Eskalation

Concordia-Patienten büssen für Tarifstreit mit Basler Privatspitälern

Wer sich für eine Zusatzversicherung entscheidet, tut dies oft, um den Arzt seines Vertrauens zu wählen.Symbolbild/Archiv

Wer sich für eine Zusatzversicherung entscheidet, tut dies oft, um den Arzt seines Vertrauens zu wählen.Symbolbild/Archiv

Die Krankenversicherung Concordia fordert ihre Zusatzversicherten auf, die drei Basler Privatspitäler Clara, Bethesda und Merian Iselin zu meiden – dafür gibts sogar Geld. Zahlen müssen die Privat- oder Halbprivat-Patienten dafür, wenn sie auf ihrem Vertrag bestehen.

Von wegen freie Spitalwahl: Seit dem 1. April müssen Patienten, die sich im Claraspital, im Merian Iselin oder im Bethesda behandeln lassen wollen, erst einmal auf ihren Versicherungsausweis schauen. Sollte darauf das Logo der Concordia-Versicherung prangen und das Wort «halbprivat» oder «privat» versichert stehen, hat man ein Problem.

Schon Ende März ging die Innerschweizer Versicherung, die mit rund 750'000 Versicherten zu den grössten des Landes gehört und auch in der Region viele Kunden hat, auf Konfrontationskurs mit den drei Basler Privatspitälern.

Die Tarifverhandlungen wurden abgebrochen – beide Seiten schieben die Schuld dem anderen zu – und die eigentlich korrekt Zusatzversicherten standen plötzlich ohne Vertrag da (bz berichtete).

Das Beste wäre ein Gerichtsurteil

Doch nun eskaliert der Streit endgültig – mit finanziellen Folgen für die Basler Concordia-Patienten. Der «Schweiz am Wochenende» liegt ein Schreiben der Concordia an die betroffenen Versicherten sowie die zuweisenden Ärzte vor. Darin weist sie darauf hin, dass «seit dem 1. April für Zusatzversicherte möglicherweise keine volle Kostendeckung besteht». Patienten müssten damit rechnen, einen Teil der Kosten selber bezahlen zu müssen.

Was die Versicherung verschweigt: Den Grossteil dieser Kosten lädt sie selbst ihren Kunden auf und nicht die Privatspitäler. Diese bestätigen auf Anfrage, dass sie nun doch nicht die viel höheren Selbstzahler-Listenpreise von den Concordia-Patienten verlangen, die ohne Vertrag eigentlich anfallen würden. Stattdessen verrechnen sie die Preise des eigentlich gescheiterten Concordia-Vertrags. Diese liegen «nur» um 1,4 Prozent im halbprivaten und um bis zu 1 Prozent im privaten Bereich höher als 2016.

Die Concordia hingegen verrechnet jedem, der weiterhin im Claraspital, Merian Iselin oder Bethesda auf seiner halbprivaten oder privaten Zusatzversicherung besteht, den Maximaltarif: Sie erstattet nur noch 90 Prozent der Kosten, basierend auf dem Vorjahrespreis. Bei einem Durchschnittsfall von 15 000 Franken werden also von der Versicherung 1500 Franken auf den Patienten abgewälzt. 180 Franken (halbprivat) kommen durch die Tariferhöhung der Spitäler hinzu. «Es gibt viele Tarifkonflikte zwischen Spitälern und Versicherern, doch dass diese nun auf dem Buckel der Patienten ausgefochten werden, das ist eine neue Dimension», sagt Margrit Kessler. Die Präsidentin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz kann es kaum fassen, zu welchen Methoden die Concordia greift.

Schliesslich hätten die Patienten gültige Verträge abgeschlossen und darum das Recht auf diese Leistungen; egal ob sich die Versicherung mit einem Spital einigen konnte oder nicht. Die Concordia schaffe damit ein Präjudiz. Für Kessler ist denn auch klar: «Hier müssen die Gerichte entscheiden.» Am besten wäre es, wenn ein Betroffener den Rechtsweg einschlagen würde.

Dies sei bis jetzt noch nicht geschehen, wie die Concordia auf Anfrage entgegnet. Seit dem 1. April hätten sich 18 ihrer Versicherten trotz den Zusatzkosten halbprivat oder privat in einem der drei Spitäler behandeln lassen. Gleichzeitig räumt sie ein: «Wir haben ein erhöhtes Aufkommen von Anfragen und auch Beschwerden.» Eine eigens für Basler Patienten eingerichtete Concordia-Hotline werde rege genutzt. Doch auch der eingangs erwähnte Brief, der fast zwei Monate nach Inkrafttreten der Sonderregelung verschickt wurde, fungiert als eine Art Ratgeber.

Wer verzichtet, bekommt Geld

Diese Tipps haben es in sich: Um die 10 Prozent Zusatzbelastung zu vermeiden, solle man in die Privat- oder Halbprivatabteilung eines anderen Spitals gehen. In Basel bliebe demnach nur noch das Unispital. Recherchen zeigen, dass die Concordia ihren Versicherten dafür 500 Franken vergütet. Sie selbst nennt dieses zweifelhafte Angebot «Inkonvenienzen abmildern». Doch das ist noch nicht alles: 2000 Franken pauschal plus 380 Franken pro verbrachte Nacht gibt es, wenn sich der Zusatzversicherte entscheidet, zwar in eines der drei Spitäler zu gehen, jedoch bloss in die Allgemeinabteilung.

Inhaltlich möchte sich die Concordia dazu nicht äussern; ausser, dass bis heute knapp 100 Patienten diese Option gewählt hätten, und dass man es rechtlich abgeklärt und die Finanzmarktaufsicht (Finma) informiert hätte. «Diese Tipps sind unhaltbar», kritisiert Kessler. Die Patienten hätten ein Anrecht auf Zusatzleistungen wie die freie Arztwahl, da nütze auch eine Entschädigung nichts.

Concordia mit neuem Angebot

Die drei Basler Spitäler haben sich mittlerweile ebenfalls mit einem Brief an die zuweisenden Ärzte gewandt und kritisieren die «Stimmungsmache» der Concordia. Dies sei inakzeptabel. Auf Anfrage wird Claraspital-Direktor Peter Eichenberger noch deutlicher: «In der ganzen Spital-Branche schüttelt man den Kopf über die Concordia.»

Während die Versicherung festhält, dass «die aktuellen Tarife der drei Basler Spitäler aus unserer Sicht sowohl absolut als auch im Benchmark zu hoch sind», kontert Eichenberger: «Der Vertragspreis, den wir vereinbart hatten, bewegt sich – verglichen mit allen anderen Versicherern – am unteren Rand.» Zudem sei die Concordia mit anderen Basler Spitälern Verträge mit höheren Tarifen eingegangen. Was auch nicht unbedingt für die Versicherung spricht: Einzig mit der Concordia-Gruppe, die auch noch die Kleinkassen Atupri, Innova und SLKK umfasst, konnten sich die drei Privatspitäler 2017 nicht einigen.

Die Situation scheint festgefahren, die Fronten verhärtet. Und doch: «Vor wenigen Tagen hat die Concordia uns mitgeteilt, dass sie ihre Haltung nochmals überdenkt und uns ein neues Angebot unterbreiten will», verrät Eichenberger. Wie dieses im Detail aussieht, möchte die Concordia nicht offenlegen, doch was sie sagt, klingt wenig versöhnlich: «Wir sind bereit, nach den 2016 gültigen, bereits sehr hohen Tarifen abzurechnen. Wir sind jedoch nicht bereit, Jahr für Jahr weitere unbegründete Tarifforderungen der Spitäler zu akzeptieren.» Die mehreren Hundert Concordia-Zusatzversicherten in der Region müssen sich also noch länger sehr gut überlegen, eines der drei Spitäler aufzusuchen.

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