Herzstück
Chip Chip Hurra!

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel. Sein heutiges Herzstück zu einer immer rücksichtsloseren Welt.

Martin Dürr
Martin Dürr
Merken
Drucken
Teilen
Velos am Rhein in Basel.

Velos am Rhein in Basel.

Keystone

So ein Mist! Da hatte ich im Kopf schon fast eine heitere Kolumne fertig zu den Chips im Velo, die eine von mir sehr geschätzte Grossrätin fordert, gegen Velofahrer-Rowdytum. Irgendwie erinnerte mich meine Idee aber an etwas, das ich mal gelesen hatte. Also schaute ich in meiner Lese-Liste nach. Tatsächlich: Ganz ähnliche Gedanken wurden schon am 2. Oktober 2017 formuliert und veröffentlicht – in der bz.

Okay, das geht ja noch. Kann mal passieren. Aber wirklich peinlich ist das: Der Text ist von mir. In der Herzstück-Kolumne, unter dem Titel «Schuld sind immer die anderen». Mann, oh Mann. Also erstens würden Sie mir bitte mitteilen, wenn ich mich nur noch wiederhole. Das ist vermutlich eine Alterserscheinung. Zum Thema Alter habe ich grad einen Blogbeitrag geschrieben für www.seniorsatwork.ch. Die Plattform anzusehen empfehle ich übrigens Jung und Alt sehr herzlich. Da bieten pensionierte Talente ihre Zeit und Kompetenzen an für andere, von Buchhaltung bis Kinderbetreuung.

Aber ich lenke ab. Denn zweitens könnte das bedeuten: Manche Dinge ändern sich nicht auf der Erde. Im Strassenverkehr hassen weiterhin alle alle anderen. Als Viel-Velofahrer ärgere ich mich über andere Verkehrsteilnehmer. Wer zum Beispiel bei Rot an der Strassenkreuzung Missionsstrasse/Schützengraben gewartet hat (und gewartet und gewartet), um korrekt geradeaus zur Uni zu fahren, und von rechts abbiegenden SUVs und Lastwagen fast touchiert wurde, weiss wovon ich rede.

Ich weiss nicht, ob da ein Velo-Chip oder Überwachungskameras etwas bringen. Vielleicht helfen sie bei der Identifizierung meiner Leiche. Aber das mit dem Chip ist durchaus eine gute Idee. Fussgänger müssten obligatorisch einen in den Schuhen tragen. Als Velofahrer riskiere ich bei Vollbremsung oft Kopf und Kragen, wenn ein Fussgänger ohne von seinem Smartphone aufzusehen 50 Meter vor dem nächsten gelben Streifen schräg über die Strasse geht.

Weil wir aber fast alle mal als Fussgänger, mal als Velofahrer und gelegentlich als Motorisierte unterwegs sind, gibt es eine viel einfachere Lösung: Allen wird gleich kurz nach der Geburt ein Chip implantiert. Noch besser pränatal, denn es gibt auch Buschi, die bereits im Bauch der Mutter drängeln und rowdymässig Tritte verteilen. Umgekehrt finde ich als Jung-Grossvater manchmal auf dem Spielplatz, dass manche Eltern dringend eine Prüfung hätten bestehen müssen, ob sie denn wirklich geeignet sind, ein Kind grosszuziehen.

Wenn ein Vater seinem Kind mehrmals sagt «Du bist einfach saudumm», dann wird der Rowdy in mir wach und ich kann mich nur schwer beherrschen, ihm mit dem Schäufelchen feuchten Sand auf die Haare zu streichen.

Das mache ich natürlich nicht, auch ohne Chip im Hirn nicht. Der Chip ist sicher einfach so zu programmieren, dass er nicht nur alle Bewegungen aufzeichnet, sondern auch mehr oder weniger starke Stromstösse auslöst, wenn jemand sich rowdyhaft aufführt. Für höfliche und hilfreiche Menschen hingegen schüttet er Glückshormone aus. Endlich Frieden auf der Welt!