Care-Migrantinnen

Care-Migrantin will 5000 Franken pro Monat und bessere Arbeitsbedingungen

Bozena Domanska will auch anderen Betreuerinnen helfen.

Bozena Domanska will auch anderen Betreuerinnen helfen.

Die polnische 24-Stunden-Arbeiterin Bozena Domanska kämpft in der Region Basel für bessere Arbeitsbedingungen. Seit 20 Jahren arbeitet die 43-Jährige als unausgebildete Betreuerin. Jetzt hat sie genug. Sie fordert mindesten 5000 Franken pro Monat.

Als die Mauer fiel, gab es für Bozena Domanska kein Halten mehr. Noch 1989 verliess sie ihre Heimat Polen Richtung Deutschland, kam 2009 schliesslich in die Schweiz nach Basel. Doch nach über 20 Jahren, in denen sich die 43-Jährige als unausgebildete Betreuerin in der profitorientierten Langzeitpflege durchgeschlagen hatte, war «der Krug voll», wie sie selbst sagt.

Frau Domanska, wann haben Sie entschieden, ihre Situation als 24-Stunden-Betreuerin nicht mehr zu akzeptieren und stattdessen für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen?

Bozena Domanska: Als mein damaliger Arbeitgeber, die private Basler Spitexfirma Runkel GmbH, mir nach dem Tod meines Klienten einen neuen Arbeitsort zuwies und ich auf einmal zwei Betagte – ein altes Ehepaar – rund um die Uhr betreuen sollte. Und das zum gleichen Lohn wie zuvor: für 3300 Franken im Monat. Das war zu viel für mich. Ich stand kurz vor einem Zusammenbruch. Doch meinem Arbeitgeber war das egal. Niemand hat sich um mich gekümmert. Ich brauchte letztlich 20 Jahre, um zu realisieren, dass wir Frauen, die aus Osteuropa hierher kommen, uns nicht immer nach unten orientieren, uns nicht erniedrigen und ausnutzen lassen sollten. Wir sind doch keine Sklavinnen, sondern Menschen mit Gefühlen wie jeder andere auch. Da nahm ich mir einen Anwalt und ging vor die Schlichtungsstelle des Bezirksgerichts in Arlesheim.

Mit Erfolg: Ihnen wurden 7000 Franken Entschädigung zugesprochen. Warum haben Sie trotzdem weitergekämpft?

Ab da ging es mir nicht mehr ums Geld, sondern ums Prinzip. Ich möchte möglichst vielen Betreuerinnen, die dasselbe erlebt haben wie ich, helfen und versuchen, die Gesamtsituation für uns alle zu verbessern.

Sie helfen einerseits ihrer Landsfrau Agata Jaworska, die als erste Care-Migrantin der Schweiz vor dem Basler Zivilgericht klagt. Was aber wollen Sie mit dem Netzwerk «Respekt@vpod» erreichen, das Sie am kommenden Donnerstag gründen?

Das Netzwerk soll eine Plattform, ein Treffpunkt für Angestellte privater Spitex- oder Betreuungsfirmen sein, die unter den Arbeitsbedingungen leiden. Das heisst nicht, dass alle Einzelfälle dann zwingend vor Gericht landen. Aber den Austausch untereinander soll es fördern. Die Frauen – ob aus Osteuropa oder der Schweiz – sollen lernen, was ihre Rechte sind und auch die Familien der zu betreuenden Betagten wollen wir aufklären, was unsere Vorstellungen von fairen Arbeitsbedingungen sind. Denn oft wissen diese gar nicht, wie wenig ihres Geldes letztlich bei der Betreuerin bleibt.

Nach allem, was Sie erlebt haben, würden Sie ihren Landsfrauen nicht generell davon abraten, als Care-Migrantinnen in die Schweiz zu kommen?

Nein, denn in Polen gibt es überhaupt keine Arbeit für sie. Die Arbeit hier, auch wenn man teils ausgenutzt wird, ist immer noch besser als nichts. Und es ist natürlich gut, dass man dafür nicht studiert haben muss. Wir Polinnen haben die Warmherzigkeit im Blut, die man als Betreuerin braucht. Und vielleicht kann man sich mit der Zeit etwas aufbauen oder in einen besseren Job wechseln.

Was wäre für Sie denn ein fairer Lohn für eine 24-Stunden-Betreuung?

Meine Vision wäre, wenn es dafür mindestens 5000 Franken pro Monat geben würde. Wir machen unseren Job wirklich gerne, aber bei einem fairen Lohn würden wir noch mehr strahlen (lacht). Es ist falsch zu glauben, dass etwa 3000 Franken pro Monat in Polen viel Geld sind. Schliesslich muss es uns jeweils auch für den Monat danach reichen, den wir daheim verbringen – ohne Arbeit.

Ist diese «Vision» nicht unrealistisch, eben weil die privaten Anbieter auf Gewinn aus sind?

Natürlich weiss ich, dass es schwierig wird, sich gegen diese dicken Haie durchzusetzen. Unsere Stimme ist noch ganz leise. Doch es darf nicht immer nur um Geld, Geld, Geld gehen. Ich will nicht, dass das Menschliche unserer Arbeit verloren geht. Wir Betreuerinnen sind nicht aus Eisen oder Holz. Auch wir leiden, wenn ein Mensch stirbt.

Ihr persönliche Situation hat sich mittlerweile etwas verbessert. Sie sind nur noch tagsüber für eine private Spitex im Einsatz. Wie hat sich ihr Leben dadurch verändert?

Endlich habe ich eine eigene Wohnung, ein eigenes Bett – und freie Wochenenden. Zum ersten Mal in vier Jahren Schweiz konnte ich einen Ausflug nach Zürich machen. Der Verdienst ist aber auch beim «Haus-zu-Haus-Service» nicht gut.

Was wäre ihr Traum?

Irgendwann einmal möchte ich in der Schweiz eine eigene Betreuungsfirma gründen, die vor allem mit Polinnen arbeitet und ihnen faire Bedingungen bietet. Dafür bin ich allein aber zu klein. Die Frauen hätte ich allerdings schon (lacht).

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