Herr Bürgin, in der fasnächtlichen Last weltkritischer Sujets dieses Jahr scheint eine gewisse Düsternis mitzuschwingen. Worauf führen Sie den erneuten Überhang an ernsthaften Themen zurück?

Christoph Bürgin: Ob es einen Überhang gibt, kann man so nicht sagen. Allein das Katalogisieren der Sujets ist ja keine genaue Wissenschaft und es sind rund 170 Sujets, die mehr oder eben weniger eingehend beschrieben sind. Aber natürlich ist es wieder auffallend, dass sich vor allem die Stammvereine auf dieses Themenspektrum beziehen. Und das sind letztlich die Züge, die am ehesten ins Auge stechen, wegen ihrer Laternen, ihrer Grösse, ihres Auftretens.

Aber erstaunlich ist das nicht?

Nein. Man muss ja nur jeden Tag die Zeitung lesen, dann liegt es schon auf der Hand. Unsere Welt hat wohl schon fröhlichere Zeiten erlebt. Und das widerspiegelt sich auch an der Fasnacht. Wie es dann aber tatsächlich aussieht, also ob die Umsetzung schwarz und düster oder eben bunt ist, das sehen wir dann an der Fasnacht, am Montags-Cortège.

Sie sind seit 19 Jahren im Fasnachts-Comité, seit 2010 dessen Obmann. Sie haben nun auch die Verleihung des Labels «Unesco Weltkulturerbe» miterlebt. Wie hat sich die Fasnacht entwickelt? Oder ist sie am Schluss doch immer dieselbe?

Seit ziemlich langer Zeit gibt es einen Morgestraich, der am Montag um 4 Uhr morgens beginnt. Das war allerdings auch nicht immer so, es gab auch schon Zeiten mit zwei Morgenstreichen, einem am Montag und einem am Mittwoch. Auch noch nicht so lange her ist die Tatsache, dass die Fasnacht am Donnerstag um Punkt 4 Uhr wieder aufhört, das war nicht immer so. Vorher franste der Anlass eher aus. Und innerhalb dieser 72 Stunden hat es neben den gleichen Abläufen durchaus Veränderungen gegeben.

Zum Beispiel?

Etwa, dass die Fasnacht durchgehend stattfindet. Ich kann mich gut erinnern, als um 2 Uhr morgens Nachtruhe war, da wurde dann gar nicht mehr getrommelt. Ja, die Fasnacht ist durchlässiger geworden, intensiver. Die Menschen kosten diese 72 Stunden, diese drey Dääg, heute viel mehr aus.

Sie ist aber auch zentraler geworden.

Ja, sehr. Früher war man noch in den Quartieren unterwegs, das sehen wir heute gar nicht mehr. Und wir stellen eine zunehmende Konzentration auf die Grossbasler Innenstadt fest. Das empfinde ich persönlich als eher negativen Punkt.

Dass die Fasnacht gerade im Kleinbasel auszusterben droht, beklagen auch die Schnitzelbangg-Gesellschaften. Warum diese Konzentration der Fasnächtler aufs Grossbasel?

Das ist wirklich schwierig zu sagen. Ob es am Beizenangebot liegt? Aber das wäre ja mindestens so gut wie im Grossbasel. Oder sind die Cliquen der Ansicht, es gäbe zu wenig Möglichkeiten zum Gässlen? Wir wissen es nicht. Es ist ja auch nicht so, dass das Kleinbasel nicht mehr besucht wird. An den Nachmittagen halten sich sehr viele Menschen dort auf. Die Wagen- und Requisitenausstellung findet ja aus gutem Grund dort statt. Kritisch ist es abends, vor allem am Montag- und Mittwochabend. Und da können wir nur im Sinn einer ausgedehnteren Fasnacht daran appellieren: Geht auch abends ins Kleinbasel.

Ein Symptom dieser Dichte war vergangenes Jahr die Grünpfahlgasse, die Verbindung zwischen Rümelinsplatz und Hauptpost. Feiernde Gäste des Unternehmens Mitte, Zaungäste und Fasnächtler kamen sich dort mehrfach so in die Quere, dass die Polizei einschreiten musste. Gibt es das noch anderswo?

Nein, in diesem störenden Ausmass bislang nicht, wobei auch in der Steinenvorstadt eine gewisse Tendenz dazu besteht.

Massnahmen wurden eingeleitet, die Mitte soll fasnächtlicher werden, die Sitzgelegenheiten unattraktiver. Wie stark war das Comité involviert?

Das Comité hat sich eingeschaltet, weil wir viele Reaktionen von Aktiven erhalten haben. Wir trafen uns mit der Polizei und Verantwortlichen des Unternehmens Mitte zu sehr konstruktiven Aussprachen und wir hoffen auf eine bessere Durchmischung. Es kann nicht sein, dass dieser Weg versperrt und aktiv gegen Fasnächtler vorgegangen wird. Die Gasse ist nicht breit, aber es hat ausreichend Platz für alle. Insofern können wir nur zu Toleranz aufrufen.

Das Comité ist ja kein Organisationskomitee der Basler Fasnacht, sondern nur für Teilbereiche wie den Cortège und den Plakettenverkauf zuständig. Mittlerweile wurde aber das Unesco-Weltkulturerbe entgegengenommen, Fasnächtler üben Kritik am Comité als Institution: Haben Sie da eine neue Rolle?

Man darf dem Fasnachts-Comité gegenüber keine zu grosse Erwartungshaltung entgegenbringen. Alle Probleme löst das Comité nicht. Wir sind 13 aktive Fasnächtler, die nach dem Cortège selbst in ihren Cliquen aktiv Fasnacht machen. Wir sind kein verwalterisches Gremium der Fasnacht. Die Basler Fasnacht liegt in der Gesamtverantwortung aller. Denn schliesslich hat ja auch nicht das Comité das Unesco-Label erhalten, sondern die Basler Fasnacht selbst.

Und die Kritik am Reglementieren?

Dieser Vorwurf, dass das Comité die Fasnacht durchreglementieren wolle, ist, mit Verlaub, grosser Quatsch. Wir sind zusammengerechnet nur für 9,5 dieser 72 Stunden wirklich zuständig, das entspricht der Dauer der beiden Cortèges. Dazu kommt die Organisation der Laternen und Wagenausstellung. Ich wurde schon mehrfach gefragt, wie der Morgestraich organisiert sei. Die Antwort: Gar nicht! Niemand organisiert den Morgestraich, ausser die IWB, welche das Licht abstellen. Er findet einfach statt. Wie ein Naturereignis.

Der Cortège steht aktuell von ungewohnter Seite in der Kritik: Tierschützer monieren, dass die Chaisen-Pferde an der Fasnacht nichts verloren haben. Das Comité hat sich für Ruhezonen und Kontrollen entschieden und dafür, dass Pferde sehr wohl mitlaufen werden.

Ist das Thema aus Ihrer Sicht erledigt?

Das Comité vertritt in Übereinstimmung mit dem Veterinäramt die Auffassung, dass es für Pferde zumutbar ist, am Cortège mitzulaufen. Genauso wie es zumutbar ist, Pferde bei der Polizei einzusetzen oder wenn die Queen Geburtstag hat oder am Zürcher Sächsilüüte. Aber es braucht gewisse Rahmenbedingungen. Das heisst zum Beispiel, es müssen geeignete, erfahrene Pferde sein. Aus diesem Grund wurden Massnahmen wie Meldepflicht der eingesetzten Pferde getroffen. Unsere Massnahmen entsprechen im Übrigen auch der revidierten Tierschutzverordnung, die am 1. März 2018 in Kraft tritt.