Porträt
Christian Jäggi: «Es wäre schön, wenn die Leute wieder mehr lesen würden»

Christian Jäggi, Sohn des bekanntesten Basler Buchhändlers Willy, rettet das Erbe seines Vaters auf besondere Weise.

Leif Simonsen
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Christian Jäggi (65) in der Freien Strasse. Sein Vater Willy hatte den Bücherladen Jäggi gegründet. Heute ist aus dem einstigen Treffpunkt für Bücherwürmer eine leerstehende Ladenfläche geworden.

Christian Jäggi (65) in der Freien Strasse. Sein Vater Willy hatte den Bücherladen Jäggi gegründet. Heute ist aus dem einstigen Treffpunkt für Bücherwürmer eine leerstehende Ladenfläche geworden.

Nicole Nars-Zimmer (niz)

Christian Jäggi ist einer, der gerne nach vorne schaut. 65 Jahre ist er alt, doch das hält ihn nicht davon ab, immer neue Events auf die Beine zu stellen oder Firmen zu gründen. Einen Moment der Wehmut überkam ihn aber Anfang vergangenes Jahr, als er durch die Freie Strasse spazierte. Er erinnert sich gut an seine Gefühle, als er die verwaisten Buchregale in der Buchhandlung von Orell Füssli sah.

Einst hatte Vater Willy hier die grösste Buchhandlung Basels aufgebaut. Ein Selfmade-Man, der beim Medizinverlag Karger die Bücherfaszination eingeimpft bekam und die Buchhandlung Karger Libri gründete. Später konnte er bei Helbing & Lichtenhahn einsteigen und diese schliesslich als Jäggi AG zur Institution für die Basler Bücherwürmer machen. Willy Jäggi, der 2014 starb, hatte das Lesen geliebt; zuhause in Aesch verdeckten die Bücher alle Wände. Ein grosser Leser war Christian Jäggi als Kind nicht gewesen, seine zwei Brüder und seine Schwester hatten mehr Romane verschlungen.

Ihn hatte vor allem die inspirierende Atmosphäre angesteckt, die um die spannenden Persönlichkeiten entstand, die in der Buchhandlung zu Lesungen und zuhause zu Besuch waren. Willy Jäggi lud ein, was in der Literatur, Theater, Kunst und Kultur Rang und Namen hatte. Rolf Hochhuth etwa, Martin Walser, Umberto Eco und Peter Sloterdijk. An den österreichischen Schriftsteller Peter Handke erinnert sich Jäggi besonders. «Er übernachtete bei uns und nahm seine Affäre mit. Das gefiel meiner Mutter überhaupt nicht.»

Etwas zurückgeben

Sollte an der Freien Strasse das Erbe Willys in ein paar Kartonschachteln begraben werden? Sein Sohn fand: nein. So gründete Christian mit ein paar Freunden die Veranstaltungsreihe «Jäggi, Bücher». Einmal im Quartal organisieren sie einen Event, der den Diskurs über gesellschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Themen aufnimmt. Anlass kann ein Buch oder eine Persönlichkeit sein oder wie in dieser Woche ein Theaterstück. Gemeinsam wurde am Donnerstag das Stück «Die Verschwörerin» vom jungen Hausautor des Theater Basels, Joël László, besucht und diskutiert.

Natürlich weiss auch Christian Jäggi: «Bereits die nächste Generation wird nichts mehr von einer Buchhandlung Jäggi wissen.» Aber darum geht es ihm nicht. Er sagt: «Wir haben den Diskurs verlernt, das ist etwas von dem, was ich am meisten bedaure. Heute sammeln sich Leute in Facebook zu Gruppen, die nur noch die gleiche Meinung teilen. Wenn wir mit den Veranstaltungen einen kleinen Betrag dazu leisten können, dass man sich hier mit den Gedanken anderer auseinandersetzt und daraus etwas lernt, bin ich schon zufrieden.» Das Buchbusiness war schon immer hart gewesen, die Margen klein. Willy Jäggi war ein Akribiker der alten Schule gewesen. Jeden Tag verglich er die Verkaufszahlen mit dem gleichen Tag des Vorjahrs. Für diese Beharrlichkeit, viel mehr aber für die Begeisterungsfähigkeit bewunderte Christian ihn. Letztere hat er, wie man im Gespräch schnell merkt, geerbt.

Auch die Gene des Unternehmers trägt Christian in sich. Nach dem Studium der Makroökonomie und der Assistenzzeit an der Uni bewarb er sich bei Ciba-Geigy und bei Roche. Es waren schöne Zeiten für die Nachkriegsgeneration. «Vielleicht müssen wir irgendwann sagen, es seien die schönsten gewesen», sagt er beim Treffen in seinem Lieblingscafé Rosenkranz an der Mittleren Strasse in Basel. Nach dem Studium konnte man sich einen Job aussuchen. Zunächst stieg Christian als Trainee bei der Roche ein, wurde aber schon nach drei Monaten zum Assistenten des damaligen Präsidenten und CEO Fritz Gerber ernannt. Nach fünf Jahren machte er sich auf den Weg zur Selbstständigkeit, leitete eine Agentur in Zürich.

Während dieser Zeit gründete er mit einem befreundeten Psychiater aus Bern das Institut für Medizin und Kommunikation IMK, zunächst einfach als Verein. Die Idee: «Pharmafirmen verteilten damals den Ärzten nutzlose Stifte und Kongresstaschen. Das Geld konnte wesentlich sinnvoller eingesetzt werden». Wieder in Basel gründet er seine Agentur Jäggi Communications und wandelte die IMK in eine AG um, wurde Mitbegründer unter anderem der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft. Bis heute ist er Herausgeber der Zeitschrift «Dolor», einer Zeitschrift für die Mitglieder der Schweizerischen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes – die Anteile an seiner Firma IMK hingegen hat er verkauft.

Ganz oder gar nicht

Begeisterungsfähigkeit trieb ihn bald hier, bald dorthin. «Das ist eine Stärke, aber auch eine Schwäche von mir», sagt er. Wenn er etwas anfasste, dann ganz – und wenn er davon abliess, ebenfalls. Als junger Mann spielte der 1,95-Mann engagiert Volleyball, wurde gar in die Junioren-Nati berufen und fuhr jedes Wochenende durch die ganze Schweiz an die Nati-A-Spiele oder ins nationale Sportzentrum nach Magglingen. Seine damalige Partnerin und spätere Ehefrau, die in Aarau ihre Lehre machte, sagte irgendwann: «Ich seh dich ja nie mehr.» Da hängte er die Nati-Karriere und später das Volleyballspielen ganz an den Nagel.

Eine Kollegin brachte ihn dann in den Reitsport. Auch hier ging es innert Kürze von null auf hundert. «Ich lachte über ihre Kleidung und ihre Gerte und sagte: Wenn du mir zeigst, wo beim Pferd das Gaspedal und die Bremse ist, dann kann ich auch reiten», erinnert er sich. Daraufhin organisierte sie ihm eine Reitstunde beim Reiterverein Lörrach. Zwei Jahre danach wurde er Vereinspräsident und organisierte später das erste RegioReitturnier. Er lacht selbst, wenn er daran zurückdenkt.

Noch heute hat er beispielsweise etwas Berserkerhaftes, wenn er Sport treibt. Jeden Morgen, 365 Tage im Jahr, geht er schwimmen.

Nicht alles verlief nach Plan

Christian Jäggi muss man unterbrechen, wenn man eine Frage stellen will. Er kann sich kaum zurückhalten, wenn er über Projekte und Ideen spricht. Momente der Schweigsamkeit gibt es bei ihm nur, wenn man ihn auf seine Familie anspricht. Nicht alles verlief nach Plan, sagt er. «Das ist sicher eine Schwachstelle in meinem Leben.» Mit 17 lernte er seine spätere erste Frau kennen und bekam zwei «wunderbare Kinder», wie er sagt. Nach 28 Jahren trennten sie sich. Immerhin: Die Kinder, Sarah und Benedikt, waren da schon grösser, die Trennung verlief friedlich.

Schmerzhaft war für ihn die Scheidung von seiner zweiten Frau, die aus Berlin stammt. Vor acht Jahren wurde Jäggi nochmals Vater. Seine junge Tochter Lilith lebt seit drei Jahren mit ihrer Mutter in der deutschen Hauptstadt. Seither bewohnt Christian sein Haus in Biel-Benken alleine. «Ich vermisse die Kleine sehr», gesteht Jäggi, der plötzlich nachdenklich wirkt. Auf seinem Laptop klebt ein Foto von ihr – kurz schweift sein Blick drüber, ehe er wieder sein Lachen findet.

Vor Einsamkeit und Leere muss sich Christian Jäggi aber nicht fürchten. «Vielleicht hat es auch Vorteile, dass ich nicht in stabilen Verhältnissen lebe. So bleibt Zeit für alles andere.» Und das ist viel. Immer wieder organisiert Jäggi Neues. So begann er 2017 mit einem vierteljährlichen Sonntagsbrunch für einen kleinen Kreis von Leuten, die sich für Big Data, künstliche Intelligenz und Blockchain engagieren. Koryphäen reisen weit an, um mit ihm im Leimental zu fachsimpeln.

Zurück zu seinen Wurzeln führt ihn letztlich aber ein Projekt, das er jüngst angestossen hat. Mit Spezialisten zusammen plant er den «Verlag der Zukunft», um neue medizinische Erkenntnisse den Ärzten schneller verfügbar zu machen. Fachartikel seien heute oft bereits veraltet, wenn sie erschienen. «Alles wird mit diesem Verlag online verfügbar sein», sagt Jäggi. Nichts mehr werde gedruckt. Wehmütig stimmt ihn diese Entwicklung nicht. Es sei nicht die Physik, auf die es ankomme, sondern auf den Inhalt. «Es wäre schön, wenn die Leute wieder mehr lesen würden», sagt er. An ihm liegts nicht. Er kauft bis heute jede Woche ein neues Buch.