Sarah Bader* ist frustriert: «Die Geschäftsleitung sollte mal einen Tag lang auf unserer Bettenstation mitarbeiten. Dann würde sie sehen, dass es so nicht weitergehen kann», sagt die diplomierte Pflegefachfrau. Ihr Arbeitsort ist die Abteilung 6.2 der Chirurgie am Universitätsspital Basel (USB). Auf der Station mit 36 Betten werden vor allem Patienten mit urologischen, plastisch-chirurgischen und handchirurgischen Erkrankungen behandelt.

Was die Patienten bis jetzt nicht mitbekamen: Hinter den Kulissen herrscht auf der Abteilung Chaos. Das bestätigen mehrere aktuelle und ehemalige Angestellte unabhängig voneinander gegenüber der «Schweiz am Wochenende».

Neue kündigen rasch wieder

Konkret klagen sie über eine chronische Unterbesetzung des Pflegepersonals. Dadurch sei die Arbeitsbelastung massiv gestiegen. Früher hätte ein Zweierteam, bestehend aus einer diplomierten Pflegefachfrau und einer Pflegeassistentin, 4 bis 6 Patienten pro Tag betreut. Heute seien 8 bis 10 Patienten Alltag, wobei die Pflegeassistenten durch höher qualifizierte Fachangestellte Gesundheit (FaGe) abgelöst wurden.

«Es wird immer mehr Leistung in weniger Zeit verlangt», sagt Bader. Diese Belastung wiederum führe dazu, dass die Fluktuation auf der Abteilung besonders hoch ist. «Ständig laufen uns Arbeitskollegen davon», berichtet etwa Pflegeassistentin Deborah Zeltner*, die mittlerweile in die Hotellerie versetzt wurde. Jüngst hätten wieder zwei diplomierte Pflegefachfrauen per Ende April gekündigt. Andere kommen und gehen teils nach wenigen Wochen. Dies erhöhe den Stress für die Verbliebenen zusätzlich.

Immerhin: Es sei nicht so, dass die USB-Geschäftsleitung nicht versuche, neues Pflegepersonal anzustellen. «Aber sie finden kaum Diplomierte oder auch FaGes, die sich diesen Stress antun wollen», sagt die diplomierte Pflegefachfrau Andrea Hauser*, die selbst mittlerweile anderswo arbeitet. Die Folge: Das USB setzt auf der Abteilung oft Temporärkräfte ein, um kurzfristig Vakanzen zu beheben. Bader dazu: «Wegen fehlender Ressourcen können die Temporären längst nicht immer gut eingearbeitet werden. Das belastet uns vom Stammpersonal.»

Lean Management oder DRG?

Nicht förderlich für einen reibungslosen Betrieb ist zudem, dass es auch bei den Kaderleuten der Chirurgie zu Wechseln kommt. Per Ende März verlässt Stephan Schärer, Bereichsleiter Pflege der gesamten Chirurgie, das Unispital. Und auf der Abteilung 6.2 hat Stationsleiterin Christina Gregor per Ende August 2017 gekündigt. Ihre Stellvertreterin befindet sich zudem seit Ende 2016 in einer Babypause.

Bei der Suche nach den Gründen für die chronischen Personalengpässe gehen die Meinungen auseinander. Ein Stichwort fällt aber mehrfach: «Lean Management». Die Chirurgie 6.2 führte das Administrationssystem im Herbst 2014 als Pilotstation am USB ein. Anstatt die Patientenakten in einem Büro auszufüllen, führt jeder einen Pflegewagen mit Laptop mit sich.

Das spart Laufwege und somit Zeit. Als «Wurzel allen Übels» bezeichnet es die ehemalige Angestellte Hauser. «Es gibt keine Rückzugsmöglichkeit und da mehr Patienten betreut werden müssen, bleibt gar nicht mehr Zeit für den persönlichen Kontakt.»

«Stellenbudgets adäquat»

Verteidigt wird das System von Bader: «Lean Management gehört die Zukunft.» Dass Lean auf der 6.2 teils für Ärger sorge, liege schlicht wieder an der Unterbesetzung. Bader ortet die Wende zum Schlechteren anderswo: bei der Einführung des Tarifsystems DRG mit seinen Fallpauschalen 2012. Einig sind sich alle befragten Angestellten, dass es mehr braucht, als «bloss» die Besetzung der Vakanzen.

Das Stellenbudget müsse erhöht werden, so die Forderung. Mit der Kritik konfrontiert, hält Unispital-Sprecher Martin Jordan fest: «Aus unserer Sicht sind die Stellenbudgets adäquat.» Die budgetierten Stellen hätten auf der Chirurgie 6.2 von 33,2 (2012) auf 35,7 (2017) zugenommen. Allerdings weiss die Chefetage um die aktuelle Unterbesetzung. Das USB nennt dafür zwei Gründe: Die Grippewelle hätte in den letzten Monaten zu einem «klaren Anstieg der Kurzzeitabsenzen» geführt.

Und auf der 6.2 seien acht Mitarbeiterinnen wegen Schwangerschaft oder Nichtbetriebsunfall ausgefallen. «Trotz intensiver Bemühungen konnten diese ungeplanten Lücken nicht immer geschlossen werden», gibt Jordan zu. Einen chronischen Personalmangel streitet das USB dagegen ab. Es gebe generell weniger Spontanbewerbungen. Und die komplexen Aufgaben am USB fänden Bewerber zwar reizvoll.

Doch, so Jordan, «sie unterschätzen bisweilen die Anforderungen». Deshalb müsse man teils auf Temporäre setzen. Jordan betont, dass Pflegeleiter Schärers Weggang lückenlos ersetzt werde und die Rekrutierung für die Nachfolge der Stationsleiterin laufe. «Lean Management» verteidigt das USB. Die Alltagsumsetzung sei aber durchaus «eine Herausforderung».

*Namen von der Redaktion geändert.