Integration
Crashkurs «Typically Swiss» zeigt Ausländern, wie Schweizer ticken

Kathy Hartmann-Campbell fragt ihre Gäste, welches Bild sie bisher von der Schweiz gewonnen haben. Auch wenn es den typischen Schweizer nicht gibt: Viele der Ausländer fragen sich, wie sie Schweizer kennenlernen können.

David Egger
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Kathy Hartmann-Campbell Dozentin an den «Typically Swiss»-Abenden in Basel.

Kathy Hartmann-Campbell Dozentin an den «Typically Swiss»-Abenden in Basel.

bz Basel

Sie war geschockt: Als Kathy Hartmann-Campbell 1983 in Basel ein Arbeitszimmer mieten wollte, durfte sie den Mietvertrag nicht ohne ihren Mann unterschreiben – ganz gemäss dem damaligen Schweizer Eherecht.

Doch Hartmann-Campbell überlebte den Kulturschock. Mehr als das: 1982 war sie wegen eines Schweizers von den USA nach Basel gezügelt. Heute spricht sie Schweizerdeutsch und erklärt Ausländern in Basel auf Englisch, wie Schweizer ticken und was sie von jenen erwarten, die hier sesshaft werden. 26 Ausländer erschienen am Mittwoch im Zunftsaal am Rümelinsplatz 4. Sie stammen zum Beispiel aus den USA, Israel, Russland und Peru.

Käse, Entsorgung, freier Sonntag

Hartmann-Campbell fragt die Gäste, welches Bild sie bisher von der Schweiz gewonnen haben. Einer lebt schon seit Geburt hier, andere seit zwei Wochen. Die meisten wissen nicht, wie lange sie hierbleiben. Die Liebe zum Käse wird als Erstes genannt. Zudem sei die Müllentsorgung knifflig und der öffentliche Verkehr super. Viele waren erstaunt, als sie merkten, dass die meisten Läden am Sonntag geschlossen sind. «In Texas kannte ich das nicht», sagt ein Amerikaner, der ursprünglich aus Bangladesch kommt. Zudem seien die Schweizer ruhige Menschen. «Ausser die Fussballfans», sagt ein Australier.

Hartmann-Campbell muntert die Einwanderer dazu auf, politisch inkorrekt zu sein, auch Negatives aufzuzählen. Die Schweizer seien gut organisierte Perfektionisten, in deren Land es zu viele Regeln gibt, heisst es darauf. Hartmann-Campbell kontert: «Regeln sind der Klebstoff, der dieses Land zusammenhält.» Und ohne Regeln gebe es nun mal keine Sicherheit. Und ohne perfekte Qualität keine hohen Löhne. «Sie können nicht nur die Hälfte des Pakets haben», so Hartmann-Campbell.

Apropos Sicherheit: Einen Kulturschock hatten viele der Expats, als sie kleine Kinder alleine auf dem Schulweg sahen. Zu gefährlich! Hartmann-Campbell sagt: «Das ist die Schweizer Art, schon früh Zuverlässigkeit und Selbstständigkeit zu lernen. Schicken auch Sie die Kinder auf den Schulweg. Sonst denken die Schweizer: ‹Diese Ausländer sollen endlich begreifen, dass die Schweiz ein sicheres Land ist.›»

Ob Schokolade, Pünktlichkeit oder Banken: Auch die Klischees kommen zur Sprache. Ganz bewusst, denn: «Ich will nicht Stereotype verbreiten. Aber man muss generalisieren, damit die Neuankömmlinge sich vorstellen können, wie der typische Schweizer tickt, auch wenn es den gar nicht gibt», erklärt Kathy Hartmann-Campbell. Das «Typically Swiss» wird deshalb auf den Flugblättern von Ausrufe- und Fragezeichen begleitet.

Die Ausländerberatung der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel organisiert den Crashkurs, die kantonale Fachstelle für Diversität und Integration finanziert ihn über Projektförderungsgelder mit.

Auch wenn es den typischen Schweizer nicht gibt: Viele der Ausländer fragen sich, wie sie Schweizer kennenlernen können. Auch deshalb, weil einige Expats in der Pharmabranche arbeiten und dort bei der Arbeit ausschliesslich mit Ausländern zu tun haben.

Wie punkten bei Schweizern?

Doch Hartmann-Campbell hat Tipps: «Wer neu in einen Block oder ein Quartier zieht, soll alle Nachbarn, die in Hör- oder Sichtweite wohnen zum Apéro einladen.» Ein Apéro? Das ist kaum jemandem ein Begriff – vom Apéro riche ganz zu schweigen. Doch an Apéros lernt man die Schweizer kennen. Dort kann man sich auch im richtigen Händeschütteln üben, bei dem man dem Gegenüber in die Augen schaut. Und man trinkt Schweizer Weisswein. «Es ist obligatorisch, diesen beim Apéro anzubieten», sagt Hartmann-Campbell, «ausserdem müssen die Snacks nicht aufwendig sein. Aber wenn Sie Häppchen aus Ihrer Heimat auftischen, gewinnen Sie Bonuspunkte.»

Auch wie Schweizer telefonieren, thematisiert Hartmann-Campbell. Man solle nicht einfach «Hallo?» sagen, sondern sich mit dem Nachnamen melden. «Schweizer sind Weltmeister darin, sich diesen Namen zu merken, damit sie ihn bei der Verabschiedung wieder sagen können. Ein Tipp: Halten Sie beim Telefon einen Zettel bereit, um sich den Namen jeweils aufzuschreiben.» Der Gesprächspartner merkt das nicht, wird sich aber freuen, dass man seinen Namen noch weiss.

Auch die Sprache soll man lernen und die Znüni-, Zvieri- und Zmittagpause verinnerlichen. Vor allem der Zmittag sei wichtig, sagt Hartmann-Campbell: «Essen Sie nicht alleine vor dem PC. Sonst denken Ihre Schweizer Kollegen, Sie seien asozial oder hätten Ihr Zeitmanagement nicht im Griff.»

Die «Typically Swiss»-Abende werden auch in Deutsch angeboten. Dort erscheinen jeweils mehr Personen, als sich angemeldet haben. Manchmal über 80 Leute. Auch für den Mittwoch hatten sich 80 Leute angemeldet – erschienen sind nur 26. Das ist auch dann so, wenn gerade kein Champions-League-Spiel ist. Ein kultureller Unterschied also. «Die menschliche Standardreaktion auf einen kulturellen Unterschied ist es, ihn zu verurteilen. Versuchen Sie immer, die Unterschiede als Unterschiede zu akzeptieren», gibt Hartmann-Campbell den Ausländern mit auf den Weg. «Denn wir sind alle Botschafter einer Kultur und können zu einer Welt des Friedens beitragen.» Ein Rat, der für alle gilt.

Vorträge wie den «Typically Swiss»-Abend bietet die Ausländerberatung auch Migrantenorganisationen an. So profitieren zum Beispiel eritreische oder salvadorianische Vereine davon.