Michael Clark, gestern war Heiligabend. Dann lassen Sie uns doch über Weihnachten plaudern.
Sehr gerne. Ich habe «Jingle Bells» herausgefischt.

Das ist eines der beliebtesten Weihnachtslieder überhaupt. Gefällt es Ihnen auch?

Grundsätzlich schon. In den vergangenen Wochen habe ich den Song allerdings etwas zu oft gehört. Meine 5-jährige Tochter übt ihn grade auf dem Klavier. Immer und immer wieder (lacht).

Was halten Sie von Weihnachtspopsongs wie «Last Christmas»?

Ach, ich finde, solche Songs gehören zum Weihnachtskitsch und können durchaus die festliche Stimmung verstärken.

Welches ist Ihr liebstes Weihnachtslied?

Wahrscheinlich «Hark! The Herald Angels Sing», ein sehr traditionelles englisches Weihnachtslied. Es erinnert mich an meine Kindheit in Australien; ich bin in der Nähe von Sydney geboren und aufgewachsen. Da liefen im Fernsehen ständig diese Lieder zu den Festtagen. Sie vermitteln Emotionen, ein Gefühl von Tradition. Das steigert die Vorfreude.

Haben Sie als Kind in einem Chor gesungen?

Nein, aber ich war mit meinem Horn Mitglied einer Blaskapelle. Da hatten wir Auftritte im kleineren Rahmen in der Stadt, besonders während der Weihnachtszeit.

Und in der Familie?

Wir haben viel musiziert. Ich bin in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen, jeder von uns – ich habe vier Geschwister – beherrscht mindestens ein Instrument. Das war meinen Eltern wichtig. Neben dem Horn spiele ich Klavier; ich bin gelernter Pianist.

In Australien ist es an Weihnachten schön warm. Und hier bitterkalt. Welches Festtagswetter ist Ihnen lieber?

Klar ist es angenehmer, in Shorts im Freien zu feiern – an Weihnachten packt mich manchmal das Heimweh. Auch, weil ich den «Christmas Turkey» meiner Mutter und den Cake mit getrockneten Früchten vermisse.

Die Weihnachtsgutzi hier sind aber auch nicht schlecht.

Sie sind ausgezeichnet (lacht)! Es ist ja auch überhaupt nicht schlimm. Ich finde, die Stimmung mit all den Lichtern und dem Schnee passt viel besser zu Weihnachten. Und ich lebe ja schon viele Jahre in Europa, habe in London Dirigieren und Korrepetition studiert und arbeitete danach lange in Deutschland. Zuletzt war ich Chordirektor in Würzburg. Ich bin mir die Kälte gewohnt. Basel mit seinem Weihnachtsmarkt ist bezaubernd zu dieser Zeit.

Haben Sie sich hier gut eingelebt?

Ja, sehr. Meiner Frau, den beiden Kindern und mir gefällt es sehr hier, wir wohnen in Liestal. Und auch am Theater Basel bin ich sehr gut aufgenommen worden. Alles ist so gut organisiert, ich muss mich auch nicht mehr um so viel Administratives kümmern. Das war in Deutschland noch anders.

Sie sind seit August Chordirektor am Theater Basel. Aufgrund Ihrer Engagements müssen Sie oft den Wohnort wechseln. Mit einer Familie sicherlich nicht ganz einfach.

Deshalb hoffe ich nun, dauerhaft in Basel bleiben zu können, allein wegen der Kinder: Meine Tochter wird bald eingeschult. Und auch hinsichtlich meiner Karriere wünsche ich mir mehr Konstanz. Dass ich hier etwas aufbauen kann, das nachhallt. Ich habe ein gutes Gefühl dabei.

Ihr Vorgänger Henryk Polus genoss mit den 38 Sängern des Theaterchors einen exzellenten Ruf. War es schwierig, in seine Fussstapfen zu treten?

Nein, ich erachte es als Privileg, dass ich einen Chor mit solch fantastischen Sängern übernehmen durfte. Auch vom Extrachor bin ich begeistert. Aber natürlich ist es eine Herausforderung, da man jeden einzelnen Sänger, seine Stärken, Schwächen und Techniken, erst einmal kennenlernen und damit empathisch umgehen muss. Das hat aber nichts mit meinem Vorgänger zu tun. Es ist ja auch das Schöne an meinem Job, so nah mit Menschen zusammenzuarbeiten, ihre Stimmen weiter zu entwickeln. Aus dieser Individualität schafft man als Dirigent eine Einheit.

Und wie schaffen Sie das?

Ein Chordirektor muss ein gutes Gespür dafür haben, was man einer Stimme in welcher Situation zumuten kann; sie darf niemals überstrapaziert werden. Die Vorgaben dürfen deshalb nicht zu eng sein, da sich jede Stimme mittels anderer Technik am besten entfaltet.

Dann haben Sie jetzt sicher eine schwierige Zeit; alle sind erkältet.

(lacht) Ja, es ist eine Herausforderung! Bei einer Erkältung gibt es nur eines: die Stimme zu schonen.

Sie haben zu Beginn gesagt, dass Ihre Tochter fleissig «Jingle Bells» auf dem Klavier übt. Das wird sie an Heiligabend sicher vorspielen wollen. Wie feiert die Familie Clark Weihnachten?

Traditionell kommerziell. Das heisst, in der Nacht auf den 25. Dezember kommt der Weihnachtsmann und bringt die Geschenke. Einen Baum gibt es auch. Und ja, «Jingle Bells» wird nicht nur ein Mal zu hören sein.