Schriftsteller

Claude Cueni: «Mitleid ist bloss Zeitverschwendung»

«Ich lebe mit meinen Figuren»: Der Basler Schriftsteller Claude Cueni in seiner Wohnung mit John Law.

«Ich lebe mit meinen Figuren»: Der Basler Schriftsteller Claude Cueni in seiner Wohnung mit John Law.

In seinem Buch «Script Avenue» beschreibt Claude Cueni sein Leben als surreale Geschichte. Der Schriftsteller hat in den vergangenen Jahren einige Schicksalsschläge erlebt und verarbeitet diese in seinen Büchern.

Wer Claude Cueni besucht, muss als Erstes seine Hände desinfizieren: Cueni lebt nach einer Knochenmarktransplantation mit starken Immunsuppressiva. «Ich nehme jeden Tag 14 Pillen», meint er lakonisch. Ein Jahr, nachdem seine erste Frau an Krebs gestorben war, erkrankte Cueni an Leukämie. Im Januar 2010 wurde ihm eine Knochenmarkstransplantation verabreicht. «Danach hatte ich die normalen Abstossungsreaktionen. Eigentlich sollten die verschwinden, bei mir wurde es aber chronisch.» Er hat die Leukämie bisher zwar überlebt, steht aber unter starken Medikamenten.

Claude Cueni, wie lange leben Sie noch?

Claude Cueni: Ich bin unsterblich, wie alle Leute (lacht). Ich mache mir keine Gedanken über die Zukunft. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart, den heutigen Tag und auf das nächste Buchprojekt. Ich habe mich auseinandergesetzt mit meiner Krankheit, ich habe sie akzeptiert – und dann habe ich es abgehakt. Eine Hilfe ist sicher meine zweite Frau, sie ist aus den Philippinen. Da ist es in der Kultur, dass man schlicht am nackten Leben Freude hat und nicht nach hinten oder nach vorne schaut und herumgrübelt. Das hat im Privaten viele Vorteile, für die Volkswirtschaft ist es natürlich eine Katastrophe, wenn man zu wenig plant.

Sie planen offenbar noch. Was ist das für ein Buchprojekt?

Es sind zwei historische Romane, die abgeschlossen sind, die aber noch Feintuning benötigen. Der erste Roman spielt im Jahr 1520, also zum Beginn der Globalisierung, der zweite Roman spielt um 1850, das ist die faszinierende Epoche der Beschleunigung.



Einem breiteren Publikum ist Cueni vor allem durch seine Drehbücher für Fernsehserien wie «Peter Strohm», «Alarm für Cobra 11», «Eurocops» oder «Tatort» bekannt. Cueni hat aber auch eine ganze Reihe historischer Romane veröffentlicht. Zum Beispiel «Das Gold der Kelten» über einen spastischen Druidenlehrling, der sich dem Zug der Helvetier anschliesst und Schreiber in Cäsars Diensten wird. «Der Henker von Paris» handelt von einem Henker, der in die Wirren der Französischen Revolution gezogen wird. In «Das Grosse Spiel» schildert er, wie John Law das Papiergeld erfunden hat.

Was interessiert Sie an historischen Stoffen?

Das Schöne an den historischen Romanen ist, dass man keinen Stress hat: Es gibt kein Verfalldatum. Deshalb hetze ich da auch nicht mehr. Bei «Script Avenue» war das anders. Mir war wichtig, dass ich das Buch beenden konnte.

Ihre Helden sind Henker, Spieler oder Spastiker. Das sind keine strahlenden Helden.

Ich habe eine grosse Sympathie für Menschen, die einer schwierigen Situation stecken und diese schwierige Situation überwinden. In dem Sinne sind alle meine historischen Romane Mutmacher.

Sie sind zumindest über Ihre Drehbücher wohl Basels meistrezipierter Schriftsteller, in Basel aber kaum bekannt.

Das hat sicher damit zu tun, dass ich in meinem Leben kaum am Kulturbetrieb habe teilnehmen können. Ich habe mir kein Netzwerk aufgebaut, ich habe nicht am Abend in die einschlägigen Lokale gehen können, ich hatte immer viel Verantwortung für die Familie.

Sie haben einen Sohn, der Spastiker ist?

Ja, mein Sohn litt unter einer Cerebralparese. Deshalb haben wir mit ihm jeden Tag vier bis fünf Stunden trainiert. Wenn man daneben noch schreibt, hat man keine Zeit für Kulturapéros.

In Ihrer Wohnung haben Sie Figuren aus Ihren Büchern als lebensgrosse Figuren stehen.

Ich kaufe immer gewisse Accessoires meiner Romanhelden. Ich mache eine intensive Recherche, ich beschaffe mir Rezepte, höre Musik, lese Tagebücher aus der Zeit und ich lebe gerne mit meinen Romanfiguren. Ich bin nicht ein Autor, der schreibt, und dann ist es beendet. Ich denke heute noch an John Law und spinne die Geschichte weiter.

In Ihrem neuen Buch «Script Avenue» beschreiben Sie, wie Sie schon als Bub die Geschichten von Robinson oder Winnetou weitergesponnen haben. Sind Sie ein Fantast?

Ich habe ein grosses, fantastisches Universum, ich bin aber privat sehr vernünftig und pragmatisch. Ein Fantast ist für mich jemand, der keine Struktur hat und nicht mit Geld umgehen kann. Das trifft auf mich nicht zu. Ich lebe einfach mit meinen Geschichten.

War das für Sie als Kind überlebenswichtig?

Nein, es war einfach so. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich war oft alleine, hatte keinen Fernseher und auch sonst wenig, das mich ablenken konnte. Deshalb hat mein Kinderzimmer im Kopf stattgefunden.

Die Script-Avenue ist Ihre fantastische Parallelwelt, aus der Sie jahrelang geschöpft haben. Jetzt öffnen Sie Ihre Welt dem Leser. Warum?

Wenn man plötzlich schwer krank wird, dann wird man sehr bescheiden und nimmt keine Rücksicht mehr auf die eigene Reputation. Aufgrund der Feedbacks der Buchhandlungen weiss ich, dass das Intime im Buch fasziniert – aber zugleich schockiert.

Was bleibt noch zu schreiben?

Das ist grenzenlos. Einfälle habe ich genug. Aber ich habe alle paar Stunden Krämpfe und Nervenschmerzen. Aber das ist Einstellungssache. Mein Ziel ist es, ein Buch zu schreiben. Mitleid ist bloss Zeitverschwendung.

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