Fussball
Claudio Circhetta: «Ich muss mich fast zwingen, ein Spiel zu schauen»

Der ehemalige Schiedsrichterchef der Schweiz Claudio Circhetta dreieinhalb Jahre nach seiner Erkrankung. Der bz erzählt er welche Rolle der Fussball noch spielt und welches seine neuen Prioritäten sind.

Céline Feller
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«Ich denke, dass ich wenigstens ein bisschen arbeiten kann, hilft dabei, dass die Krankheit stabil bleibt.»

«Ich denke, dass ich wenigstens ein bisschen arbeiten kann, hilft dabei, dass die Krankheit stabil bleibt.»

Martin Toengi

Es ist der 16. Mai 2011. Der damals 40-jährige Claudio Circhetta steht mitten im Leben. Fünf Jahre lang pfiff er als Uefa- und Fifa-Schiedsrichter Fussballspiele auf höchstem internationalem Niveau, bis er Anfang 2011 seine Stelle als Schiri-Chef der Schweiz antritt. Doch der 16. Mai verändert alles. Circhetta sieht alles doppelt, hat kein Gefühl mehr in seinem linken Arm, spürt Hände und Füsse nicht mehr. Es sind erste Zeichen einer schweren Krankheit, die fortan sein Leben bestimmt: CIS, das clinically isolated syndrom, eine Vorstufe von Multiple Sklerose. Heute, gut dreieinhalb Jahre nach der Diagnose, hat sich sein Leben stark verändert. Er arbeitet 50 Prozent bei einer Versicherung und hat neuen Lebensmut.

Herr Circhetta, wie geht es Ihnen?

Gut, gesundheitlich ist alles stabil, ich habe eine tolle Familie und ich habe einen toleranten Arbeitgeber gefunden, der mich unterstützt.

Wie lange arbeiten Sie denn am neuen Ort?

Noch nicht so lange, seit dem ersten Januar 2014 genau gesagt. Vorher war ich noch beim Schweizer Fussballverband angestellt.

Sie kommen von einem aktiven, abwechslungsreichen Job zu einer Tätigkeit, die als eher langweilig gilt. Wie hat diese Umstellung funktioniert?

Auf ersten Blick wirkt das vielleicht so, dass dieser Beruf eher langweilig ist, aber das ist gar nicht so. Es geht um die Sicherheit anderer Menschen, dieser Verantwortung bin ich mir bewusst. Dieser Job ist sehr abwechslungsreich. Ich habe hier, wie auch auf dem Fussball-Platz, mit Menschen zu tun, mit unterschiedlichen Charakteren und muss auf diese individuell eingehen. Ich wäre früher nie auf die Idee gekommen, dass ich einmal bei einer Versicherung landen würde. Aber ich muss sagen, der Job macht wirklich Spass. Und der Fussball rückt immer weiter weg.

Pfeifen sie denn überhaupt noch Spiele?

Es war immer mein Ziel, auf den Platz zurück zu kehren und es macht Freude, wenn ich wenigstens wieder ein paar Spiele leiten darf. Ich werde es auch weiterhin machen, solange ich Freude daran habe und so lange die Gesundheit es zulässt. Wenn ich pfeife, sind das vor allem Spiele von Senioren. Es sind aber wirklich nur ein paar wenige Spiele, denn ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören. Es muss alles in einem Gleichgewicht sein, das Arbeiten im Teilpensum, Erholung und Aktivität. Das ist das, was ich selber dazu beitragen kann, dass es stabil bleibt.

Sie arbeiten in einem Teilpensum. Könnten Sie überhaupt mehr arbeiten, wenn Sie wollten?

Nein, mehr liegt effektiv momentan nicht drin, wegen den Beeinträchtigungen, die eben da sind. Aber es ist schön, dass ich überhaupt 50 Prozent arbeiten kann. Und ich denke, dass ich wenigstens ein bisschen arbeiten kann hilft am Ende auch dabei, dass die Krankheit stabil bleibt.

Sie haben die Beeinträchtigungen angesprochen. Sie hatten anfangs Lähmungserscheinungen, Sehstörungen und Gleichgewichtsprobleme. Was davon ist geblieben?

Was geblieben ist, ist, dass ich auf einem Auge nur noch zehn Prozent sehe. Aber ich bin überrascht, wie gut es dennoch geht, der Körper gewöhnt sich daran. Ich kann mittlerweile auch wieder Autofahren. Was ebenfalls geblieben ist sind Gleichgewichtsstörungen, die zwischendurch auftreten. Und die Konzentration lässt auch schnell einmal nach, man ist schnell erschöpft.

Wie können wir uns das Leben mit dieser Krankheit vorstellen? Ganz heilbar ist sie ja nicht.

Ich sage mir immer, dass es eine Krankheit ist, die nicht tödlich ist. Aber es ist eine Zeitbombe, die jederzeit ausbrechen kann. Ich versuche alles daran zu setzen, und alles in meiner Macht stehende zu tun, damit alles in einem Gleichgewicht bleibt. Man darf nicht zu viel überlegen, sondern man muss den Moment geniessen und Freude an dem haben, was man noch machen kann.

Zu Beginn waren die Gedanken, wieso es genau Sie getroffen hat, aber stark da.

Ich denke das ist normal. Man wird aus dem normalen Leben gerissen und hat keine Ahnung in welche Richtung sich alles entwickeln wird. Das war es ein Schock, klar. Die Ärzte haben gesagt ich darf und soll mir solche Gedanken machen, das gehöre zum Prozess. Jetzt habe es akzeptiert und mich wieder gefunden.

Sie sind darauf angewiesen, jeden Tag Medikamente zu nehmen, und diese ja nicht zu vergessen.

Ja, aber das ist nicht schlimm. Das ist das kleinste Problem.

Wie intensiv verfolgen Sie den Fussball im Allgemeinen noch?

Ich war in den drei Jahren, seit es passiert ist, glaube ich gerade einmal drei Mal im Stadion um mir Spiele anzuschauen. Und wenn, dann auch nur, wenn ich eingeladen worden bin. Auf Eigeninitiative zieht es mich gar nicht mehr ins Stadion.

Können Sie sich diesen extremen Wechsel erklären? Brauchen Sie schlicht Abstand vom Fussball?

Es hat sich privat viel verändert, wir haben Nachwuchs bekommen, und das zweite Kind kommt im April. Die Geburt unseres ersten Kindes fällt in die Zeit meiner Diagnose. Das ist irgendwie lustig, es ist wie eine neue Epoche, die angebrochen ist. Wir wollten schon früher Eltern werden, doch es hat nie geklappt. Und dann hat es während der Krankheit auf einmal funktioniert. Durch das jetzt Familie da ist, denke ich wirklich wenig an Fussball. Ich muss mich fast zwingen, ein Spiel zu schauen. Ich habe noch nie so wenige Spiele gesehen an einer WM wie letztes Jahr. Ich habe mir kein einziges Mitternachts-Spiel angeschaut. Bei den Partien, die um 21 Uhr begonnen haben, habe ich vielleicht eine Halbzeit geschaut, mehr nicht. Und ich vermisse es auch nicht, das muss ich ganz ehrlich sagen.

Sie haben immer gesagt, dass der Fussball nicht nur Ihr Beruf ist, sondern dass Sie auch Fan sind und den Fussball lieben.

Ja, ich habe auch Freude, wenn ich als Fan ein Spiel schaue. Wenn der FC Basel in der Champions League für Furore sorgt, oder die Nati gut spielt. Ein Blick gilt natürlich immer dem Schiri, das werde ich wohl nicht mehr weg kriegen (lacht). Aber ich bin abends oft auch müde, da suche ich mir die Spiele bewusster heraus, die ich mir anschaue.

Sie waren eine Zeit lang in der Öffentlichkeit. Werden Sie manchmal erkannt von Ihren Kunden?

Sehr selten. Es sind ja schon ein paar Jahre vergangen. Die meisten kennen wohl eher Urs Meier oder Massimo Busacca, mich weniger.

Wenn Sie diese zwei schon ansprechen: beide haben aufgehört, eine ähnliche Schiri-Persönlichkeit gibt es zurzeit nicht. Ist dies das Resultat eines Schiri-Problems in der Schweiz? Fehlen Spitzen-Schiris auf Weltniveau?

Ich kann es nur aus der Ferne beurteilen, aber es hat sich geändert. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir in der Schweiz sehr gute Schiedsrichter haben. Es ist nicht mehr ein Einzelner, der heraus sticht, sondern es sind junge, sehr gute Schiedsrichter, die ihren Weg noch machen werden. Angefangen bei Adrien Jaccottet, über Stephan Klossner oder Alain Bieri, die sicher dazu gehören und alle sehr gut sind. Jetzt braucht es noch 30 Prozent Glück, dass man den nächsten Schritt machen kann. Aber ich behaupte, dass es als Schweizer nicht so einfach ist, Karriere zu machen.

Dieses Problem gibt es ja auch analog bei den Fussballern.

Genau. Einem Deutschen oder Italiener wird es einfacher fallen, Karriere zu machen. Oder anders formuliert: Ein Schweizer kann sich weniger Fehler erlauben und muss mehr leisten als ein Schiedsrichter von einem grossen Land, damit er weiter rauf kommt. Das ist meine persönliche Meinung. Aber ich glaube an die Qualität und die sehr gute Ausbildung unsere Schiedsrichter. Man muss als Schweizer einfach mehr leisten, auch wenn die Qualität die gleiche ist.

Was war damals der Grund, dass Sie Schiri werden wollten? Es ist ja nicht unbedingt die beliebteste und dankbarste Aufgabe.

Es ist ein unrühmlicher Job, ja (lacht). Ich war damals Captain einer Junioren-B-Mannschaft. Wir hatten einen Schiri, der schon mit null Freude auf den Platz kam, sich nicht bewegte und dann eine Entscheidung traf, bei der mein Mitspieler mit rot vom Platz flog. Er konnte die Situation aber gar nicht gesehen haben, weil er null Einsatz zeigte. Das hat mich so aufgeregt, dass so ein Schiri so ein Spiel pfeift, ohne Freude und sich nicht anstrengt, und auch nicht mit sich reden liess, dass ich vor Wut seinen Bleistift auf den Rasen geworfen habe. Deswegen wurde ich dann sechs Monate gesperrt und habe mir gesagt, dass ich es besser machen will als dieser Schiedsrichter. So hat alles angefangen.

War das Ziel, mal in einem Champions League-Finale dabei zu sein (2009 als vierter Offizieller), immer da, oder war die Liga und das Niveau nicht entscheidend?

Nein, ich wollte einfach mal pfeifen, ohne irgendwelche Ziele. Ich wollte einfach besser sein als dieser Schiri, das war das einzige Ziel.

Dafür haben Sie es weit gebracht.

Ich bin sehr zufrieden, ja. Ich denke, ich habe das Maximum für meine Möglichkeiten herausgeholt.

Was hat das Schiri-Sein auf diesem hohen Niveau für Sie ausgemacht?

Die Vorfreude, das Wissen, ein riesiges Stadion vor dir zu sehen, die ganze Anspannung, die sich aufbaut in den Tagen vor dem Spiel wenn du dich anfängst damit zu befassen. Dann kommst du in dieses Stadion, die Zuschauer sind da. Sobald es jedoch angefangen hat, ist es ein Spiel wie jedes andere, dann bist du so konzentriert.

Das heisst es ist egal, ob es eine Fünftliga-Partie ist oder ob ein Cristiano Ronaldo auf dem Feld steht? Jeder Spieler wird gleich beurteilt?

Ja, es spielt Mannschaft A gegen Mannschaft B und es ist ein Spiel, das du versuchst so gut wie möglich zu leiten. Bei Spielern, die gewisse Tendenzen haben, schaust du sicher genauer hin, da ist klar. Du befasst sich ja auch mit dem Spiel, welche Taktiken die Teams haben, welche Tricks sie oft anwenden. Am Ende gehst du aber unvoreingenommen in das Spiel. Es fängt immer bei null an.

Was ist der Unterschied in den Aufgaben eines Schiris wenn er tiefe Ligen oder wenn er Spitzenfussball leitet?

Es ist die Anspannung vor dem Spiel. Die Freude im Match ist genau die gleiche. Ich kann ja beides beurteilen, und das ist tatsächlich so. Du bist in Bewegung, du musst entscheiden und du bist mit Menschen mit verschiedenen Charakteren in Kontakt. Es ist aber keineswegs so, dass man, nur weil man mal Super League-Partien geleitet hat, bei den Amateuren mit links pfeift. Man muss trotzdem genau gleich konzentriert sein. Brillieren kannst du auch in den unteren Ligen als Schiri nicht.

Was ist das oberste Gebot eines Schiris? Und wurde dieses an der WM in Brasilien umgesetzt?

Das oberste Gebot ist, die Spieler zu schützen und Foulspiele rigoros zu bestrafen. Damit haben die Schiedsrichter an der WM eindeutig zu lange gewartet und die Spieler zu wenig geschützt, das war der negative Punkt an der Endrunde.

Ist der Kontakt mit beispielsweise Urs Meier, mit dem Sie eng zusammengearbeitet haben, aufrecht geblieben?

Ich habe mich eigentlich bewusst zurückgezogen. Aber ein Urs Meier ruft mich immer noch an jedem Geburtstag an, das finde ich schön. Mit dem ehemaligen Fifa-Schiri Andi Schluchter habe ich noch regen Kontakt, aber mehr als Freund, nicht wegen der Schiedsrichterei.

Wechseln wir das Thema. Sie spielen angeblich gerne Tennis und kochen gerne, stimmt das?

Das habe ich mal angegeben, ja (lacht). Tennis habe ich schon lang nicht mehr gespielt. Und was das Kochen angeht habe ich eine Frau, die super kocht, deshalb ist es wohl besser, wenn ich einfach gut esse und das geniesse. Selber gekocht habe ich lange nicht mehr.

Was sind denn sonst Ihre Hobbies, wenn diese zwei wegfallen?

Die Familie natürlich, darauf haben wir so lange gewartet. Während der Krankheit haben die Ärzte mir geraten, viel Zeit in der Natur zu verbringen, deshalb haben wir uns einen Hund zugelegt. Ich hatte früher Angst vor Hunden, hatte fast schon eine Phobie. Mittlerweile ist unser Hund zu einem Familienmitglied geworden, und wir sind sehr froh, ihn zu haben, er gibt so viel zurück.