Der grosse Holztisch im Büro von Christian von Wartburg spricht Bände. 15 Jahre nervöse Klienten haben ihre Spuren im Tisch des Strafrechtverteidigers hinterlassen. Die eine Seite ist glatt, die andere zerkratzt von Fingernägeln und Kugelschreibern. Von Wartburgs Job ist es, den Menschen auf der zerkratzten Seite – vom Kleinkriminellen bis zum mutmasslichen Vergewaltiger – beizustehen, darauf zu achten, dass sich auch jemand für sie einsetzt. «Selbst wenn einer jemanden umgebracht hat, in einem Strafverfahren hat er die schwächste Position und ist insofern schutzbedürftig», sagt er.

In seinem neusten Job dagegen ist die Ausgangslage genau umgekehrt. Hier macht der 50-Jährige seine Aufgabe gut, wenn sich auf der anderen Seite die Fingernägel in die Tischplatte bohren. Von Wartburg, den in der Politik alle nur Gusti nennen, ist der neue Präsident der Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Grossen Rats oder einfacher ausgedrückt: der oberste Aufpasser der Basler Verwaltung.

Es ist eine der zentralsten, aber auch schwierigsten Aufgaben im Politbetrieb. In den letzten Jahren hat sich die Kommission mit einer Reihe an präzisen und scharfen Berichten Respekt verschafft. Zuletzt brachten die Untersuchungen zu den Basler Verkehrsbetrieben den zuständigen Regierungsrat Hans-Peter Wessels (SP) in die Zwickmühle und sorgten für den Rücktritt des BVB-Verwaltungsratspräsidenten und dessen Vize. Umgekehrt haben sich die GPK-Mitglieder nicht nur Freunde geschaffen. Auch parteiintern wurde immer wieder Kritik laut.

Die Kommission konnte ihre Reihen in den letzten Jahren immer geschlossen halten. Alle Berichte wurden einstimmig verabschiedet. «Ich schätze ihn als Politiker. Er macht eine gute Arbeit in der GPK», sagt etwa SVP-Grossrat Eduard Rutschmann über von Wartburg. Und FPD-Grossrat Erich Bucher sagt: «Er ist immer sehr sattelfest in der Materie und war in den letzten Jahren das rechtliche Gewissen der GPK.»

Unter den Fittichen von Janiak

Es ist das bisher wichtigste Amt in der politischen Karriere von Wartburgs. Und wie bei vielen Kapiteln zuvor ist es nicht das Ergebnis eines ausgeklügelten Masterplans, sondern irgendwie ist er einfach reingerutscht. Nach dem Rücktritt des bisherigen Präsidenten Tobit Schäfer war klar, dass der Sitz der SP zusteht. Und alle anderen Genossen wollten oder konnten nicht.

Bereits den Sprung in den Grossen Rat schaffte von Wartburg zu seiner eigenen Überraschung. 2008 hatte er erstmals kandidiert und war am Wahltag irgendwo in der Mitte gelandet. Respektabel für den ersten Versuch – aber weit entfernt von einem Sitz. Vier Jahre lang passierte nichts, das Thema war abgehakt. Zwei Wochen vor den Wahlen 2012 dann kam der Anruf, es sei ein Sitz frei, er sei Nachrückender. Von Wartburg sagte zu und riskierte das Ende seiner Polit-Karriere bevor sie begonnen hat. Mit gerade mal 20 Stimmen Vorsprung schaffte er nach nur einer Grossratssitzung die Wiederwahl.

Und selbst in die Politik ist von Wartburg irgendwie reingerutscht. Nach der Anwaltsprüfung bewarb er sich 1996 als Volontär bei der Kanzlei von Claude Janiak. Der langjährige Baselbieter SP-Ständerat stand damals am Anfang seiner politischen Laufbahn und nahm den damals 30-jährigen von Wartburg unter seine Fittiche. Janiak wurde Landratspräsident und daraufhin Nationalrat. 2006 wurde er Nationalratspräsident und im Jahr darauf Ständerat. «Das habe ich natürlich alles sehr nah mitbekommen», sagt von Wartburg. Umgekehrt ermunterte ihn Janiak, ebenfalls in die Politik einzusteigen. «Ich habe ihn immer als sehr politischen Menschen erlebt», erinnert sich Janiak.

AKW und Schülerstreik

Aufgewachsen ist von Wartburg in privilegierten Verhältnissen in Riehen. Der Vater sass in der Geschäftsleitung von Ciba Geigy und war später ein Kadermitarbeiter bei Novartis. Erstmals politisch aktiv wurde der Junior als 13-Jähriger in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Zusammen mit Mitschülern nahm er an den ersten Demos teil, was für reichlich Diskussionen im bürgerlichen Elternhaus sorgte. Später organisierte er einen Schülerstreik mit, als am Gymnasium Bäumlihof Skilager gestrichen werden sollten. Der Rektor drohte allen Aufrührern mit dem Rausschmiss. «Erster Schülerstreik der Schweiz» titelte damals der «Blick». «Das war der Hammer», sagt von Wartburg noch immer mit einem Glänzen in den Augen.

Als Nächstes erkämpften sich die Schüler einen eigenen Mittagstisch, wo sie selber kochten – die heutige Mensa, danach einen eigenen Garten. Es folgte die typische Sozi-Sozialisation der 1980er-Jahre: Ostermärsche, Autonomes Jugendzentrum, Alte Stadtgärtnerei, das Kino Union, der Werkraum Schlotterbeck. «Das wird man nicht mehr los. Irgendwie bleibt man mit der Szene verbunden.» In der ABU – Aktion für eine bessere Umwelt – wurde mit Baumstämmen auf Tramgleisen auf das Waldsterben aufmerksam gemacht. Neben von Wartburg waren mit Danielle Kaufmann, Georg Mattmüller und Sasha Mazzotti drei weitere aktuelle SP-Grossräte aktiv.

Fussball und Football

Von Wartburgs zweite Leidenschaft gehört dem Fussball. Bis ein doppelter Kreuzbandriss seinen Künsten ein abruptes Ende setzte, schuttete er 25 Jahre lang aktiv. «In den 70er Jahren war Fussball noch ein Proletariersport. Keiner meiner Mannschaftskollegen ging mit mir aufs Gymnasium», erinnert sich von Wartburg. «Für mich war das ein Zugang zu Leuten aus anderen gesellschaftlichen Schichten.» Seinen Blick erweitert hat auch ein Austauschjahr in den USA als 16-Jähriger. Statt wie erhofft in New York oder Kalifornien landete er in Canton, Ohio irgendwo im Nirgendwo. Wieder zufällig rutschte er ins Team der Footballmannschaft der dortigen High School, der Coach zeigte Interesse an den Kickerkünsten des exotischen Europäers. «Ich stand da zwischen einer Reihe von Schränken von Mitspielern und habe wochenlang bei 40 Grad Bälle vom einen Ende des Spielfelds ans andere gekickt», erzählt von Wartburg.

Christian von Wartburg (rechts) auf seiner Tour durch die USA 1984.

Christian von Wartburg (rechts) auf seiner Tour durch die USA 1984.

Das Highlight der USA-Reise war die abschliessende dreiwöchige Bustour mit den anderen Austauschstudenten aus aller Welt. Sie alle hatten ein Jahr in der Fremde hinter sich. Es existiert noch ein Foto von dieser prägenden Zeit: Es zeigt von Wartburg im Kreis der anderen Austauschschüler im Yellowstone National Park. «Nach sowas kommst du zurück und weisst, es gibt eine Welt da draussen und alle haben die gleichen Probleme wie du.»