Porträt

Conradin Cramer: Der Regierungsrat, der unter dem Radar fliegt

Im Büro zuhause: der Basler Erziehungsdirektor Conradin Cramer an der Leimenstrasse.

Der Basler Erziehungsdirektor Conradin Cramer ist seit knapp einem Jahr im Amt. Bisher ist er nicht gross in Erscheinung getreten – machte allerdings auch kaum Fehler.

Ein Jahr ist die neue Basler Regierung nun fast alt. Zeit, den Fokus auf den Mann zu richten, der bisher unter dem medialen Radar geblieben ist. Sei es, weil es in seinem Departement nach Jahren der Reformen kaum Baustellen gibt. Oder, weil mit der hölzernen Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann ein anderer Neuling für weit mehr Gesprächsstoff gesorgt hat. Sprechen wir für einmal von und mit Erziehungsdirektor Conradin Cramer. Der LDPler hat in sein schlichtes Büro an der Leimenstrasse eingeladen. An der Wand hängen zwei Bilder der Basler Künstlerin Irène Zurkinden, die er schon lange ersetzen will. Aber Conradin Cramer hat andere Prioritäten als die Inneneinrichtung seines Büros.

Erst wenn Cramer dossierfest ist, wird er sich darum kümmern. Das wird, wenn es nach ihm geht, noch eine Weile dauern. Das erste Jahr in der Exekutive war schwierig, das räumt er ein. «Ich wusste, dass es ein Kampf wird. Aber ich habe unterschätzt, wie komplex es sein würde.

Man muss in diesem Amt so oft innerhalb einer kurzen Zeit eine Meinung haben.» Er selbst gibt sich als Regierungsrat noch keine Bestnoten, tut sich aber bei einer Selbsteinschätzung sichtlich schwer. «Ich bin sicher besser als vor einem Jahr. Aber das Regierungsamt ist eines, in das ich noch reinwachsen muss. Ich denke, bis man in diesem Amt auf Topniveau ist, geht es eine Wahlperiode.» Auch andere zögern, wenn sie auf den Leistungsausweis des neuen Erziehungsdirektors angesprochen werden. Die Lehrergewerkschaft bittet um etwas mehr Vorlaufzeit für ein Zwischenfazit. «Ich muss zugeben. Ich spüre nicht so richtig, wo er hin will.

Ich kann deswegen noch nicht viel Schlechtes, aber auch nicht so viel Gutes über ihn sagen», sagt Gaby Hintermann, Präsidentin der Basler Schulkonferenz. Andere hingegen haben für den erst 38-jährigen Magistraten lobende Worte übrig. Bildungskommissionspräsident Oswald Inglin (CVP) hebt Cramers Dossierfestigkeit und Kommunikationsgabe hervor. Ihm sei es mit dem neuen Uni-Leistungsauftrag gelungen, die Wogen zwischen der Stadt und Land zu glätten, die vom Vorgänger Christoph Eymann verursacht worden waren.

Brüche in der Karriere

Cramer, das lässt sich bereits jetzt sagen, bringt das vielleicht unterschätzteste Talent eines Basler Erziehungsdirektors mit: Er kann den Ball flach halten. Potenziell lauern viele Feinde auf eine Fehlleistung. Die Medien. Das Parlament. Die Baselbieter. Und natürlich die Lehrer, wobei Cramer mittlerweile von «Lehrpersonen» spricht («nach einem Jahr ist es nun schon so weit mit meiner Political correctness»). Auf sein Verhältnis mit dem Berufsstand angesprochen sagt er: «Da führen Sie mich aber auf dünnstes Eis.» Cramer weiss, dass er jetzt nichts Falsches sagen darf. Deswegen sagt er:«Ich habe grundsätzlich ein positives Bild der Lehrpersonen. Mit ihnen kann man sehr gut diskutieren.» Selbst wollte er aber kein Lehrer werden. Deshalb entschied er sich gegen ein Geschichts- und Deutschstudium und für die Jurisprudenz.

Doch war es nicht auch der äussere Druck, der ihn ins Jusstudium trieb? Es ist eine in Basel weitverbreitete Annahme, dass der Sohn einer geborenen Vischer zur Karriere verdammt war. Bisher hat sich Conradin Cramer ja auch ans Drehbuch gehalten. Bereits mit 20 politisierte er im Riehener Einwohnerrat, mit 2013 stieg er zum Basler Grossratspräsidenten auf. Und zeitgleich etablierte er sich als Wirtschaftsanwalt. Selbstredend in der Kanzlei Vischer.

Cramer selbst sieht sich dennoch nicht als Karrieristen. Er sagt, dazu habe er zu viele Brüche vorzuweisen. Die langfristigen Lohnperspektiven seien beispielsweise in seiner früheren Anwaltskanzlei besser gewesen als in seinem jetzigen Amt. Dies, obwohl er im jetzigen Amt über 300'000 Franken jährlich verdient. Leicht könnte ein Mensch die Bodenhaftung verlieren, der bei einem Monatseinkommen von 25'000 Franken von Lohneinbussen spricht. Aber Conradin Cramer, das attestieren ihm alle, ist nicht entrückt. Er fährt einen Occasion-BMW mit Baujahr 2001, kauft fast nie etwas Materielles und gibt das Geld höchstens für schöne Reisen aus. Zuletzt war er im Herbst zwei Wochen in Japan. Gelegentlich geht er mit seiner Ehefrau auswärts essen. Das ist es aber auch schon mit dem Luxus.

«Ich habe immer Hunger»

Conradin Cramer ist höflich und einnehmend. Freunde sagen, es könne echt lustig sein mit ihm – besonders im Ausgang. Weder ist er so verbohrt wie sein Jugendfreund und FDP-Regierungsrat Baschi Dürr noch so jovial wie SP-Kollege Hans-Peter Wessels. Und obwohl Cramer nach dem frühen Tod seines Vaters als Einzelkind bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist, ist er nicht zum Egoisten geworden. Nur am Esstisch machen sich antrainierte Verhaltensmuster bemerkbar. Meist bedient er sich selbst grosszügig. «Aber ich hab auch immer Hunger», sagt er entschuldigend.

Doch selbst seine deutsche Ehefrau, die er auf einer Kreuzfahrt kennengelernt hat, erkenne in ihm kein typisches Einzelkind. Cramer spricht von einer glücklichen Kindheit. Der frühe Tod seines Vaters habe ihn nicht sonderlich geprägt. Höchstens, dass er schon früh wusste, dass das Leben fragil und endlich ist.

Ansonsten habe er eine unbeschwerte Zeit gehabt. Die Hobbys waren Legospielen, Briefmarkensammeln und Tennis spielen. In der Schulzeit debattierte er gerne mit den Lehrern, und alles nahm seinen Lauf.

Schonfrist ist abgelaufen

Man fragt sich: Wohin wird dieses scheinbar perfekte Gemisch aus Strebertum, Umgänglichkeit und Ehrgeiz Cramer noch tragen? Die Wahl in den Bundesrat ist nahezu ausgeschlossen. Dazu ist er im Gegensatz zu Baschi Dürr, dem diesbezüglich Ambitionen nachgesagt werden, «in der falschen Partei», wie Cramer selbst sagt. Statt der fernen Zukunft will er den Blick auf die unmittelbaren Probleme richten. Bald wird seine Schonfrist ablaufen.

Erste wichtige Entscheide stehen vor der Tür. Ein Grossteil der Basler Lehrer will die Leistungschecks auf der Primarstufe abschaffen. Aus Politikerkreisen werden verstärkt Rufe laut, aus dem sogenannten Passepartout-Konkordat und dem eigenwilligen Fremdsprachenmodell auszusteigen. Und letztlich wird von Cramer auch erwartet, dass er bei der integrativen Schulung auf die Bremse tritt. Besonders die verhaltensauffälligen Schüler seien kaum integrierbar, ächzen die Lehrer.

Nach einem Jahr im Erziehungsdepartement will Conradin Cramer nun die nächste Phase einläuten: die Vertiefung. Das Schöne an der Politik stehe ihm erst bevor, glaubt er. Es sei die Lust, zu gestalten. Dafür muss man dossierfest sein, so seine Überzeugung. Und auch ein Streber, der am Samstagmorgen im Büro aufkreuzt, um liegengebliebene Akten zu wälzen. Mit seinem Image als perfekter Schwiegersohn lässt sich ein solches Arbeitspensum vereinen. Aber was, wenn er dereinst Vater wird? Er selbst sagt, er könne sich Nachwuchs gut vorstellen. Aber nicht alles lässt sich so gut planen wie die Berufskarriere.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1