Er betrat die Basler Modebühne mit einem Knall, im Füglistaller an der unteren Freien Strasse. Die ausladende Holztreppe im Kaufhaus diente als Laufsteg für die Mannequins, die prächtige Abendroben, wattierte Boleros und Hosenröcke unter dem riesigen Kronleuchter zur Schau stellten. Das war 1991, und Raphael Blechschmidt trug dick auf.

Der damals 27-Jährige inszenierte seine erste Modeschau mit viel Pomp, von Understatement keine Spur. Und die Basler kamen. Beobachteten argwöhnisch, wie dieser junge Typ aus Kleinhüningen mit blonder Mähne sein Schaffen inszenierte. «Man sollte mich von Anfang an nicht als Auftragsschneider wahrnehmen. Ich wollte, dass die Leute zu mir kommen wegen meiner Entwürfe. Duplizieren, das liegt mir nicht. Ich wollte und will stets mein eigenes Ding durchziehen.»

Raphael Blechschmidt sitzt an seinem Arbeitstisch im Atelier an der Bäumleingasse, wo er zwölf Mitarbeiter beschäftigt. Spielt mit dem Messband in seinen Händen. «Ich war ein Spinner, gleich an einem Ort wie dem Füglistaller erstmals aufzutreten. Doch ich brauchte Aufmerksamkeit.»

Mittlerweile ist die Mähne weiss und deutlich kürzer. Blechschmidt trägt Jeans und Turnschuhe, lächelt entspannt. Am 2. Dezember feierte er ein Jubiläum: Vor 30 Jahren eröffnete er sein erstes Atelier im Schmiedenhof. In den Anfängen ging es ihm finanziell ziemlich mies; bis er 26 Jahre alt war, wohnte er deswegen bei den Eltern. Die gut betuchte Basler Gesellschaft wollte nichts von den Kreationen wissen, schwelgte lieber in Erinnerungen an Couturier Fred Spillmann, dem viele zu Lebzeiten allerdings auch nicht jene Anerkennung zollten, die er verdient gehabt hätte.

Harte Arbeit

Vor Blechschmidt lag ein langer Weg. Zumal er nicht aus einer besseren Basler Familie stammte; seine Eltern führten das Altersheim Wiesendamm in Kleinhüningen. «Ich musste mir wichtige Kontakte richtig erarbeiten. Es kann ewig dauern, bis der Basler dich akzeptiert.»

Blechschmidt machte das geschickt. Zum Auftritt im Füglistaller kam er durch Freundschaften mit Journalisten, die ihm den Kontakt zum Verein Pro Innerstadt ermöglichten und dieser wiederum die Türen zum Füglistaller öffnete. Die Modistin Maria Hiepler, die seit Jahren ihre Hutkreationen an den Modeschauen von Blechschmidt präsentiert, sagt dazu: «Er wirkte immer sehr fokussiert und interessiert, wollte mit mir zusammen arbeiten, weil er diesen Komplettlook der Haute Couture wollte. Dazu gehörten schicke Hüte.»

Noch heute werden Hieplers Kreationen an den zwei Mal jährlich stattfindenden, durchchoreografierten Modeschauen von Blechschmidt gezeigt, die bei Möbel Rösch über die Bühne gehen. Früher aber liebte es Blechschmidt, an aussergewöhnlichen Orten seine Schauen zu veranstalten. 1994 etwa im Bahnhof SBB, auf den Perrons und vor dem Bahnhofbuffet. Danach initiierte er das Modeforum an der Muba, das ihm einige neue Kundinnen brachte, aber vor allem viel kostete: «Das Wasser stand mir bis zum Hals.»

Heute plagen Blechschmidt solche Geldsorgen nicht mehr. Zwar sei er kein reicher Mann, da er lieber in wertvolle Knöpfe, Posamente und edle Stoffe für zukünftige Kollektionen investiere. Aber nach 30 Jahren scheint er am Zenit seiner Karriere angelangt. Ist eine feste Grösse in der Basler Gesellschaft. Notabene als einer der wenigen verbliebenen Couturiers der Schweiz: Dieser Beruf stirbt aus.

Und trotzdem sind die handgefertigten Kreationen von Blechschmidt sehr gefragt. Er berichtet, dass keine andere Kollektion sich auch nur annähernd so gut verkauft habe wie die aktuelle Herbst- und Winterkollektion. «Ich spüre, dass eine Gegenbewegung stattfindet, hin zu mehr Individualität. Die Labelfixiertheit nimmt ab, davon profitiere ich.» Das habe er kürzlich in Paris beobachtet. Einzelanfertigungen seien da enorm gefragt.

In der Waschküche genäht

Der 54-Jährige zählt mittlerweile neben der berühmten Opernsängerin Olga Peretyatko auch Damen aus dem «Daig» zu seiner Kundschaft, ebenso viele Geschäftsfrauen. Und immer mehr Expats. «Eine davon kauft regelmässig Abendroben ein. Ich habe mich stets gefragt, wann sie die anzieht, weil glamouröse Events wie Bälle in Basel heute dünn gesät sind.» Durch eine Freundin erfuhr er: Der Ehemann der Dame betreut ein Mitglied eines europäischen Königshauses, ist bei allen Anlässen dabei. «Das macht mich schon sehr stolz.»

Stolz wirkt auch Blechschmidts Vater, der gerade das Atelier betritt. Er trägt einen Schal aus der Kollektion von 1996. «Raphael hatte schon mit 10 seinen ersten Norwegerpulli gestrickt.» So habe es ihn nicht erstaunt, als der Sohn sich für die Aufnahmeprüfung der Kunstgewerbeschule anmeldete und bestand. Der Sohn strahlt und erzählt, wie er sich als 16-Jähriger erstmals an die Nähmaschine der Mutter setzte, «in der Waschküche des Altersheims. Ich nähte Hosen aus leintuchartigen Stoffen, noch ohne Schnittmuster».

Klassische Musik als Inspiration

Er nähte sich besondere Kleider für sich selber, etwa einen Smoking mit gekreuzten Flügeln am Rücken, den er an einem Silvesterabend im Theater Basel trug, zur Vorführung des Balletts Schwanensee. «In jungen Jahren fiel ich gerne auf, pflegte das Image des Paradiesvogels.»

Eine Partynudel sei er indes nie gewesen. In den 1980er- und 1990er- Jahren, als in Basel eine aktive Schwulen-Community entstand, tauchte er allerdings gerne in diese Welt ein. «Richtig dazu gehört habe ich aber nie. Ich bin ein Einzelgänger.»

Vor 20 Jahren nahm dieses Dasein ein Ende. In der Schwulenbar Elle & Lui in der Rebgasse begegnete Blechschmidt seiner grossen Liebe Peter Potoczky. Der studierte Opernsänger war von Nürnberg nach Basel gezogen, um einen Job bei der Konzertgesellschaft anzutreten. Durch ihn fand Blechschmidt den Zugang zur klassischen Musik. «Wir lagen manchmal stundenlang auf dem Fussboden und lauschten den Opern; Giulio Cesare von Händel war eine unserer liebsten.»

Es sind Opern und Konzerte, die Blechschmidt zu Neuem inspirieren. Und wichtige Kontakte bringen, etwa zu Peretyatko. Als Präsident der «Freunde des Symphonieorchesters» hat er die Sängerin an einem Galadinner kennen gelernt. «Ausserdem haben mein Partner und ich unsere Netzwerke geschickt miteinander verknüpft. Er organisiert Kulturreisen, durchaus auch mit Kundinnen von mir. Umgekehrt funktioniert das ebenso.»

Noch heute versteht es der Couturier, sich die Kontakte zu erarbeiten, damit sein Kundenstamm nicht ausstirbt: «Ich möchte nämlich noch lange nicht aufhören.» Und auch heute noch kommt es vor, dass er mit Potoczky als Paradiesvogel durchgeht, etwa, wenn die beiden im glamourösen Partnerlook an einem Event auftreten – und dabei für Tuschler sorgen. Ein bisschen knallen muss es immer noch.