Herr Cueni, worüber reden wir?

Claude Cueni: Über das Los, das Schicksal.

Hadern Sie oft mit Ihrem?

Ich glaube nicht an ein Schicksal. Das ist eine Form des Aberglaubens. Ich glaube auch nicht an eine göttliche Instanz, die sich für verlorene Autoschlüssel, Matheprüfungen und Lottozahlen interessiert. Der Glaube an ein Schicksal kann natürlich tröstlich sein, weil es uns von jeder Schuld freispricht, aber es ist auch die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen.

Bei Ihnen geht es aber nicht nur um alltägliches Pech. Sie haben seit Jahren Leukämie und sind dem Tod immer wieder sehr nahe. Da drängt sich die Frage nach dem Schicksal auf.

Meine Leukämie ist nicht mehr nachweisbar. Mein Problem sind heute die transplantationsbedingten Organabstossungen durch die fremden Knochenmarkzellen. Da tobt ein Bürgerkrieg. Zuerst hatte ich kein Glück, und jetzt kam noch Pech dazu.

Aber Ihnen wurde auch Gutes in die Wiege gelegt.

Ich bin in einem religiösen Irrenhaus aufgewachsen. Je stärker der Druck, desto heftiger ist später der Befreiungsschlag. In diesem Sinne hat man mir einen starken Überlebenswillen und Standvermögen in die Wiege gelegt. Religiöse oder ideologische Indoktrination sind mir seit meiner Schulzeit ein Gräuel. Jeder soll glauben, woran er glauben mag, und die anderen damit in Ruhe lassen. Leben und leben lassen. Ich bin, wie gesagt nicht gläubig, ich bin ein Freund der Naturwissenschaften. Die Natur ist voller Zufälle.

Überlassen Sie überhaupt etwas dem Zufall?

Beim Schreiben sollte man auf Zufälle verzichten. Das wirkt meistens unglaubwürdig, ausser wenn die Story mit einem Zufall beginnt. Beim Schreiben leiten mich nicht Zufälle, sondern das Basiskonzept und später die Intuition. Da mich meine Geschichten auch nachts beschäftigen, kommt es oft vor, dass ich Szenen und Dialoge träume. Wenn ich morgens aufwache, weiss ich genau, was ich zu schreiben habe. Ich habe noch nie ein leeres Blatt angestarrt. Wer den Rhythmus nicht im Blut hat, sollte nicht Schlagzeuger werden.

Stand für Sie immer fest, dass Sie Autor werden würden?

Ich wollte stets Geschichten erfinden, das war von klein auf meine Leidenschaft, aber ich wusste lange nicht, dass dies ein richtiger Beruf ist, mit dem man auch seine Miete bezahlen kann. In der Pubertät wird man bekanntlich risikofreudiger und vor allem leichtsinniger. Ich brach die Schule ab und verliess in Slippers und mit fünf Franken im Sack mein Elternhaus. Ich schlug mich mit zwei Dutzend Gelegenheitsjobs durch, in den 70er-Jahren war das Angebot enorm. Ich suchte stets Anstellungen, die mir auch Ideen für neue Bücher lieferten. Zehn Jahre lang schrieb ich ohne jeglichen Erfolg, das hat mich nie sonderlich beeindruckt, sondern motiviert. Denn mir war klar, dass ich mich handwerklich verbessern und autodidaktisch weiterbilden musste. Da ich keinen Plan B hatte, konnte ich auch nie aufgeben. Mein erstes Manuskript wurde von sage und schreibe rund hundert Verlagen abgelehnt. Rückblickend war das Buch pubertärer Schwachsinn, aber es war eine grosse Motivation weiterzumachen. Jetzt lag es an mir, bessere und reifere Bücher zu schreiben.

Ihre Protagonisten sind nicht immer Figuren, die das grosse Los gezogen haben. Das zeigt sich auch in Ihren historischen Romanen.

Literatur ist stets auch Selbsterfahrung. Bei mir dominieren Charaktere, die sich befreien, über sich hinauswachsen, scheitern, wieder aufstehen, Widerstände überwinden. Ich liebe den Papiergelderfinder John Law, dem ich im Roman «Das grosse Spiel» ein kleines Denkmal gesetzt habe. Er ist ein Vorbild, ein Mann, der nie aufgibt und durch die Kraft des Handels besticht. Auch der spastische Druidenlehrling in «Gold der Kelten» war für viele ein Vorbild. Mein Sohn war damals etwa sechs Jahre alt und hatte eine spastische Lähmung. Ich erzählte ihm jeden Tag die Fortsetzung und wir dachten: Wenn ein junger spastischer Kelte den Gallischen Krieg überleben kann, ist auch in unserem Leben vieles möglich. Man kann sich seine Vorbilder auch selber erschaffen.

Auch Ihre eigene Geschichte – Ihr Erfolg und der Umgang mit Ihrer Krankheit – ist eine, die Mut macht.

Mein autobiografischer Roman «Script Avenue» hat viele Menschen berührt. Ich kriege immer noch Mails von Leserinnen und Lesern, die wissen möchten, wie die Geschichte in der Realität weitergeht. Nach 640 Seiten betrachten sie mich als «Freund der Familie», weil sie nun alles über mich wissen. Vor allem die Mails von Schwerkranken haben mich nachhaltig berührt und gezeigt, dass das Buch tatsächlich ein Mutmacher ist. Das war nie beabsichtigt.

Sie sind eine starke Persönlichkeit. Ecken Sie damit auch an?

Mit dem zuletzt erschienen Roman »Godless Sun« habe ich nicht allen Freude bereitet. Es ist ein aufwendig recherchierter Stoff über die schleichende Aufgabe europäischer Werte. Aber wer es allen recht machen will, sollte am Morgen im Bett bleiben.