Herr Eichler, angenommen ich bin Verwaltungsratspräsident einer mittelgrossen Firma und auf der Suche nach einem neuen Standort. Würden Sie mir empfehlen, nach Basel zu kommen?

Martin Eichler: Basel ist sicher für viele Unternehmen ein interessanter Standort. Als Metropolregion bieten sich viele Vorteile einer grossen Agglomeration, etwa beim Arbeitsmarkt. Ein Pluspunkt ist auch das Pharmacluster, wenn Sie in diesem Bereich tätig sind. Dazu kommt: Die Schweiz allgemein ist für Unternehmen recht steuergünstig. Gerade mit der anstehenden Steuerreform 17 könnte sich die Situation für Unternehmen nochmals verbessern.

Was spricht gegen Basel als Standort?

Basel ist eine dicht besiedelte Region. Wenn Sie grosse Platzansprüche haben, könnte es recht schwierig werden. Auch ist die Schweiz insgesamt ein relativ teures Umfeld, etwa mit Blick auf die Löhne oder die Preise für Boden oder Energie.

BAK Economics vergleicht weltweit die Steuerbelastung für Unternehmen. Wenn man sich Ihre Studien anschaut, kommt man zum Schluss, dass es attraktivere Standorte als Basel gibt.

Wenn man ausschliesslich auf die Steuern schaut, ja. Allerdings bieten diese steuergünstigeren Standorte oft bei anderen wichtigen Standortfaktoren etwas ganz anderes an. Ein Standort Schanghai oder in den neuen EU-Mitgliedsländern im Osten kann steuerlich günstiger sein, aber bietet etwa bei der Ausbildung der Arbeitskräfte, bei politischer und rechtlicher Sicherheit oder anderen Faktoren nicht den gleichen Standard wie die Schweiz. Die Steuern sind ja letztlich immer ein Preis für das Bündel an öffentlichen Dienstleistungen, das man am Standort erhält. Und da bietet Basel relativ viel für den Preis, der verlangt wird.

Bisher ist die Schweiz vor allem auch interessant für sogenannte Statusgesellschaften, also Firmen mit Auslandsbezug, die besondere Privilegien erhalten. Nun muss die Schweiz diese auf internationalen Druck abschaffen. Was bedeutet dies für den Standortwettbewerb?

Zunächst einmal: Die Schweiz ist auch für Unternehmen ohne Privilegien ein interessanter Standort. Die Steuerbelastung ist tiefer als in den meisten anderen Industrieländern. Das zeigt der BAK Taxation Index, unser internationaler Vergleich für ordentlich besteuerte Unternehmen. Nochmals attraktiver wird es für die heute privilegiert besteuerten Unternehmen. Für diese Unternehmen erhöht sich die Steuerbelastung bei einer Abschaffung der Privilegierung deutlich. Daher möchte die Steuervorlage 17 neue Möglichkeiten einführen, gewisse Gewinne zu privilegieren, etwa solche aus geistigem Eigentum – eben die Patentbox.

Das würde es erlauben, die zukunftsträchtigen Unternehmen, namentlich die Pharmaforschung und die Pharmaindustrie hier halten zu können.

Der Wegzug von potenten Steuerzahlern hängt als Damoklesschwert über jeder finanzpolitischen Debatte. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Diese Gefahr ist für Basel ausgeprägt vorhanden. Die Situation kann sich schnell ändern.

Warum? Salopp gesagt kann ja nicht einfach mal schnell der Roche-Turm abgebaut und in Hongkong wieder aufgebaut werden.

Das ist auch gar nicht nötig, um einen Grossteil der Gewinne zu verlegen. Einfach gesagt: Die Gewinne hängen sehr stark davon ab, wer die Risiken für die Forschung trägt, also Konzernleitung, Finanzierung und Steuerung eines Unternehmens. Solche Abteilungen können räumlich leicht verlegt werden. Ein relativ kleiner Prozentsatz der Mitarbeiter kann so viel Geld bewegen. Andere Tätigkeiten innerhalb des Unternehmens und der Rest der Belegschaft sind davon nicht betroffen.

Hat sich Basel also ein gefährliches Klumpenrisiko aufgehalst?

Ich würde es eher als Klumpenchance sehen. Wie bereits gesagt: Basel steht sehr gut da. Aber auch eine Chance muss erkannt und genutzt werden, damit sie zur Geltung kommt. Und genau das sollte Basel-Stadt tun und dem Standort Sorge geben.

Was bedeutet das konkret, mal abgesehen von der Steuerfrage?

Basel tut schon viel. Aber Standortpflege ist eine dauerhafte Aufgabe, die auch dem kontinuierlichen Wandel in der Wirtschaft wie im internationalen Wettbewerbsumfeld laufend Rechnung tragen muss. So findet in der Pharmaindustrie gerade ein technologischer Sprung hin zur individualisierten Medizin und zur Digitalisierung statt. Hier muss Basel sicher seinen Teil beitragen und die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Das kann konkret im Bereich der Weiterentwicklung der Universität sein oder etwa in Kooperation mit der Region Zürich dafür zu schauen, dass die nötigen IT-Kompetenzen vorhanden sind.