Die Basler Regierung legt vor, wie sie auf die zunehmenden Probleme bei der Kinderbetreuung reagieren will. Der Ratschlag ans Parlament hat es in sich: Mehr Geld für Eltern, mehr freie Marktwirtschaft, mehr Wahlfreiheit für die Betreuungsplätze. So sieht es der am Mittwoch veröffentlichte Bericht aus dem Basler Erziehungsdepartement vor. 

Herr Cramer, was ist der Grund dafür, dass der Kanton Basel-Stadt sein Kita-System komplett umkrempelt?

Conradin Cramer: Das aktuelle Gesetz ist historisch und stammt aus den Anfängen des 21. Jahrhunderts. Die Kinderbetreuung hat sich seither stark verändert, ist komplexer geworden. Das aktuelle System ist ein undurchsichtiges Gebilde für die Eltern. Gleichzeitig wollen wir die Kinderbetreuung fairer gestalten.

Es ist ein fundamentaler Einschnitt. Wer sind die Gewinner der geplanten Revision?

Das Ziel ist, dass alle gewinnen. Für die Eltern bedeutet diese Revision sicher eine Erleichterung. Einerseits durch die Erhöhung staatlicher Beiträge, das merkt man im Portemonnaie. Andererseits aber auch durch die Vereinfachung des Systems. Verlierer, meine ich, gibt es keine vom Systemwechsel.

Künftig soll nicht mehr unterschieden werden zwischen mitfinanzierten und subventionierten Kitas, letztere werden dem Markt überlassen. Führt das nicht zu Misstönen?

Das Feedback in der Vernehmlassung war sehr unterschiedlich. Klar ist: Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen ist da. Es werden weiterhin gleich viele, wenn nicht gar mehr Kinder in aktuell subventionierte Kitas gehen. Hier gibt es keine Benachteiligung.

Andere mögliche Verlierer sind Eltern von Kindern in subventionierten Kitas mit hohem Einkommen.

Es ist ganz klar das Ziel, dass es keine Verlierer-Familien geben soll, weswegen wir auch zwei Millionen in die Systemumstellung und weitere zwei Millionen in die Erhöhung der Elternbeiträge stecken. Es kann Einzelfälle gut situierter Familien geben, die von der neuen Regelung nicht profitieren. Dafür gibt es aber eine Härtefallklausel. 98 Prozent der Eltern werden aber finanziell profitieren.

Ebenfalls neu ist die Möglichkeit, dass der Staat eigene Kitas führen darf. Eine «ultima ratio»?

Das ist ein sehr wichtiges Instrument. Im Moment haben wir genügend Kita-Plätze und wenn die Nachfrage steigt, eröffnen neue Kitas. Dennoch ist es wichtig, dass der Kanton einschreiten kann. Entweder, indem er Plätze in Kitas reserviert, indem er die Preise reguliert oder indem er in letzter Möglichkeit eigene Kindertagesstätten eröffnen kann.

Sie haben es gesagt, Sie rechnen mit jährlichen Mehrkosten in der Höhe von vier Millionen – bei gleichbleibenden Zahlen betreuter Kinder. In den letzten Jahren kannten diese jedoch nur eine Richtung: steil nach oben. Sind die vier Millionen überhaupt realistisch?

Man darf davon ausgehen, dass die Nachfrage nach betreuten Kindertagesstätten weiterhin ansteigt. Entsprechend werden die Elternbeiträge geben, das ist die Tendenz, ja. Wir gehen aber davon aus, dass diese Kurve irgendwann einen Plafond erreicht. Wann das ist, lässt sich nicht genau abschätzen.

Jetzt kommen diese Ideen als Ratschlag in das Basler Parlament. Wo orten Sie die grössten Knacknüsse?

Ich denke, das wird viel zu diskutieren geben, auch aufgrund der Komplexität. Es wird Ängste geben, dass das neue System zu frei ist. Auf der anderen Seite wird es Stimmen geben, die zu grosse Eingriffe in den Markt befürchten. Wir versuchen, zwischen diesen Sorgen den Mittelweg zu finden.