Manchmal entfaltet ein Stück vom ersten Moment an eine Kraft, der man sich bis zum letzten Moment nicht entziehen kann. Die Choreografie «Enfant» des angesagten französischen Choreografen Boris Charmatz ist so ein Stück. Es läuft heute Abend noch ein drittes und letztes Mal in der Kaserne Basel.

Es ist eine unheimliche, bedrohliche Kraft, die hier Schwung aufnimmt. Zuerst ist da nur ein Kran, der scheinbar zu einem willkürlich-zerstörerischen Eigenleben erwacht. Er löst ein die Bühne umspannendes Seil mit geschickten Bewegungen nach und nach auf, begleitet von einem peitschenden Peng-Geräusch.

Es wird heller auf der Bühne, drei junge, reglose Körper lassen sich erkennen. Der Kran beginnt mit diesen herumzuhantieren. Wie an einem Fleischerhaken baumelt alsbald ein Mädchen, dann ein junger Mann am Konseil. Die Maschine schiebt ihre schlaff herunterhängenden Körper rauf, runter, durch den Raum. Der Motor surrt, dass der Kran knackt. Das Mädchen wird auf ein Rollband fallen gelassen; immer wieder wird es rauftransportiert, um, kurz bevor es auf der anderen Seite runterstürzte, wieder leblos hinunterzurollen. Man hat Angst um diese Tänzer.

Kinder dürfen berührt werden

Dann beginnen erwachsene Tänzer, etwa fünf bis siebenjährige Kinder hereinzutragen. Jedes von ihnen ebenfalls wie in tiefen Schlaf versunken – leblose, kleine Bündel. Statt der Maschine hantieren nun die Erwachsenen an und mit den Kindern herum. Sie schwingen sie an Arm und Bein durch die Luft, ziehen und tragen sie herum oder sie halten eines zu dritt hoch, seine kleinen Arme und Beine bewegend. Die eigenwilligsten Choreografien mit leblosen Kinderkörpern entstehen, manchmal sanft, manchmal angedeutet brutal, manchmal beides zugleich.

Die ungewohnten Bilder lassen sich vielschichtig lesen. Sicher gehört dazu auch das omnipräsente Thema Kindsmissbrauch. Erst recht, wenn zu einer Art Rabenschwarm-Gekrächze ein Michael-Jackson-Lied ertönt: Billie Jean. Andererseits steht Jackson auch für Musik und Tanz. Und in Enfant geht es nicht zwingend um Missbrauch, sondern generell um unseren Umgang mit Kindern. Sie brauchen Erziehung, Aufsicht, Fürsorge. Einem gewissen Grad an Fremdbestimmung sind Kinder zwangsläufig ausgesetzt. Was auch immer Eltern und andere nahestehende Erwachsene tun, sie prägen Kinder – in diese oder jene Richtung.

Charmatz weiss auch, wie heikel es ist, wenn Erwachsene Kinder berühren. In einem Interview erzählt er von einem Unfall in einem Schwimmbad, nach dem ein Mädchen zwischen den Beinen blutete. Und niemand traute sich, ihr zu helfen, sie auszuziehen, nachzuschauen. In den USA soll ein Sankt Nikolaus verklagt worden sein, weil ihm ein Kind auf dem Schoss sass. So kann die grosse Angst vor Pädophilie auch in eine unnatürliche Angst vor jeglicher normaler Berührung münden. Auch dagegen möchte Charmatz ein Zeichen setzen.

Am Ende kehren sich die Machtverhältnisse um. Die Kinder erwachen zu Leben und geraten ausser Kontrolle der Erwachsenen. Erschöpft vom vielen Gerenne und Erhaschen der Kinder sinken die Grossen irgendwann zu Boden. Jetzt mutieren die Kinder zu Quälgeistern, die fröhlich auf den Körpern der Erwachsenen herumhüpfen. Vielleicht auch eine Metapher für den Kreislauf des Lebens? Dieses Ende ist immer noch dunkel, aber auch befreiend.

Charmatz ist übrigens bei der jetzigen Basel-Tour nicht dabei – er hat soeben sein drittes Kind bekommen.