Die EU in der Krise, der Bundesrat im Saich. Eine Welt, die angesichts von Kriegen und Konflikten ausser Rand und Band scheint. Und wie gehts der Stadt im Dreiländereck? «Nur z Basel lauft alles runder, dr Roche-Duurm wird gfiirt als Wunder.» Nachdenklich startet im Volkshaus das Charivari, Ausgabe 2015. Denn: Das rücksichtslose Profitdenken, das mit dem Brummen des Wirtschaftsmotors einhergeht, erzeugt Verlierer, wie wir in der «Hyylgschicht» erfahren: «Mi storniere wär für mi dr bescht – Ritörn on Inwescht», findet die arg suizidgefährdete Karrierefrau. Doch es kommt nicht zum Äussersten: Der Piccoloklang spendet Trost, die Fasnacht weckt neue Lebensgeister.

Wie ein roter Faden durchs Programm ziehen sich die Zwiegespräche zwischen Münster (das den linken Bühnenrand hübsch dekoriert) und der Clarakirche (rechts). Das stolze Münster gibt sich geistreich, es sinniert und klagt, was falsch läuft «z Basel» und in der Welt. Die Clarakirche im Epizentrum des multikulturellen Glaibasel verströmt weniger Glanz, scheint einfacher gestrickt, doch näher bei den Bedürfnissen der Menschen: «Uff em Claraplatz wärde d Lampe gfüllt – nid uffgstellt».

Es kommt auf die Kleinen an

Will eine Stadt erfolgreich und lebenswert sein, soll eine Fasnacht gelingen, so sind nicht nur die Grossen und Mächtigen gefordert. Nein, es kommt auch auf die Kleinen an. Zum Beispiel den Rhein-Gondoliere, der im Stiggli «Verzell Du das em Fährimaa» als feinfühliger Volkspsychologe besungen wird. Oder auch auf den oft gering geschätzten Vorträbler, der zunächst etwas trotzig festhält: «Drummelkeenige gits vili, doch e guete Vorträbler isch e rari Spezies.»

Meckernd über die Handy-Manie am Cortège und die-schlimmsten Besucher – nein, nicht die Japaner, sondern die Landschäftler – gerät er in Fahrt und triumphiert am Schluss im Stile eines Opernstars: «Alli wänn e Zeedel ha.» Das Solo von Mats Brenneis ist eine rührende Ode an alle Vorträbler und einer der Höhepunkte der Charivari-Ausgabe 2015.

Doch das Fasnachts-Variété lebt nicht von lyrischen Feinheiten allein; es trumpft auch auf mit überraschenden Inszenierungen: Zwei Liebende, die nicht in derselben Clique musizieren, konferieren per SMS. Es beginnt harmlos: «Wo bisch?» Wir ahnen: Der stark verkürzte Chatjargon führt nicht nur zu Missverständnissen – heisst GB Gross- oder Glaibasel? – sondern mündet geradewegs in die Beziehungskatastrophe.

Nach der Pause zünden die Charivari-Macher ein Feuerwerk an Gags und spritzigen Ideen: Weil die immer gleichen Fan-Gesänge aus der Muttenzerkurve so langsam langweilen, muss ein neuer FCB-Fansong her: Philipp Degens Oberdörfer Sandkasten-Kollegin probierts mit einem Liebeslied im Rampassen-Slang. Kurios der Sechseläuten-Reiter, der weismachen will, dass auch in Ziiri der FCB der Verein der Herzen ist.

Den witzigsten Auftritt haben aber zwei Ordensschwestern, die «Paulo Sousa, wir loben Dich» intonieren. Regisseurin Colette Studer legt als Charivarimännli eine enorme Wandlungsfähigkeit an den Tag: Perfekt wechselt sie von der kecken, derben Gugge-Tussi, die am Charivari als Servierdüse ihr Sackgeld verdient, zur Daig-Däsche, die sich über die Enge im Volkshaus im Speziellen und die Zustände im minderen Basel im Allgemeinen auslässt.

Japanische Trommler parodiert

Bloss zwei Bängg treten am Charivari auf, doch diese hat Programmchef Erik Julliard mit sicherem Gespür ausgewählt: Dr Schwoobekäfer – in charakteristisch scharfem Baseldytsch – nimmt treffsicher die üblichen Verdächtigen von Ammann, Simon bis Weber, Eric aufs Korn. Dazu ein Müsterchen: «Dr Wäber isch e Gwinn im Groossrootssaal, uff eimol wirgge alli andere wider ganz normal.» Riesenapplaus. Doch d Gwäägi, die bereits im vergangenen Jahr mit geistreichen Pointen punkteten, kommen beim Publikum noch etwas besser an. In den für sie charakteristisch langen Strophen sitzt jeder Reim. Der ausgewalzte Selfie-Bangg am Schluss hat gar das Zeug zum Klassiker.

Und die musikalischen Beiträge? Die Naarebaschi geben den Rossignol präzis, ihr Auftritt wirkt konventionell, was angesichts der Vielfalt im Programm kein Schaden ist. D Negro Rhygass, ebenfalls Charivari-Stammgäste, beschliessen mit einem treibenden Guggenmedley den ersten Teil. Ein musikalischer Höhepunkt ist das Top Secret Drum Corps, das im Programmheft schalkhaft als traditionelle japanische Trommelgruppe angekündigt ist. Wie in Vorjahren vereint der Corps-Auftritt ausgeklügelte Choreografie und Trommelkunst mit augenzwinkernder Parodie.

Das Charivari endet in einer etwas platt wirkenden Schlagerrevue, in der «A-tem-los» zu «Mor-ge-straich» wird. Insgesamt pendelt das Variété aber stilsicher zwischen Poesie und Klamauk, Nachdenklichem und Deftigem. Das Charivari ist – einmal mehr – die vielfältigste und nuancenreichste Basler Vorfasnachtsveranstaltung. Ein durch und durch gelungener Jahrgang.