Im französischen Vokabular gibt es das Wort Croupière, weibliche Form von «Croupier», nicht. Denn traditionellerweise ist der Croupier, zentrale Figur am Casino-Spieltisch, ein Mann. Keine Frau.

«Croupière»? Michèle Wilhelm war eine der seltenen Ausnahmen. Mit 26 zieht es die gebürtige Berlinerin in die Glitzerwelt des Spielcasinos. In Deutschland ist sie eine der vier Frauen, die das Zepter am Spieltisch schwingen dürfen. «Ich war die völlige Exotin. Spieler wie Kollegen konnten es nicht fassen, dass da eine Frau war. Aber ich wollte das unbedingt machen.»

Sechs Jahre macht sie diesen Job, arbeitet sich hoch. Langweile macht sich breit. Mit 36 beginnt sie neben ihrem Volljob als Croupier ein Psychologiestudium an der Uni Bremen. Doch diesmal steht nicht die Glitzerwelt, sondern die Schattenseite des Casinos im Vordergrund. Thema ihrer Diplomarbeit: Spielsucht, Früherkennung, Prävention. Gleichzeitig bildet sie in einem Casino Mitarbeiter zu diesem Thema aus und entwickelt Sozialkonzepte.

Ein Spagat

2002 landet Wilhelm in Basel. Dort ist gerade das Casino an der Flughafenstrasse in Planung. Das Gesetz schreibt eine Fachperson für Suchtprävention und -erkennung vor. Frau Wilhelm mit ihrer Erfahrung ist die perfekte Besetzung. «Es war eine unglaublich lehrreiche Zeit, wir waren ein tolles Team, es war ein Aufbruch.» Ganze neun Jahre hat sie als Mitglied der Geschäftsleitung bei Roulette, Black Jack oder Poker für Umsatz in Millionenhöhe zu sorgen. Und gleichzeitig muss sie das Sozialkonzept umsetzen, das unter anderem die Früherkennung und Vermeidung von Spielsucht beinhaltet – ein Spagat.

«Einem Spielsüchtigen sieht man erst im Casino an, ob er süchtig ist. Wenn überhaupt. Im Gegensatz zu einem Alkoholiker oder anderen Drogensüchtigen, deren Sucht je nach dem einfach zu erahnen ist.» Um Spielsucht zu erkennen, muss man die Gewohnheiten des Gasts kennen. Wenn Einsätze immer höher werden oder er immer öfter im Casino auftaucht, gelte es, den Gast auf schonende Weise anzusprechen. «Eine schwierige Sache.»

Kleidersucht

Nach und nach gerät sie selbst in eine Krise. Auf der einen Seite muss sie Umsatz machen, auf der anderen dafür sorgen, dass Menschen nicht abstürzen, sich nicht verschulden, die Familie gefährden. Als Modefreak kompensiert sie mit überbordendem Kleiderkauf, schwankt zwischen Rastlosigkeit und Niedergeschlagenheit, ist dauernd unterwegs. Verschiedene Schicksale von Süchtigen liessen sie zur Zweiflerin werden. «Ich habe es nicht mehr auf die Reihe gekriegt und musste aufhören.»

Ein Haus mit Seele

Doch es tut sich zur richtigen Zeit eine neue Tür auf – eine Haustür, gewissermassen. Nach und nach kann sie die Wohnungen in dem von ihr jahrelang bewohnten Haus in Saint-Louis übernehmen. «Das Haus hat auf mich eine ganz besondere Anziehungskraft», sagt sie und fährt weiter: «Und umgekehrt scheint dieses Haus Erwartungen an mich zu haben.»

Tatsächlich hat das Jugendstilhaus etwas Verwunschenes, fast Unheimliches an sich. Sind es die Façon-Türmchen, die Fenster, die Bäume ringsum, die Geschichten von früher erzählen? Die Remise, wo früher Pferde und Kutschen untergebracht waren? Der kopfsteingepflasterte Hof, in dem man mit etwas Fantasie noch immer Pferdegetrappel zu hören glaubt? Ja, das Haus hat Geschichte. Es gehörte einem Fuhrhalter namens Morand, der hier in Saint-Louis in den Zwanzigerjahren das Haus bauen liess – angeblich als Kopie der Villa, die er zuvor in Berlin sein Eigen nannte. «Dass das Vorbild in meiner Heimatstadt steht, macht mich natürlich glücklich.»

Bed and Breakfast

Zusammen mit ihrem Partner Raphael Reinhard führt sie seit knapp einem Jahr ein Bed & Breakfast. Die riesigen Zimmer haben sie meist in Eigenleistung renoviert, sie sind wunderschön geworden. Der Erfolg hat sich rasch eingestellt. Nicht nur kommerziell, sondern auch sozial. «Die Gäste kommen sofort miteinander in Kontakt. Interessanterweise auch Geschäftsleute. Sie merken, das ist ein besonderer Ort. Wir waren während der Baselworld und der Art voll ausgebucht. Spontan haben Gäste zusammen Ausflüge unternommen und einander geholfen, wenns ein Problem gab. Etwa, als jemand zum Arzt gehen musste.»

Irgendwie passt jetzt alles, findet sie. Die Nähe zu Basel – direkter Bus zur Schifflände (15 Minuten) und zum Flughafen (drei Minuten zum Terminal) sei eine unglaubliche Chance. Das Haus hört auf den Namen «Villa 12», in Anlehnung an die Adresse «12, Rue de Village Neuf».

Seit Kurzem ist auch der alte Rossstall mit Garage wintersicher. Er kann für Geburtstage, Hochzeiten, Firmenevents, etc. gemietet werden. An einigen Abenden veranstaltet Michèle Wilhelm Fondue-Essen (8. 1., 22. 1., 5. 2.) und einen kleinen Sonntagsmarkt.

Übrigens: Croupier-Frauen gehören mittlerweile zum «normalen» Bild. Der Croupier im James-Bond-Film «Casino Royale» ist eine Frau.

www.villa12.ch