Das Thema «Harassenlauf» ist derzeit bei offiziellen Stellen eine Art Staatsgeheimnis. Bei den Gemeindebehörden kann keiner voraussagen, ob sich wie in den letzten Jahren Jugendliche absprechen, um am 1. Mai entlang der Birs einen kollektiven Besäufnisspaziergang zu veranstalten. Niemand hat einen Hinweis – oder zumindest gibt niemand einen preis.

Stattdessen verweist man auf den Sprecher der kantonalen Sicherheitsdirektion, Adrian Baumgartner. Nur er dürfe über das Thema kommunizieren, heisst es. Doch auch er lässt sich kaum etwas entlocken. «Sie können davon ausgehen, dass wir nichts dem Zufall überlassen», sagt er.

In der Vergangenheit hatte die Kantonspolizei keinen Aufwand gescheut, um die Jugendlichen von ihrem Marsch abzuhalten. Nach einer Messerstecherei 2009 kam 2010 ein Superpuma-Helikopter der Armee zum Einsatz. 400 Polizisten standen 300 Läufern gegenüber. Die Gemeinden definierten Zonen, wo temporär Alkoholkonsum verboten war.

Migros will «Nulltoleranz»

Seither hat die Teilnehmerzahl kontinuierlich abgenommen. Letztes Jahr verzichtete man auf die Sperrung des Parks im Grünen (Grün 80), bisher das Ziel des Harassenlaufs. Die rund 50 Mitmarschierenden konnte man überreden, ihren Rauschmarsch unter der Autobahnbrücke zu beenden. «Wir gehen davon aus, dass sie auch dieses Jahr so vernünftig sind», sagt Baumgartner.

Klar ist: Die Stiftung Park im Grünen der Migros Basel, der der gleichnamige Park gehört, will den Harassenlauf nicht auf ihr Gelände lassen. Wie in den letzten Jahren gelte «Nulltoleranz», heisst es. Was passiert, wenn die alkoholisierten Jugendlichen den Park trotzdem betreten, das verrät Baumgartner nicht.

Doch all die Geheimniskrämerei des Kantons dürfte überflüssig sein, glaubt man denjenigen, die jeden Tag mit potenziellen Harassenläufern zu tun haben: den Jugendarbeitern.

Sie verfolgen, was ihre Klientel beschäftigt, auch in sozialen Medien wie Facebook. Der Tenor: Der Harassenlauf ist dieses Jahr bei den Jugendlichen absolut kein Thema, im Gegensatz zu den Vorjahren. Vor allem als die Polizei ein Grossaufgebot ausbreitete, sprachen alle vom Harassenlauf. «Der Superpuma hat ihnen den Lauf vermiest», sagt Denise Bucher vom Jugendhaus Palais Noir in Reinach.

Wie andere Jugendarbeiter der Region mutmasst sie, dass am kommenden Donnerstag nur ein kleines Grüppchen mit Bier an der Birs unterwegs sein wird. Und die wenigen, die die Sache noch durchziehen, sind älter geworden, so die allgemeine Feststellung. Das würde erklären, warum das Verhältnis zwischen Polizei und Harassenläufern entspannter geworden ist.

«Es gab einen Generationenwechsel», sagt Gaby Weber, Leiterin des Jugendhauses Arlesheim. Für den Harassenlauf würden sich heute mehr Volljährige interessieren als 16-Jährige. Auf mehr Interesse stösst die Arlesheimer Sportnacht, die ursprünglich als Gegenveranstaltung zum Harassenlauf ins Leben gerufen wurde.

Die aufsuchende Jugendarbeit Aesch erreicht Jugendliche über 16 Jahren. Doch auch diese würden sich nicht mit dem Harassenlauf beschäftigen, sagt Streetworker Roman Scherrer. Dafür hat er eine interessante Erklärung: Bier und Laufen, diese beiden Dinge seien derzeit bei den Jugendlichen alles andere als angesagt. «Sie bevorzugen andere Spirituosen. Und sie wollen nicht laufen, sondern nur noch chillen.»