franken vorgesehen. Reicht das?

Der Grosse Rat hat es clever gemacht: Die 350 Millionen Franken sind nur der Anteil für die BVB-Infrastruktur. Darüber kann der Regierungsrat grundsätzlich selber verfügen. Baut man im städtischen Raum aber Tramgleise, muss man die Strassen umgestalten. Bei diesen Kosten ist man rasch in den siebenstelligen Zahlen angelangt, die mit dem Rahmenkredit nicht abgedeckt sind. Bei diesen Bauvorhaben kann der Grosse Rat mitreden und via Referendum auch das Volk.

Gesamthaft wird der Ausbau folglich viel teurer. Können Sie nicht abschätzen, ob die 350 Millionen für die Traminfrastruktur reichen?

Nein, ich bin kein Ingenieur, sondern Jurist. Die Tramlinie 8 zum Beispiel wurde teurer als im Zeitpunkt der Anmeldung des Projektes beim Bund für das Aggloprogramm grob geschätzt, weil man die Gleise wegen der Statik nicht über die Friedensbrücke in Weil legen kann. Ähnliche Fragen stellen sich bei der Umstellung der Buslinie 30 auf Trambetrieb: Reicht das Heuwaageviadukt aus oder müssen wir eine neue Trambrücke nebenan bauen? Können wir die Johanniterbrücke weiterverwenden oder muss sie verstärkt oder sogar neu gebaut werden? Die Unterschiede zwischen diesen Szenarien sind derart gross, dass eine konkrete Aussage nicht möglich ist.

Deshalb lohnt sich die neue Linie vielleicht trotz der hohen Fahrgastzahlen nicht.

Der immaterielle Nutzen einer Entlastungslinie parallel zur Innerstadtachse ist auf jeden Fall gegeben.

Man spricht ständig vom Ausbau des Tramnetzes, aber wenig vom Abbau. Dabei stören sich viele Leute an der «grünen Wand» in der Innenstadt .

Geplant ist eine Reduktion des Tramverkehrs in der Innenstadt durch den Margarethenstich: Die Tramlinie 17 soll vom Leimental neu via Margarethenstich zum Bahnhof fahren und dann weiter via Wettsteinbrücke. Damit wird eine ganze Linie in der Innenstadt gestrichen. Vorgesehen ist zudem, dass die Tramlinie 15 künftig in beide Richtungen über die Wettsteinbrücke verkehrt. Das nimmt weiteren Druck. Das spürt man: Insgesamt werden künftig 24 Trams pro Stunde weniger durch die Innenstadt fahren.

Dafür baut man die anderen Linien mit Taktverdichtungen aus, auch weil die Trams wegen Tempo 30 langsamer fahren müssen.

Schon heute fahren sie in der Innenstadt maximal 25 Stundenkilometer. Neu wird Tempo 30 auch zwischen Heuwaage und Theater gelten, wo wir heute 40 fahren dürfen. Dazu sind einzelne zusätzliche Kurse nötig. Insgesamt wird die Anzahl Trams in der Innenstadt reduziert. Die «Tramwand» wird kleiner.

Viele Leute wünschen sich eine komplett tramfreie Innenstadt . Ist das unrealistisch?

Ja, wir meinen schon. Während zweier Sommer hatten wir ja die tramfreie Innenstadt wegen Baustellen. Darunter hat der Detailhandel stark gelitten. Man hat zwei Effekte beobachtet: Wenn die Leute mit dem Tram nicht direkt zum Laden fahren können, ziehen sie die besser gelegene Konkurrenz vor. Und wenn sie mit dem Tram durch die Stadt fahren, kommen manche auf spontane Einkaufsideen, wenn sie einen Laden sehen.

Der Detailhandel wird sich anpassen. Kürzlich hat er sich gegen eine autofreie Innenstadt mit ähnlichen Argumenten gewehrt. Unterdessen befürwortet er sie mehrheitlich.

Die Stadt wird tendenziell älter. Während der Innenstadtsperren haben wir zwischen Schifflände und Barfüsserplatz einen Busbetrieb aufgebaut - vor allem für ältere und gehbehinderte Leute. Diese Leute würde man in einer tramfreien Innenstadt ausschliessen.

Mit dem Bau des Herzstücks liegt eine weitere Reduktion des Tramverkehrs in der Innenstadt aber auf der Hand.

Richtig, die Strecke vom Bahnhof SBB in die Innenstadt wird entlastet. Aber vom Gellert, vom Bruderholz, aus dem Neubad oder von Allschwil wird man weiterhin mit dem Tram in die Innenstadt fahren.