«Färben ist wie Fahrradfahren», antwortet Lucien Stöcklin auf die Frage, ob man aus der Übung gerate, wenn man seine gelernte Tätigkeit einige Jahre nicht ausgeübt habe: «Man verlernt es nie.» Er nimmt die schwarzen Frisörklammern vom Ärmel seines Hemdes und steckt mit sicheren, fast eleganten Bewegungen die Haare seiner Kundin hoch. Dann beginnt er zu schneiden. Mit einer solchen Geschicklichkeit, dass sich die Frage, ob er auch das Schneiden in den vier Jahren nicht vergessen habe, erübrigt. Der Spiegel mit dem goldenen Rand, in den er einen prüfenden Blick wirft, um die Symmetrie der Frisur sicherzustellen, hängt erst seit zwei Monaten dort. Und erst seit zwei Monaten arbeitet der 35-Jährige, in Bottmingen geborene Coiffeur wieder in seinem Metier.

Dabei hatte er doch gesagt, er werde seine Schere für immer zur Seite legen. Das war im Juni 2014. Er hatte von einem Freund das Angebot erhalten, als Quereinsteiger eine Stelle als Arbeits-Coach zu übernehmen. Und zugesagt. Nach zehn Jahren Haare schneiden beim Coiffeurgeschäft «Hauptsache» hatte der damals 31-Jährige Lust, etwas Neues zu machen. Dreieinhalb Jahre unterstütze er in seiner Funktion als Arbeitscoach Menschen vom Koch zur Professorin darin, nach einer längeren Phase der Erwerbslosigkeit aufgrund einer Erkrankung oder eines Unfalls wieder ins Arbeitsleben einzusteigen. Sein grosses Netzwerk half ihm dabei ebenso wie seine Fähigkeit, sich auf Menschen einzulassen und sie in ihrem Wesen zu sehen. Eine Fähigkeit, die auch für den Beruf des Coiffeurs hilfreich ist.

Ein Fasnächtler vor dem Herrn

Wenn in dieser Zeit ehemalige Kundinnen gefragt hätten: «Könntest du mir nicht nach der Arbeit die Haare schneiden?» hätte er verneint. Nicht aus Prinzip, stur ist er gewiss nicht, aber aus Zeitgründen. Schliesslich kann man, wenn man den ganzen Tag als Arbeits-Coach arbeitet, nicht noch abends Haare schneiden. Jedenfalls nicht, wenn man jeden Abend bei einer anderen Fasnachtsclique Piccolo-Unterricht erteilt. Stöcklin ist Piccolo-Instruktor und seit dem Kindergarten zuerst als Trommler und heute als Pfeifer bei den Naarebaschi. Die beliebten Verse seines Schnitzelbanggs sind dafür bekannt, dass sie mindestens so scharf sind wie eine Coiffeurschere. Dass er beschlossen hatte, die Schere an den Nagel zu hängen, hatten aber auch viele Fasnächtlerinnen bedauert. Einige davon waren auch seine Kundinnen gewesen.

Ähnlich gross wie beim Comeback einer Lieblingsband war dann die Begeisterung seiner Stammkundschaft auf Stöcklins «Kamm-Back» im März dieses Jahres. Da er zunehmend Lust darauf hatte, wieder Haare zu schneiden, entschied er sich 2017, einen eigenen Laden zu eröffnen. An beiden Berufen gefällt ihm die Vielfalt von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, mit denen man zu tun hat. Und worin unterscheiden sich die beiden Berufe nebst dem Handwerk? «Als Arbeits-Coach arbeitest du darauf hin, dass die Klienten nicht mehr kommen, als Coiffeur arbeitest du darauf hin, dass sie wieder kommen», sagt er lachend. Und das tun sie bei Stöcklin auch.

Mit Stöcklins langjährigem Arbeitgeber «Hauptsache» gemeinsam hat sein eigenes Geschäft an der Hammerstrasse 65 eine bestimmte Ästhetik der Reduktion. Doch kleiner und hellblauer ist der neue Ort. «Am schwierigsten war es, gute Coiffeurstühle zu finden», erzählt er. «Als ich dann diese stahlblauen im Stile der 50er-Jahre gefunden hatte, passte ich das Farbkonzept den Stühlen an.» Dass Stöcklin, der vor seiner Lehre zum Coiffeur eine Ausbildung zum Illustrator durchlaufen hatte, ein Auge für Gestaltung hat, zeigt sich auch in der Innenarchitektur: Die graublauen Frottéetüechli, eine hellblaue Jugendstil-Keramikvase, ein senffarbenes Sofa, ein schöner Holztisch – alles passt.

Und nichts deutet darauf hin, dass sich in dem Raum, in dem die Haare fallen, bis vor wenigen Monaten noch ein Atelier für Lederartikel befunden hatte. Gemeinsam mit einem Freund hat Stöcklin unter dessen Anleitung den Umbau gemacht. So charmant wie sinnvoll ist das kleine Fensterchen zwischen zwei Räumen, das die beiden zwischen den alten Holzbalken herausgehauen haben. Es trennt nämlich den Empfangsraum vom Arbeitsraum und erleichtert jeweils die Kommunikation, wenn erneut jemand vorbeikommt, um einen Termin zum Haareschneiden zu vereinbaren.

Der grosse Kommunikator

Kommunikation ist eine von Stöcklins Stärken. Wer sich nun einen Plauderi vorstellt, liegt falsch. Bei manchen Kunden ist seine tiefe, angenehme Stimme nur anfangs beim ausführlichen Beratungsgespräch zu hören. Danach hört man bloss noch das Klimpern der Schere. Stöcklin ist aufmerksam, hat einen schelmischen Humor, aber auch ein Talent fürs Schweigen. «Das war schon in der Lehre so. Ich befürchtete, dass mir beim Small-Talk nichts einfallen würde. Aber dann sagte man mir, dass manche zu mir kommen, weil man bei mir nicht reden muss.»

Es gebe ja einen grossen Unterschied zwischen einem unangenehmen und einem angenehmen Schweigen. Das Bild des Coiffeurs als Psychiater hält er für ein Klischee. Es sind Begegnungen, klar. Und viele seiner Kunden kennt er privat. «Manchmal habe ich fast ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl habe, nicht zu arbeiten», sagt er und lacht. Noch fühlt sich die Arbeit an der Hammerstrasse für ihn an, als würde er Freunde zu Gast haben.