Auf dem Dreispitzareal entsteht ein neues Quartier zwischen Stadt und Land, zwischen Bildungs- und Gewerbewelt: der Campus der Künste. Früher waren die Institute der Hochschule für Gestaltung und Kunst der Fachhochschule Nordwestschweiz (HGK FHNW) auf die Standorte Basel, Muttenz und Aarau verteilt. Jetzt sind alle am gleichen Ort. Neben bewundernden meldeten sich auch kritische Stimmen zur neuen Hochschule. «Es ist das Wesen von Gestaltungshochschulen, dass sie in einem Prozess der Veränderung sind. Die Schule ist ganz anders als noch vor zehn Jahren, denn Kunst und Design prägen den Zeitgeist», sagt der Kommunikationsverantwortliche Hans-Peter Huser.
Zentrum und Wahrzeichen zugleich scheint das neu gebaute Hochhaus zu sein. Bereits die Eingangshalle lässt ahnen, dass hier das Design der wandlosen Räume auch eine Botschaft trägt: weiss, wie ein unbeschriebenes Blatt.

Im designten Hochhaus

Einmal bei den Aufzügen die Acht auf dem Touchscreen gewählt, geht es hinauf zur Mediathek. Hier versammeln sich rund 30 000 Bücher in einem beinahe wandlosen Stockwerk. Tiefe Bücherregale verteilen sich in runden Formen im Raum. Die mobilen Kisten können später auch für Ausstellungen genutzt werden. Studenten haben sich an der Raumgestaltung beteiligt. Beeindruckend ist die Aussicht von hier oben: Hinter den Bücherregalen zeigen sich die Wälder des Baselbiets neben den Türmen der Stadt.

Ein paar Stockwerke tiefer befindet sich das Institut für visuelle Kommunikation. Der Studiengang befasst sich mit Botschaften aus Schrift und Bild und ihrer Wirkung. Der Atelierraum erinnert an ein Grossraumbüro; jeder Student hat seinen eigenen Arbeitsplatz. Weisse Vorhänge dienen zur Raumtrennung. Drei Studentinnen verbringen ihre Mittagspause am Gemeinschaftstisch. Sie studieren im ersten Semester, ihr Studium hat direkt auf dem Dreispitzareal angefangen. «Als ich den Raum zum ersten Mal betrat, habe ich gesagt: Wow. Der Blick auf die ganze Stadt. Ich dachte nicht, dass es so schön ist», erzählt eine von ihnen. «Alles ist noch ein bisschen kahl, sehr weiss. Hier im Atelier kann man sich aber gut konzentrieren, der Ausblick hilft mir dabei», sagt ihre Kollegin.

Schwarz, wo geforscht wird

Doch wie denken die Studenten, die den alten Standort noch kennen? «Was mich am meisten stört, ist das Hochhaus. Es ist steril, irgendwie krankenhausmässig», sagt ein Student aus dem fünften Semester. Vorher, im Kleinbasel, sei auch mehr los gewesen. «Es ist nicht nur, dass alles weiss ist, man darf auch nichts machen. Wir haben keine Wände und können nichts aufhängen», ergänzt eine Mitstudentin.

Eine andere Atmosphäre herrscht im dritten Stock. Die Wände sind schwarz und die Räume höher gebaut. Orange Sofas verteilen sich auf dem 400 Quadratmeter grossen Raum des «Critical Media-Lab». Hier soll sich der Geist frei bewegen können. Das Institut für experimentelle Design- und Medienkulturen setzt sich kritisch mit Neuen Medien auseinander. Ein Denklabor, in dem Forschungsprojekte, Workshops, Konferenzen und Symposien stattfinden. Die Öffentlichkeit soll dafür ihren Weg auf den Campus finden.

Dort, wo gelebt wird

«Why do you stay in this design prison?» Eine Wandschmiererei auf der Frauentoilette fragt, wieso man in diesem Design-Gefängnis bleibe. Während das Gebäude noch immer steril wirkt, zeigen sich auf den zweiten Blick erste Verbraucherspuren. In zwei Jahren dürfte es hier bereits ganz anders aussehen. Die Weite aus den Räumen zieht sich auf dem Platz vor dem Hochhaus weiter. Auf dem Freilager-Platz stehen vereinzelt Sitzbänke, die von Studierenden entwickelt wurden. Baumaschinen lärmen: Gegenüber entstehen Luxuslofts. Auf der anderen Seite des Platzes ist das Ateliergebäude im ehemaligen Zollfreilager. Hier ist der pulsierende Mittelpunkt des Campus, hier scheint sich das Leben abzuspielen.

Wo das Hochhaus mit einem cleanen Design Kühle ausstrahlt, lebt hier die Patina einer Industriegeschichte weiter. Die alten Böden wurden belassen. An den farbigen Wänden hängen Plakate und Bilder. Hier haben sich die Studenten bereits eingerichtet. In den Gängen des Instituts Mode-Design sind die Wände grün, in einer Ecke liegen Matratzen mit farbigen Kissen am Boden. Daneben trendig aufgestellt eine alte Schreibmaschine. Das Atelier selbst macht den Eindruck, als würde hier schon seit Jahren gearbeitet. Überall hängen Skizzen und Fotos. Büsten stehen herum — nackt, oder mit Stoff. Die Luft ist muffig wegen des Stoffes. Was hier designt wird, wird einige Schritte weiter im Nähatelier hergestellt.

Kunst oder Kunstmarkt

Wiederum betritt man eine neue Welt in den Gängen des Instituts Kunst. Im Malatelier hängt der Farbgeruch in der Luft, der Boden ist bereits mit vielen Farbtupfern übersät. Die Atelierräume des Instituts haben nun gar nichts mehr mit einem Grossraumbüro zu tun. Am Boden liegen Blätter verstreut, ein Klavier steht an der Wand, jemand hat sich seinen Arbeitsplatz auf einem Teppich am Boden eingerichtet.

Wo man hinschaut, sieht man Installationen, Bilder und Material zum Verarbeiten. Da keine Nägel in die Wände eingeschlagen werden dürfen, wurden Holzwände aufgestellt, um die Arbeiten aufzuhängen. Ein Kunst-Student aus dem fünften Semester erzählt, dass der Umzug für ihn und die anderen Studenten eine grosse Umstellung mit sich brachte. «Vorher konnten wir uns ziemlich ausleben und hatten eine sehr heimelige Ateliersituation», sagt der Student. Zeitlich fühle er sich mehr gefordert als früher: «Das kann sein, weil alles neu ist. Es gibt viele Einführungen. Da bleibt nicht viel Zeit für die eigene künstlerische Arbeit, besonders wenn man nebendran arbeiten muss.» Die Abgrenzung der Institute sei nicht mehr erwünscht: Man sei gleichzeitig Künstler, Designer und Businessmensch. «Du wirst sehr auf einen Kunstmarkt hin präpariert. Das ist eine ganz andere Art von Kunst. Es geht dabei um Networking und Shows.»

Wo die Maschinen stehen

Tatsächlich setzt die HGK FHNW einen neuen Schwerpunkt auf das, was nach dem Studium kommt. Und sie will die Studenten besser auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Gemeinsam mit der Zürcher Hochschule der Künste wurde mit dem Projekt «Swiss Cultural Entrepreneurship» erforscht, was es braucht, um in der Berufswelt Fuss zu fassen.

Zwischen Ateliergebäude und Hochhaus stehen zwei weitere Gebäude. Im «Bauraum» befinden sich die Werkstätten für Holz, Kunststoff und Metall. Diese und die 3-D-Drucker stehen den Studenten jederzeit zur Verfügung. Im Pavillon nebenan entsteht ein Ausstellungsraum. Nicht nur dort, sondern auch in der Eingangshalle des Hochhauses werden ab nächstem Jahr Ausstellungen stattfinden. Denn der Campus braucht die Öffentlichkeit und das Leben, um das zu werden, was er einmal sein soll: ein Ort, wo die Kunst der Zukunft entsteht.

Open House am Freitag, 21. November 2014 ab 12 Uhr. Die HGK FHNW präsentiert ihre Studiengänge und öffnet die Ateliers und Werkstätten für Interessierte.