Er treibt seine Mannschaft zu Höchstleistungen an: Ivor Bolton. Seit einem Jahr ist er Chefdirigent des Sinfonieorchester Basel. Der Brite sei nicht nur grosser Musik- sondern auch Fussballfan, haben wir aus seinem Umfeld vernommen. Ein Steilpass für ein Gespräch über diese zwei Welten.

Herr Bolton, die Saison hat begonnen...

Ja, die Sommerpause ist vorbei. Wir konnten Ideen sammeln und sind in neuer Frische zusammengekommen, für CD-Aufnahmen...

Ich dachte gar nicht ans Sinfonieorchester, sondern an die Fussballsaison.

(lacht) Ach so, ja. Diese Saison hat ebenfalls begonnen, etwas früher sogar.

Sind Sie wirklich fussballverrückt?

Oh ja. Ich bin grosser Fan von Arsenal London und dem FC Barcelona. Auch Basel hat einen stolzen Club, allerdings habe ich ihn erst einmal spielen sehen. Das war 2014 in einem Champions-League-Spiel in Madrid. Es war hart: Basel spielte eigentlich ganz gut, verlor am Ende aber doch klar mit 1:5 gegen Real.

Wieso waren Sie bei Real-FCB im königlichen Stadion?

Clubpräsident Florentino Perez hatte mich zum Spiel eingeladen. Er sitzt auch im Vorstand des Teatro Real, jenem Opernhaus in Madrid, in dem ich auch oft arbeite. Es war ein spezieller Abend für mich, nicht nur wegen der Atmosphäre im Stadion, sondern auch, weil ich zu diesem Zeitpunkt im Gespräch war für den Chefposten in Basel, aber noch alles vertraulich war. Ich durfte mir also nicht anmerken lassen, dass ich mich für beide Städte interessierte (lacht).

Sie dirigieren in Madrid und Basel, die Saisonkarte aber haben Sie beim FC Barcelona. Warum?

Weil ich mit meiner Familie in Barcelona lebe. Und weil mir die Spielweise dieses Vereins ganz besonders gefällt. Arsenal London, mein anderer Lieblingsclub, hat die ja zu kopieren versucht, weshalb man Arsenal auch als Barcelona Light bezeichnete. Leider schaffe ich es nur noch selten ins Stadion, Barcelona etwa habe ich im letzten Jahr nur zweimal live erleben können. Mein Sohn geht aber regelmässig an die Spiele.

Ist ein Konzert mit einem Fussballspiel vergleichbar?

Ein Stück weit, ja. Nichts kann die Atmosphäre eines Konzertabends ersetzen. Wir leben ja in einer Zeit, in der Musik überall verfügbar ist und fast nichts mehr kostet, wenn man an Streamingdienste denkt. Gerade deshalb ist für uns klassische Musiker der Live-Event ein Premium-Produkt. So ist es auch im Fussball: Man kann ein Spiel am Fernsehen schauen, es ist aber nie dasselbe wie ein Stadionbesuch. Als ich Lionel Messi erstmals in Aktion gesehen habe, hat mich das umgehauen. Diese Technik, diese Geschwindigkeit. Beeindruckend!

Wissen Ihre Arbeitgeber in Madrid, dass sie Barça-Fan sind?

(lacht) Ja, sie wissen es. Das sorgt auch immer wieder für liebevolle Stacheleien im Orchestergraben, vor allem, wenn Barcelona am Vorabend verloren hat.

Barcelona ist neu um einen Superstar ärmer: Der Brasilianer Neymar wechselte für 222 Millionen Euro zu Paris Saint-Germain. Wie stehen Sie dazu?

Es ist schlicht obszön, wie viel Geld in diese Traditionsvereine und in die Spieler investiert worden ist in den letzten Jahren. In England geben die Clubs mittlerweile sogar für durchschnittliche Spieler 15 Millionen Pfund aus. Das ist einfach viel zu viel.

Ist das Musikgeschäft auch so grotesk geworden?

Nein, solche Unsummen werden in der Klassik noch nicht bezahlt. Aber Berühmtheit erhöht den Marktwert. Und es gibt Sängerinnen, die mit ihrem Charisma und ihren technischen Fähigkeiten herausragen, so wie Neymar im Fussball. Anna Netrebko zum Beispiel.

Netrebko soll gemäss «Forbes» immerhin über sieben Millionen Dollar verdient haben.

Das mag sein, ich weiss es nicht. Sie ist ein Superstar wie auch der Tenor Jonas Kaufmann. Man muss aber auch sehen: Ihr Marktwert steht und fällt mit jeder Performance. Ihre Stimmen sind ihr Kapital. Das geht oft vergessen. Deshalb sollte man es solch berühmten Leuten auch nicht übel nehmen, wenn sie ein Konzert absagen, weil sie ein bisschen erkältet sind. Denn wenn sie nicht die Top-Leistung bringen, nicht jeden Ton sauber treffen, dann werden sie in den sozialen Medien verrissen, ja, vernichtet.

Sie stammen aus der Arbeiterklasse, stimmt das?

Ja, mein Vater war ein Zugführer. Als ich jung war, in den 1970ern, war der englische Fussball auch noch primär von Leuten der Arbeiterklasse besucht.

Wäre es da nicht naheliegender gewesen, dass sie Fan eines Arbeitervereins werden, etwa Tottenham Hotspurs?

Ich studierte in Cambridge und kam dann nach London. Aus Neugierde besuchte ich die Spiele aller Vereine, von Chelsea bis zu den Queenspark Rangers, die damals sehr schwer zu schlagen waren. Aber am Ende entschied ich mich für Arsenal, das war vor 30 Jahren, also in einer Zeit, als die Fussballwelt noch eine andere war.

Manchen Fussballstars, allen voran Cristiano Ronaldo, wird divenhaftes Verhalten nachgesagt. Den Begriff kennt man aus der klassischen Musik.

Ja, der reicht schon sehr lange zurück, bis in die Zeit, als Georg Friedrich Händel in London an der Opernakademie tätig war. Das war um 1720. Um sein Haus erfolgreicher zu machen, kaufte Händel die besten italienischen Sängerinnen ein. Seine Opern waren Vehikel, auf denen die Primadonnen ihre Virtuosität präsentieren konnten. So wollte er die Konkurrenz-Theater ausstechen. Die Diven standen im Vordergrund, was immer auch konfliktreich war.

Und heute? Gibt es sie noch, die klassische Diva?

Ich denke schon. Es ist kein Geheimnis, dass die Sopranistin Angela Gheorghiu als schwierige, anspruchsvolle Person gilt. Ich habe nie mit ihr zusammengearbeitet, aber einiges aus zweiter Hand erfahren. Sie ist «high maintenance», braucht viel Aufmerksamkeit und ist sehr anspruchsvoll. Sie kann sich das leisten, weil ihr Talent und Können aussergewöhnlich ist. Manchmal liegen Manierismen ja auch eine Zerbrechlichkeit zugrunde, weil die Erwartungshaltungen und damit der Druck und die Nervosität riesig sind.

Was ist der Dirigent, im fussballerischen Vergleich? Der Trainer?

Ja, kann man so sagen. Ich habe eine klare Idee, wie die Musik klingen sollte und muss das, was ich in meinem Kopf höre, in Klänge übersetzen. Das Orchester ist meine Mannschaft.

Werden Sie manchmal laut in der Kabine?

Nein. Das führt nicht zum richtigen Resultat, ich habe meine Vorstellungen, sehe mich aber auch als Teamplayer. Vor 100 Jahren war das noch anders, Stardirigenten wie Arturo Toscanini schrien ihre Orchester an, führten mit strenger Hand, sehr autoritär. So wie manche Fussballcoaches.

Eine letzte Frage: Was ist der grösste Fussballsong?

Hm, wahrscheinlich «You’ll never walk alone»: Die Liverpool-Fans tragen damit die Spieler aufs Feld, man spürt diese tiefe Verbindung und man hat das Gefühl, dass der Club und die Stadt eigentlich ihnen gehöre. Auch der Barça-Song, ein katalanischer Marsch, ist eindrücklich: Messi und Co. marschieren dazu wie Gladiatoren ins Stadion, man spürt förmlich, dass sie unbesiegbar sind.