Stiftungswesen

Chef der Christoph Merian Stiftung im Interview: «Wir wollen ein Joker sein»

«Wer möchte denn beim Dreispitz von Peripherie sprechen!» Beat von Wartburg findet es absurd, dass man in Basel ein so enges Verständnis von Stadt hat.

«Wer möchte denn beim Dreispitz von Peripherie sprechen!» Beat von Wartburg findet es absurd, dass man in Basel ein so enges Verständnis von Stadt hat.

Beat von Wartburg spricht über die Rolle der Christoph Merian Stiftung in der Stadtentwicklung, im sozialen Bereich und in der Kulturförderung. Er sagt auch, warum die CMS bei Institutionen wie dem Literaturhaus ein wenig Unruhe säen möchte.

Beat von Wartburg, die CMS hat von einem verstorbenen Ehepaar aus Arlesheim die grösste Schenkung ihrer Stiftungsgeschichte erhalten, 120 Millionen Franken. Was haben Sie mit dem Geld vor?

Beat von Wartburg: Das kann ich noch nicht konkret sagen, der entsprechende Strategieprozess läuft. Klar ist, was immer wir tun, es muss dem Stiftungszweck der Christoph Merian Stiftung entsprechen, also den Förderbereichen Soziales, Natur, Kultur und Lebensraum Stadt zu Gute kommen. Was ich aber jetzt schon sagen kann: Wir haben ein nicht sehr erfreuliches Börsenjahr hinter uns – mit entsprechend geringeren Erträgen – und haben aus dem Legat bereits das Kunstmuseum mit sieben Meisterwerken beschenkt. Allein der Versicherungswert beträgt CHF 20 Mio. Die CMS hat ihren Beitrag aus dem Legat fürs 2019 also bereits mehr als erfüllt.

Aufs gesamte Vermögen der CMS bezogen: Wieviel macht die Probst-Stiftung prozentual aus?

Rund acht Prozent. Dies bezieht sich aber auf unsere neue Rechnungslegung, in der das Renditevermögen zu Markt- und nicht mehr zu Buchwerten ausgewiesen wird.

Ein wichtiger Eckpfeiler der CMS sind ihre Liegenschaften Hier ergibt sich ein Spannungsfeld: Einerseits muss die Stiftung Gewinn erwirtschaften, anderseits hat sie auch den Auftrag, sozial zu wirken. Wie gehen Sie damit um?

Wir haben eine unternehmerische Seite, um die philanthropische Seite zu ermöglichen. So einfach ist es. In den vergangenen Jahren haben wir diese beiden «Blutkreisläufe» innerhalb der Stiftung getrennt. Alle Engagements, die mit Liegenschaften der CMS verbunden sind, müssen neu Kostenmieten zahlen. Sprich: Die Gassenküche, das Haus der elektronischen Künste oder die Papiermühle zahlen künftig kostendeckende Mieten, die wiederum durch eine entsprechende Erhöhung der Fördermittel kompensiert werden. So zeigt die CMS auch nach aussen, was uns unser Engagement real kostet.

Hat man bei der CMS also das Gefühl gehabt, nicht genügend geschätzt zu werden?

Nein, nicht zu wenig geschätzt, aber manchmal nicht ganz richtig verstanden. Zunächst geht es um Transparenz und um die ständige Überprüfung der Wirkung des Engagements. Wir haben bereits heute sehr viele Liegenschaften, die für ökologische, soziale und kulturelle Zwecke genutzt werden. Jeder kann sich ausrechnen, was das an Unterhalt und sonstigem finanziellen Aufwand bedeutet. Damit die Immobilien unterhalten werden können, braucht es die Kostenmieten, die aus Fördermitteln bezahlt werden, um den Ertrag der Stiftung nicht zu schmälern.

Die Stiftung soll also vermehrt als kommerzieller Player wahrgenommen werden.

Ja. Weil wir das Geld zuerst verdienen müssen, bevor wir es ausgeben können. Unsere Stiftung als öffentlich-rechtliche Stiftung war seit jeher eine Projektionsfläche für Partikularinteressen, aber auch für den Kanton. Alle glauben zu wissen, was die CMS unterstützen und finanzieren soll.

So hat auch jeder in Basel eine Meinung zur Transformation des Dreispitz. Was sind genau die Pläne der CMS als Grundeigentümerin?

Die Entwicklung des Dreispitz ist ein phantastisches Projekt. In der Nordspitze sind wir zusammen mit der Migros, mit Herzog & de Meuron und dem Kanton Basel-Stadt an der Planung. Zudem wird derzeit der Standort für die Universität auf Baselbieter Boden evaluiert. Die Regierungen der beiden Basel haben ja beschlossen, die juristische und die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Uni auf dem Dreispitz in Münchenstein unterzubringen. Wir sind aber auch daran, ein neues kulturelles Eroberungsfeld zu definieren, nämlich den so genannten Gleisbogen. So nennen wir das Gleisfeld an der Wien-Strasse, das genau auf der Kantonsgrenze liegt. Derzeit läuft eine Ausschreibung für die kulturelle Belebung dieses Areals. Wir wollen dort befristete kulturelle Engagements ermöglichen, also temporäre Nutzungen – bis dereinst feststeht, was an der Wien-Strasse geschehen soll. Bereits eröffnet hat beispielsweise das «Wortstellwerk», das junge Literatur fördert.

Immer wieder waren Klagen des Gewerbes zu hören, man werde vom Dreispitz verdrängt. Stimmt das?

Nein. Wir haben einen Wirtschaftspark definiert, wo das Gewerbe sich weiterhin entfalten kann. Und dies sogar noch verdichteter als heute. Dies wurde vom Gewerbeverband explizit begrüsst. Die Vertreter des traditionellen Gewerbes sollten aber auch zur Kenntnis nehmen, dass es – wie beispielsweise im Freilager – neue Formen von Gewerbe wie Kreativwirtschaft oder Unternehmen der Digitalbranche gibt, die sich erstens mit benachbartem Wohnen bestens vertragen und erst noch eine höhere Wertschöpfung bringen.

Sollten wir in Basel also den Begriff des Gewerbes in diesem Sinn aktualisieren?

Ich komme mütterlicherseits aus einer Gewerblerfamilie. Damals war es völlig normal, dass die Gewerbebetriebe in den Hinterhöfen des Kleinbasel funktionierten. Vorne wohnen, hinten arbeiten. Das ist eine ganz traditionelle Vorstellung davon, wie eine Gesellschaft funktionieren kann. Wir haben noch heute im ganzen Gundeli Wohnzohnen, die gewerbliche Nutzung zulassen. Generell sollten wir Arbeiten und Wohnen wieder zusammenzubringen. Das wäre auch angesichts der immer grösseren Pendlerströme ein Gebot der Stunde.

Geht mit der immer stärkeren Globalisierung und Digitalisierung nicht auch eine strukturelle Veränderung der Betriebe auf dem Dreispitz einher?

Das ist richtig: Industrie wird immer weniger, die Produktion wird ins Ausland verlagert. Auf dem Dreispitz gibt es mittlerweile Brachen und grosse Produktionshallen und Räume, die unternutzt sind. Es ist eine Herausforderung, das Quartier mit neuem Gewerbe oder gemischten Zonen lebendig zu halten. Und es zeigt generell, dass wir in der Schweiz auf Bildung und höherwertige Arbeit setzen müssen, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

Helfen Areal-Transformationen wie jene auf dem Dreispitz auch, die Vorstellung von Zentrum und Peripherie zu verändern, die in Basel ja doch recht starr und kleinräumig zu sein scheint?

Das kann sein. Auf jeden Fall ist es ein langsamer Prozess, bis wir die Stadt endlich als Metropolitanstadt verstehen, als Zentrum einer Region und nicht einfach für sich allein stehend. Es ist die grosse Hypothek dieser Stadt, dass die Grenzen immer noch in den Köpfen verlaufen. Man muss sich einmal vorstellen: Der Dreispitz ist ganze drei Tramstationen vom Bahnhof SBB entfernt. Wer möchte denn hier von Peripherie sprechen! Basel will «Weltstadt im Taschenformat» sein, also eine Metropole, in der alles zu Fuss erreichbar ist. Grossstädtisches Angebot mit trendigen Gebieten soll es geben, aber die sollen bitteschön nicht weit weg sein. Es ist absurd, dass wir ein so enges Verständnis von Stadt haben.

Haben sich all Ihre Wünsche und Vorstellungen im Freilager eigentlich erfüllt?

Natürlich würden wir uns dort mehr Gastronomiebetriebe wünschen oder grundsätzlich mehr Läden und Alltagsleben. Aber das braucht eben noch einen Moment.

Günstiger Wohnraum ist ein grosses Thema in Basel, viele Bewohner sind der Ansicht, der Kanton unternehme zu wenig. Da einzuspringen, wäre doch eine Chance für die CMS zu zeigen, wie man es macht.

Das ist so. Wir diskutieren das intensiv, sind aber am Schluss nur ein kleiner Player, verglichen etwa mit der Stiftung Habitat, deren Engagement wir bewundern. Bei uns ist Wohnraum nur eine unserer Tätigkeiten, eine andere ist es, Freiflächen zu schaffen und zu unterhalten. In den Merian Gärten werden wir in den kommenden Jahren rund 15 Millionen Franken investieren. Zugleich sind wir im Bereich Soziales dabei, uns für Leute in prekären Wohnverhältnissen zu engagieren, wir widmen uns der Problematik der Obdachlosigkeit und suchen dort nach Lösungen. Aber: Die CMS ist nicht so gross, dass sie alles gleichzeitig machen kann.

Im vergangenen Jahr stand die CMS in der Kritik, weil sie Mietverträge bei Alterswohnungen umwandelte, wider den Willen der Rentner. Das kratzte am Image.

Das tat sehr weh, denn wir wurden falsch verstanden. In unseren Alterssiedlungen sind die Mietzinsen insgesamt extrem günstig. Weil die Anforderungen an die Betreuung in den Alterssiedlungen stark gestiegen sind und noch weiter steigen werden, konnten wir die Altersbetreuung nicht mehr selber gewährleisten. Deshalb suchten wir einen Partner, der sich um die Bedürfnisse der Bewohner und Bewohnerinnen kümmert. Mit dem Bürgerspital Basel haben wir einen idealen Kooperationspartner gefunden. Die Mieter sind durchschnittlich 85-jährig, und viele sind gebrechlich. Sie erhalten nun mehr Leistungen als bisher zum gleichen Preis.

Was war denn das Problem? Dass die Leute sich bevormundet fühlten?

Stein des Anstosses war, dass das Bürgerspital statt eines Mietvertrages einen Pensionsvertrag anbietet. Dieser macht in der heutigen Zeit absolut Sinn. Aufgrund der vielen Dienstleistungen, die ältere Menschen brauchen.

Wir haben den Eindruck, dass die Kultur im Moment eher eine untergeordnete Rolle spielt in der CMS. Korrekt?

Nein. Wir haben sehr viele Projekte und eine hohe Ausschüttungsrate. Aktuell fliessen rund fünf Millionen Franken pro Jahr in die Kultur.

Was sind denn die grossen Kulturprojekte der CMS?

Da sind die Projektförderungen, mit denen wir uns langfristig engagieren, etwa im Haus der elektronischen Künste, dem Papiermuseum oder dem Literaturhaus. Daneben haben wir eine Entwicklungsförderung eingeführt. Da möchten wir Infrastrukturbeiträge sprechen oder Projekte aufgleisen wie das Humbug (Veranstaltungshalle BASF Areal) oder das Tohuwabohu (Kreativwirtschaftsprojekt auf der Erlenmatt). Wir helfen nicht nur mit Geld, sondern auch mit Beratungen. Das gilt auch für die Kreativwirtschaft, wo wir etwa den Verband der Kreativwirtschaft unterstützen, die Lobby der Basler Filmszene. Wir gründeten im vergangenen Jahr auch eine eigene Stiftung für die «Liste», also für aktuelle Kunst, um diese Messe so erhalten zu können, wie sie ist.

Welche Forderungen sind mit der Förderung verbunden?

Fördern bedeutet zu investieren. Aber statt einer Rendite wollen wir Wirkung und wir wollen da investieren, wo es uns wirklich braucht. Das heisst wir müssen flexibel bleiben können. Vor vier Jahren haben wir gemerkt, dass wir sehr viele Dauerverpflichtungen haben. 80 Prozent unserer Fördermittel waren gebunden, das nimmt einer Stiftung wie unserer die Flexibilität. Wir haben uns also wie der Staat verhalten. Dieser begrüsste das, weil wir sein Budget entlasteten. Doch so kann eine Stiftung nicht funktionieren. Wir wollen ein Joker sein in einem sich verändernden Kulturbetrieb.

Spürten Sie, dass der Kanton die Erwartungshaltung hatte: Die CMS wird das schon richten?

Ja, sehr deutlich. Es war natürlich praktisch, dass unsere Stiftung Sachen auffangen konnte. Auf der anderen Seite aber warf man uns vor, dass wir jeweils Anschubfinanzierungen machten und der Staat später dann laufende Kosten übernehmen musste.

Stimmte das denn nicht?

Nein, das Gegenteil war der Fall. Wir banden ja wie gesagt 80 Prozent der Mittel, das heisst, dass fast immer die gleichen das Geld erhielten. Das kann nicht der Sinn einer Stiftung sein. Wir müssen Hilfe zur Selbsthilfe bieten, Projekte auf den Weg bringen oder befristete Initiativen unterstützen. Aktuelles Beispiel: Wir ermöglichten und unterstützen das auf fünf Jahre befristete Wortstellwerk.

Sie korrigieren also ihre bisherige Förderpolitik?

Ja. Im Sozialen haben wir eine Bedarfsanalyse gemacht und die selbstkritische Frage gestellt: Wo braucht es uns, wo nicht? Wir müssen eine schwierige Verantwortung wahrnehmen, für das soziale Basel und eine lebendige Kunstszene einstehen. Das heisst auch, dass ein Projekt auch mal ein Ende nehmen darf und soll. Ein idealer Fall für eine Stiftung wie unsere, ist im Kulturellen die Förderung von Offspaces, die aufpoppen, aber nicht auf ewig angelegt sind. Wir geben dort Vitaminspritzen, wo es uns braucht. Das ist unsere Rolle. Wir dürfen uns nicht verhalten wie der Staat, das wäre verheerend. Auch weil wir ja im Vergleich zum Kanton Basel-Stadt viel weniger geben. Wir entlasten die Staatskasse ja nur minimal.

Wie sehen die Verhältnisse denn aus?

Basel-Stadt hat im sozialen Bereich Ausgaben in Höhe von einer 655 Mio., wir tragen da «bloss» fünf Millionen Franken bei. Und die Kulturförderung beläuft sich beim Kanton Basel-Stadt auf rund 127 Millionen Franken, bei uns auf rund fünf Millionen.

Erklärt die Strategieänderung auch, dass weniger grosse Kulturprojekte realisiert worden sind in jüngerer Zeit? Es ist ja doch lange her seit der Gründung eines Literaturhauses, eines Cartoonmuseums oder eines HeK…

Ja, das trifft zu. Braucht es denn immer neue Institutionen? Ich glaube nicht. Eine neue Institution ist rasch gegründet. Aber wir haben doch genug Museen, genug Institutionen und sollten verstärkt darüber nachdenken, was es überhaupt noch braucht. Aktuelle gesellschaftliche Themen und Prozesse im Sozialen, im Kulturellen und im Umweltbereich zu reflektieren, ist für unsere Zukunft vielleicht wichtiger als neue Institutionen zu gründen.

Mit dem HeK haben Sie aber selber ein Problemkind in die Welt gesetzt. Dieses ging aus dem Shift Festival und Plug In hervor, macht zwar interessante Ausstellungen, erreicht aber nicht sehr viele BesucherInnen und musste in jüngerer Zeit um seine Zukunft bangen.

Das ist so, ja. Auch wenn ich zutiefst überzeugt bin davon, dass die Auseinandersetzung mit digitaler Kultur enorm wichtig ist und es nirgends sonst in der Schweiz etwas wie das Haus der elektronischen Künste gibt, bin ich nicht mehr überzeugt davon, dass aus jeder Initiative auch eine Institution werden muss. Damals war ich dafür, heute sehe ich das kritischer. Es fragt sich zudem, ob jede Sparte eine Institution braucht? Das HeK entstand ja auch, weil bestehende Institutionen die digitale Kultur nicht thematisierten. Eigentlich müssten die staatlichen Museen solche integrieren. Aber leider gelingt das irgendwie nicht.

Die staatlichen Museen sind ja schon genug damit beschäftigt, ihre bestehenden Sammlungen in den vollen Depots zu pflegen …

Ich weiss, ja. Das ist auch gut und absolut richtig. Man muss sich aber nicht nur mit dem Sammeln beschäftigen, sondern auch mit der Zukunft und mit dem Loslassen. Deshalb unterstützen wir beispielsweise mit anderen Stiftungen zusammen auch eine Beratungsstelle, die hilft, mit Künstlernachlässen umzugehen. Sie sehen: Wir arbeiten im Hintergrund, fördern diskreter, vielleicht aber auch effizienter und effektiver.

Angesichts ihrer Neuausrichtung: Müssen sich Institutionen jetzt Sorgen machen, dass die CMS Partnerschaften beendet?

Nein. Wir möchten weiterhin 50 Prozent unserer Erträge in längerfristige Engagements investieren. Im sozialen Bereich etwa sind wir der Gassenküche treu, im Bereich der Kultur der Papiermühle.

Diese kämpft mit Finanzierungsproblemen.

Ja. Der Kanton Baselland hat seine Mittel für die Papiermühle gestrichen. Die beliebte Institution weiss im Moment nicht, wie es weitergehen soll. Wir unterstützen die Papiermühle mit jährlich 531 000 Franken, 216 000 davon sind Mietkosten. Mehr können wir jetzt auch nicht einfach einschiessen, weshalb wir vorerst mit einer Betriebsanalyse weiterhelfen.

Der Kanton Baselland hilft dafür dem HeK. Er hat entschieden, dieses künftig zu unterstützen.

Ja, das ist toll. Der Bund hat – zu unserer grossen Enttäuschung – ihre Beiträge gestrichen. Dass man dem einzigen Museum für digitale Kultur die Mittel streicht, nicht in die Zukunft investiert, das verstehe ich nicht. Zum Glück springt nun der Kanton Baselland ein.

Die Rivalität der CMS und des Kantons ist fast schon legendär. Wie sieht sie heute aus?

Ich würde nicht sagen, dass wir eine Rivalität haben, sondern einfach grundlegend verschiedene Aufgaben. Der Staat erbringt die Grundversorgung, wir springen, da ein, wo der Staat nicht aktiv sein kann, wie zum Beispiel bei den Sans-Papiers.

Also alles in Wonne, keine Reibungen?

Natürlich wünschten wir uns manchmal mehr Unterstützung vom Kanton. Zum Beispiel bei der Papiermühle. Immerhin ist die Papiermühle bei Kindern wie Erwachsenen beliebt und auf TripAdvisor sogar auf Platz 1 der Aktivitäten.

Das Literaturhaus erhält ab 2021 jährlich 100'000 Franken weniger als bisher von der CMS. Das heisst, Sie nehmen dem Literaturhaus Geld weg.

Ich weiss nicht, ob man von «wegnehmen» sprechen kann. Wir haben in den vergangenen 17 Jahren jährlich 460 000 Franken in das Format des Literaturhauses gesteckt hat. Da kann man auch nicht mehr von einer Anschubfinanzierung sprechen. Wir geben dem Verein vier Jahre Zeit, sich neu zu organisieren.

Warum ziehen Sie sich dort zurück?

Wie gesagt, es ist kein Rückzug, sondern eine massvolle Reduktion. Wir wollen im Bereich Literaturförderung aber vermehrt jüngere Menschen zur Literatur bringen. Deshalb unterstützen wir zum Beispiel das bereits erwähnte Projekt Wortstellwerk. Zugleich möchten wir das Literaturhaus dazu anregen, sich zu überdenken.

Inhaltlich?

Nicht nur. Muss es denn zwischen Barfüsserkirche und der Freien Strasse angesiedelt sein, wo die Mietzinsen sehr hoch sind? Wäre es nicht passender, das Literaturhaus läge an einem Hotspot?

Sie sind also unzufrieden mit dem Literaturhaus?

Nein überhaupt nicht. Aber wir möchten etwas in Bewegung setzen, eine kritische Selbstreflektion, von der Standortfrage bis zu den Formaten. Eine Stiftung darf ja auch Fragen stellen, mal eine gewisse Unruhe säen. Es ist auch unser Auftrag, zu schauen, ob mit dem eingesetzten Geld genügend Wirkung erzielt wird oder nicht. Man nimmt in der Kulturförderung immer alles als Gott gegeben und als ewig gültig an. Das finde ich falsch, es braucht eine öffentliche Debatte, welche Kulturförderung wir wollen. Wie viele Orchester möchten die Basler, wieviel Popförderung, wie viele Museen?

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Zur Person: Beat von Wartburg

Der Historiker in den Fussstapfen des Christoph Merian

Beat von Wartburg hat sich in den vergangenen 30 Jahren bei der Christoph Merian Stiftung (CMS) hochgearbeitet: Nach seinem Studium der Geschichte und der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaften in Basel und Paris, die er mit einer Disseration beendete, startete er 1988 seine berufliche Laufbahn im Keller der CMS, als Archivar. Später führte er den Christoph Merian Verlag, ehe er 2007 die Leitung der Kulturabteilung übernahm. Nachdem 2013 bekannt geworden war, dass CMS-Direktor Christian Felber zurücktreten wird, bewarben sich 180 Personen bewarben sich um den Chefposten. Zu seinem eigenen Erstaunen sei er gewählt worden, sagt von Wartburg. Warum zum eigenen Erstaunen? «Ja, weil es ungewöhnlich ist, dass jemand aus dem eigenen Betrieb genommen wird, also nicht von aussen kommt.»

Den Zuschlag dürfte er nicht nur aufgrund seiner besonnenen, sympathischen Art bekommen haben, sondern auch aufgrund seines Willens, die CMS in kürzester Zeit in die Zukunft zu führen. «Ich hatte den Vorteil, dass ich die Stiftung kannte und relativ rasch den Hebel dort ansetzen konnte, wo es notwendig war aus meiner Sicht», sagt von Wartburg. Unter seiner Leitung wurde ein Leitbild und eine neue Strategie erarbeitet, die derzeit umgesetzt wird. So möchte die CMS wieder schneller auf soziale Probleme oder kulturelle Trends reagieren und ihr Geld variabler einsetzen können. Das war vor Beat von Wartburgs Direktion noch nicht der Fall.

Früher waren 80 Prozent der ausgeschütteten Fördermittel der CMS gebunden. «Wir haben uns wie der Staat verhalten», sagt Beat von Wartburg. Künftig möchte die CMS schneller handeln und mehr Hilfe zur Selbsthilfe bieten. «Die Früchte des Strategiewechsels zu sehen macht grosse Freude», sagt von Wartburg, der allerdings trotz der Bedeutung der Stiftung in der Region Basel nicht das Rampenlicht sucht, sondern gerne und durchaus demütig auf den Zweck der Stiftung verweist. Wichtig sei das Bewusstsein, dass einem die «überzeitliche» Stiftung, das Vermächtnis von Christoph Merian, nur anvertraut ist. «Das ist ein sinnstiftendes Privileg, aber auch eine grosse Verantwortung.»

Was sind die Pläne des 59-Jährigen, plant er, den die TagesWoche einst als «Sesselkleber» bezeichnete, sich zurückzuziehen? «Nein, mein Job ist mein Traumjob», sagt er. Die Umsetzung der neuen Strategie möchte er weiter begleiten und dann, «in fünf Jahren gerne den Stab weitergeben.»

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