Turnier

bz-Jasskönig: Das sind der jüngste und der älteste Anwärter auf die Jass-Krone

Die bz kürt in diesem Frühjahr den Jasskönig. Wir haben uns aus diesem Anlass mit dem Youngster und dem Veteran unter den Teilnehmenden getroffen. Und Josef Peng (91) blüht beim Trainingsjass mit seinem 78 Jahre jüngeren Kontrahenten Benedikt so richtig auf.

Die Klingel ist noch nicht gedrückt, da öffnet sich schon die Tür. Josef Peng linst durch den Spalt. Bevor er die Tür seines Hauses in Ramlinsburg aber ganz öffnet, müssen wir den abendlichen Besuch noch einmal erklären. «Wir wollen mit Ihnen jassen, Herr Peng. Schliesslich sind Sie mit Ihren 91 Jahren der älteste Teilnehmer des Jassturniers.» – «Jassturnier? Da wollte ich gar nicht mitmachen. Meine Tochter hat mich aber dann überredet», sagt Peng und führt seine Gäste in die gute Stube.

Sowohl Benedikt als auch Josef Peng heben meist die richtigen Karten bis zum letzten Stich auf.

  

Josef Peng hört schlecht. Das Hörgerät – «Jetzt hat der Cheib abgestellt» – hilft nur bedingt und das laute Ticken der Wanduhr macht die Konversation in der Stube nicht einfacher. Am besten ist es, wenn der 91-Jährige einfach erzählen kann. Stolz berichtet Peng, wie er sein Haus vor dem Einzug 1955 selber renoviert hat. Wie er aus dem Bündner Bergdorf Vals den Weg ins Baselbiet fand. Wie er zuvor als Kutscher in St. Moritz 80 Franken im Monat verdiente und dann eines Nachts von einem Passagier, den er wegen eines gebrochenen Armes ins Spital kutschierte, einen Job im Flachland bekam.

Wie er zu einem Metallwerk in Dornach und dann bei der Farbfabrik Sandoz unterkam und dort ein Vielfaches verdiente und trotzdem ging. Die Begründung: «Dort habe ich täglich einen Liter Milch gegen die Gifte getrunken. Das war auf Dauer nichts.» Wie er anschliessend beim Coop-Vorgänger Verband schweizerischer Konsumvereine unterkommt, bis ihm eine Gehaltserhöhung nicht gewährt wird. Wie er über den Mineralölkonzern Esso schliesslich beim Kanton Baselland landet, wo er seine letzten 18 Arbeitsjahre als Wegmacher angestellt ist ...

Es klingelt. Das müssen die zwei fehlenden Mitspieler sein. «Wer ist jetzt das?»– «Schon vergessen, Herr Peng? Das ist der 13-jährige Benedikt mit seiner Mutter Irene Hächler. Die beiden machen auch beim Turnier mit. Sie sind der Älteste, Benedikt der Jüngste. Verstehen Sie?» – «Ok.»

63 Jahre Ehe

Josef Peng hat selten so viel Besuch wie heute. Doch er freut sich mit seinen Gästen. Peng serviert Rivella und Eistee. Aus einer Schublade in der Kommode hinter sich kramt er Karten, Jasstafel, Kreide und Schwamm hervor. «Meine Frau Nay hat auch gejasst. Sie sagte immer, ich soll mein Hirn anstrengen», erzählt Peng und zeigt auf das Wand-Porträt seiner Liebsten, mit der er vier Kinder hat und bis zu ihrem Tod 63 Jahre verheiratet war.

Die Magie des Kartenspiels

Es dauert lange, bis Peng ausgeteilt hat. Taube Stellen und dicke Fingergelenke bereiten Probleme. Er atmet schwer, während er jede Karte einzeln in die Hand steckt. Doch kaum ist die erste Karte gespielt, ist es mit der Schwerfälligkeit vorbei. Pengs Mundwinkel verziehen sich zu einem konstanten Lächeln. Seine Karten fliegen jetzt aus der Hand in die Mitte. Dazu lacht der Alte herzhaft, wenn er oder Partner Benedikt gut aufgepasst haben und mit ihrer letzten Karte noch einen Stich machen, was so gut wie jede Runde der Fall ist. Für die Berechnungen des Spielstandes braucht Peng nur wenige Sekunden. Seine tauben Finger flitzen dann mit der Kreide geradezu über die Jasstafel. Währenddessen diskutiert Peng mit seinem 78 Jahre jüngeren Partner. «In dieser Situation musst du kein drittes Mal austrumpfen» – «Das musste ich riskieren» – «Gut gemacht, kannst bleiben.»

Glückliches Gewinnerteam: Josef Peng und Benedikt Hächler strahlen um die Wette.

   

Und Benedikt diskutiert wie ein alter Hase mit. «Zeigst du an, oder verwirfst du?», fragt der Teenager und es entbrennt sofort eine Diskussion, um die richtige Taktik. Der 13-jährige Sek-Schüler aus Binningen ist der jüngste von vier Brüdern, spielt Fussball beim SC Binningen und Klarinette im Orchester. Bereits mit fünf oder sechs – und damit mehr als zehn Jahre vor Josef Peng – lernt Benedikt das Jassen. An einem Turnier war er noch nie, ist aber gespannt, wie es sein wird. «Benedikt ist eine echte Spielkatze», sagt seine Mutter. Weil weder Youngster noch Veteran Fehler machen, geht das Spiel nach zwölf Runden klar an das ungleiche Paar. Auch bei der Revanche liegen sie bis zum letzten Spiel deutlich vorne. Ein Match rettet das Unentschieden. «Das gibt’s doch nicht», ärgern sich Benedikt und Peng. Alle lachen. Die Stimmung hat sich komplett gewandelt. Jassen: Ein Elixier für ewige Jugend? Zumindest für den Geist.

Bevor Benedikt und Irene Hächler gehen, zeigt Peng ihnen noch Fotos aus seiner Heimat und erzählt weitere Geschichten. Von Blaubeermus-Fress-Orgien aus seiner Jugend, von Tages-Velotouren von Ramlinsburg ins Bündnerland, von Langlauf-Wettrennen mit einer jungen unbekannten Frau ... Aufräumen will er selber. «Es geht zwar langsam bergab, aber ich habe immer noch viel Energie», sagt Josef Peng. Er bringt seine Gäste nach draussen, schaut ihnen beim Ausparken zu, lächelt und winkt, bis das Auto in der Nacht verschwunden ist.

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