Jahresrückblick
Comité-Obfrau Pia Inderbitzin blickt auf ein emotionales Jahr ohne Basler Fasnacht zurück

Gleich zwei Mal musste die Basler Fasnacht aufgrund der Coronapandemie abgesagt werden. Trotz vieler Rückschläge dachte Comité-Obfrau Pia Inderbitzin aber nie ans Aufhören.

Aimee Baumgartner
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Für Comité-Obfrau Pia Inberbitzin war klar, dass es auch ohne die Fasnacht im kommenden Jahr eine Plakette geben soll.

Für Comité-Obfrau Pia Inberbitzin war klar, dass es auch ohne die Fasnacht im kommenden Jahr eine Plakette geben soll.

Juri Junkov

Pia Inderbitzin, wenn Sie dieses Jahr in einem Wort zusammenfassen müssten, welches wäre es?

Pia Inderbitzin: Achterbahn.

Wieso genau «Achterbahn»?

Das Jahr hat einen wirklich durchgeschüttelt. Zu Beginn des Jahres durfte ich am Vogel Gryff teilnehmen, war auf dem Floss, durfte am Gryffemähli dabei sein und eine Rede halten, die gut ankam. Es folgte der grosse Kinderumzug mit 10'000 Mitwirkenden. Darauf haben wir ein Jahr lang hingearbeitet, nochmals ein richtiges Highlight. Und dann ging es bergab.

Dann kam der 28. Februar, der Freitag vor dem Morgenstreich. An diesem Tag wurde bekannt, dass es keine Grossveranstaltungen und somit auch keine Fasnacht in Basel geben wird.

Man konnte sich im Traum nicht vorstellen, dass so etwas passieren kann. Das war ein riesiger Schock, der einen Moment lang anhielt.

War Ihnen schon vor dem offiziellen Entscheid klar, dass die Absage kommen wird?

Ich hatte zwei Tage vor der Entscheidung des Bundesrats Kontakt mit Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger. Wir haben uns ausgetauscht und uns mit der Situation auseinandergesetzt. Mit einer Absage der Fasnacht haben wir in diesem Moment nicht gerechnet.

Einen Tag später kehrte das Blatt aber.

Am Donnerstag war ich noch dabei, als die drei Waggis beim Hotel Drei Könige verkleidet wurden. Ein Behördenmitglied kam zu mir und informierte mich, dass die Situation schwierig wird. Am Abend telefonierte ich erneut mit Lukas Engelberger. Er sagte mir, dass am Freitag um 11 Uhr eine Pressekonferenz in Basel gehalten werden wird, gemeinsam mit dem Fasnachts-Comité.

Konnten Sie in dieser Nacht überhaupt schlafen?

Ja, das schon. Aber ich musste mir auch noch überlegen, was ich überhaupt sagen soll. Um
10 Uhr am Freitagmorgen musste ich meine Kollegen einladen und ihnen mitteilen, was los ist. Wir haben den Text nochmals besprochen und gemeinsam die Medienkonferenz des Bundes geschaut. Die Strecke vom Büro ins Rathaus war ein Gang nach Canossa. Ich habe mich überhaupt nicht wohlgefühlt. Und dann haben wir das verkündet.

War Ihnen in dem Moment schon bewusst, dass die Fasnacht effektiv nicht stattfinden wird?

Es wurde mir dann auf einmal klar. Ich musste auch vielen Journalisten Rede und Antwort stehen, und als mich der Erste fragte, wie es mir jetzt geht, war ich den Tränen nah, denn es war sehr emotional für mich. Mir ging es wie allen anderen Fasnächtlern. Mein Kostüm lag zu Hause – zwar noch nicht ganz fertig. Ich habe es dann unfertig wieder aufgehängt. Da dachte ich mir: Jetzt ist es so, und was machen wir jetzt?

Und was haben Sie dann gemacht?

Wir mussten Schritt für Schritt die Fasnacht wieder zurückbauen, Mails beantworten, die Leute beruhigen. Während der drei Fasnachtstage war ich im Büro des Fasnachts-Comités. Auf einmal kamen Berge von Mimosen, die in unsere Sträusse gehört hätten. Wir haben damit unsere Fenster dekoriert und einen Trauerflor aufgehängt. Es folgte eine Erschöpfung, wie wenn man eine Woche lang Fasnacht gemacht hätte.

«Nach einer depressiven Phase mussten wir uns wieder aufraffen.»

Die Rolle des Comités veränderte sich plötzlich. Es wurde zu einer Art Dachverband fasnächtlicher Interessen und fungierte nun als Schnittstelle zwischen den Fasnächtlern und den Behörden. Wie war das für Sie?

Uns wurde bewusst, dass wir das Label «Fasnacht» in Basel sind. Es heisst immer wieder, dass wir die Fasnacht organisieren, was wir präzisieren müssen. Normalerweise sind wir mit dem Cortège nur für neun von 72 Stunden zuständig – alles andere ist ein Naturereignis. Der Morgenstreich, der Dienstag, das Gässlen – das hat mit uns eigentlich nichts zu tun. Wir waren auf Hilfe der Behörden angewiesen, da wir das alles nicht allein stemmen konnten – wir sind nur 14 Personen in einem Milizgremium.

Im Herbst folgten der Aufruf an die Fasnächtler zur Einreichung kreativer Ideen und etliche Stunden an runden Tischen.

Das gab wieder Auftrieb. Wir hatten im September eine Präsidentenkonferenz, wo wir den Obleuten unser Vorhaben mitteilten. Mehrere hundert Einsendungen haben wir anschliessend erhalten. Zu dieser Zeit ging es bereits in die Richtung einer Quartierfasnacht. Wir mussten aufgrund der absehbaren Schutzkonzepte schon in der Planung die Massen auseinanderbringen und wollten auch möglichst wenige Menschen von ausserhalb anziehen.

Zu welchem Zeitpunkt wurde Ihnen bewusst, dass es auch im kommenden Jahr keine Fasnacht im traditionellen Sinn geben wird?

Im «klassischen» Sinn eigentlich schon im Juni. Im Oktober verschlechterte sich die epidemiologische Lage leider rasant. Das hat uns in unserer Planung wieder total blockiert.

Haben Sie in dieser Zeit ans Aufhören gedacht?

Nein. Klar habe ich mich gefragt, was ich hier eigentlich mache. Seit ich das Amt der Comité-Obfrau im Sommer 2018 übernommen habe, geht alles den Bach runter (lacht). Ich musste schon diverse schwierige Situationen meistern.

Sie haben in Ihrer noch kurzen Amtszeit an der Spitze des Comités wahrhaftig schon mehr erlebt als Ihre Vorgänger in zehn oder zwanzig Jahren.

Bei mir ist es seit Beginn turbulent. Angefangen bei der Rassismusdebatte rund um zwei Guggenmusiken, dann sind Pferde von Chaisen ausgerutscht und hingefallen, Anfang 2020 kam das Coronavirus, und die Fasnacht wurde abgesagt. Es ist unglaublich. Aber offenbar muss ich das jetzt durchziehen. Man muss sich voller Energie und Freude für die Fasnacht einsetzen, sonst muss man dieses Amt gar nicht erst übernehmen.

Die Comité beobachtet den Cortège am Fasnachts-Montag (13.03.2019)

Die Comité beobachtet den Cortège am Fasnachts-Montag (13.03.2019)

Kenneth Nars

Was treibt Sie an, weiterzumachen?

Ich bin seit Kindheit eine absolute Fasnächtlerin. Dieses Virus wird ein Leben lang bleiben. Diese Begeisterung an der Fasnacht motiviert mich auch dazu, mir neue Ansätze wie zum Beispiel die Quartierfasnacht zu überlegen.

«Du musst diesen Job mit Herzblut machen, sonst geht es nicht.»

Auch die vielen Ideen, die wir erhalten hatten, fand ich durchaus spannend. Es kann nicht sein, dass wir einfach die Hände in den Schoss legen und abwarten, bis das Virus weg ist. Dann wären wir am falschen Ort. Du musst diesen Job mit Herzblut machen, sonst geht es nicht.

Auch wenn es keine Fasnacht 2021 gibt, wird am Mittwoch die Plakette vorgestellt. Hätten Sie die Idee der Plakette nochmals überdacht, wenn sich die Coronasituation bereits im August verschlechtert hätte?

Uns war sowieso klar, dass wir am Vorhaben festhalten. Im Mai haben wir den Wettbewerb lanciert, und da werden ziemlich viele Entwürfe eingereicht. Uns war klar: Eine Plakette gibt es auf jeden Fall.

Haben Sie gleich viele Plaketten bestellt wie in früheren Jahren?

Wir wissen ja nicht, wie viele Plaketten verkauft werden. Da mussten wir sehr vorsichtig kalkulieren.

Was ist Ihre Prognose?

Das ist schwierig zu sagen. Ich hoffe, dass diese Plakette gut verkauft wird. Wir freuen uns, wenn sich die Bevölkerung solidarisch mit den Fasnächtlern und der ganzen Branche zeigt. Das eingenommene Geld aus den Verkäufen wird als Subventionen ausgeschüttet. Die Cliquen haben aber in diesem Jahr weniger oder gar keine Ausgaben für Laternen, Larven und Kostüme. Deshalb haben wir an sie appelliert, doch mit den Einnahmen auch ihre Zulieferer zu unterstützen.

Anfang September wurden Sie von der bz gefragt, wo Sie am 22. Februar, am Fasnachtsmontag, um 4 Uhr sind. Damals sagten Sie, Sie wären am liebsten in der Innenstadt am Morgenstreich. Wie beantworten Sie die Frage heute?

Am liebsten wäre ich immer noch dort. Ich stelle auf jeden Fall den Wecker. Es ist schliesslich Morgenstreich (lacht).

Sie machen trotzdem Morgenstreich?

Ich weiss noch nicht wie – aber wach bin ich auf jeden Fall. Mein Fasnachtsherz schlägt dann, wahrscheinlich bräuchte ich den Wecker gar nicht erst. Ich werde sicher mein Fenster zu Hause dekorieren.

«Ich stelle am Morgenstreich auf jeden Fall den Wecker.»

Wir freuen uns auch, wenn Schaufenster, Häuser und Vorgärten fasnächtlich dekoriert werden, damit sichtbar wird, dass im Februar Fasnachtszeit ist. Man soll den Geist der Fasnacht spüren. Deshalb planen wir auch zusammen mit den Jungen Garden den Fasnachts-Spaziergang – einen Parcours mit diversen Stationen in der Stadt.

Weshalb ist der Fokus auf die jungen Fasnächtler so wichtig?

Sie haben jetzt schon das zweite Mal nicht die Möglichkeit, an der Fasnacht zu musizieren. Wir müssen die Jungen bei Laune halten, dass sie uns nicht abspringen. Sie üben wegen dieser drei Tage. Es braucht die nächste Generation für die Fasnacht.

Zur Person

Pia Inderbitzin (Jahrgang 1955) ist seit 20 Jahren Mitglied des Basler Fasnachts-Comités. Nach ihrer jahrelangen Tätigkeit als Statthalterin und Verantwortliche für die Nachwuchsförderung übernahm sie im Sommer 2018 das Amt der Obfrau. Ihr Vorgänger Christoph Bürgin war acht Jahre an der Spitze des Vereins. In der über 100-jährigen Geschichte des Comités ist Inderbitzin die erste Frau in dieser Position.

Sie spielt seit ihrer Kindheit Piccolo. Beide Elternteile haben ihr das «Fasnachts-Gen» weitervererbt. Heute ist sie aktive Fasnächtlerin in der Déjà-Vü-Clique. In früheren Jahren war die Comité-Obfrau zudem als Schnitzelbänklerin in Cliquenkellern und auf Fasnachtsbühnen der Stadt unterwegs. Bis zu ihrer Pensionierung im Sommer 2019 arbeitete Pia Inderbitzin parallel zu ihrer Tätigkeit für das Comité als Primarlehrerin und Heilpädagogin. (aib)