Offiziell steht die CVP geschlossen hinter dem bürgerlichen Viererticket mit FDP, LDP und SVP. Bei der Basis bestehen aber teilweise grosse Vorbehalte gegenüber dem Schulterschluss – namentlich mit der SVP. «Eine Partei, die so mit Andersdenkenden umgeht und ein Gemeinwesen so reinreitet, wie die SVP das mit der Masseneinwanderungsinitiative getan hat, kommt für mich nicht infrage», sagt Martin Oberholzer. Der 70-Jährige, der im Wahlkreis Basel-Ost für den Grossen Rat kandidiert, ist ein CVP-Urgestein. Insgesamt vier Mal wurde er bereits für die Partei ins Basler Parlament gewählt, erstmals 1976. Zwei Jahre war er Fraktionspräsident, drei Mal schrieb er das Parteiprogramm für die Legislatur mit. Mit der aktuellen Politik seiner Partei hat der frühere Pathologieprofessor jedoch Mühe. «Ich kann meine Parteileitung nicht verstehen.» Der SVP gehe es nur um Machtgewinn, nicht um eine konstruktive bürgerliche Zusammenarbeit – «und niemand durchschaut das».

Doch Oberholzers Kritik geht noch weiter: Den Wahlkampf des bürgerlichen Vierertickets bezeichnet er als «Sauglattismus»: «Statt über Sachpolitik zu diskutieren und zu erklären, was eine bürgerliche Politik anders machen will, werden die Kandidaten in lächerlichem Umfeld präsentiert. Das ist reiner Populismus und für mich nicht glaubwürdig sondern unehrlich.» Auch FDP-Regierungsrat Baschi Dürr werde er auf seinem Wahlzettel nicht ankreuzen, sagt Oberholzer: «Angesichts der aktuellen Skandale bei der Polizei wage ich zu behaupten: Der Fisch stinkt vom Kopf.» Wenn man von Dürr etwas höre, seien es immer nur Reaktionen: «Er beherrscht seine Arbeit nicht, hat zu wenig Sachkenntnis und keine Fantasie oder Kreativität. Für mich ist er keine Führungsperson», sagt Oberholzer, der es im Militär bis zum Oberst der Sanitätstruppen brachte.

Noch voll im Berufsleben

Auch mit mittlerweile 70 Jahren ist Oberholzer noch voll aktiv. Er arbeitet für den Bund und ist mitverantwortlich für die Aus-, Weiter- und Fortbildung der Militärärzte in Absprache mit zivilen Rettungssanitätern. Dass er überhaupt nochmals für den Grossen Rat kandidiert, ist Zufall. Zwei Tage bevor die Kandidatenlisten abgegeben werden mussten, klingelte das Telefon. Die Partei suchte händeringend nach Ersatz, weil zwei Personen abgesprungen waren. «Jemanden in Not lässt man nicht im Stich», sagte sich Oberholzer und erklärte sich bereit, die Lücke zu füllen. Schon beinahe ein Déjà-vu. Auch als er vor mittlerweile 40 Jahren zum ersten Mal in den Grossen Rat gewählt wurde, hatte er eigentlich nur als Listenfüller zugesagt.

Oberholzer stammt aus Gossau im Kanton St. Gallen – «CVP-Land», wie er sagt. Eine andere Variante gab es nicht: Die Schulhäuser waren nach Konfessionen getrennt, «und am Sonntag sind um 9.30 Uhr die CVP-Leute in den Gottesdienst gegangen, um elf die von der FDP.» Im Alter von 20 Jahren kam er 1966 erstmals für zwei Wochen nach Basel, um die eidgenössische Maturitätsprüfung abzulegen. Die Affinität zur Stadt blieb. Nach den ersten Jahren an der katholischen Universität Fribourg studierte er schliesslich Humanmedizin in Basel. «Das war eine andere Welt – ein Teig und ich war der Ausländer», erinnert sich Oberholzer, der noch immer mit starken Ostschweizer Dialekt spricht. Anschluss fand er über die katholische Gemeinde, so lernte er auch seine Frau kennen.

Wahl war ein Versehen

Als dann die Partei anklopfte, schrieb er gerade an seiner Habilitation, war im Militär aktiv und hatte zwei kleine Kinder. «Ich wollte sicher gehen, dass ich nicht aus Versehen gewählt würde.» Die Antwort der Parteileitung: Das Risiko sei kleiner, als auf dem Fussgängerstreifen angefahren zu werden. In den Wahlkampf habe er «keine 20er-Briefmarke» investiert. Als Oberholzer aber am Mittwoch nach dem Wahlsonntag in der Zeitung seinen Namen suchte, fand er diesen nicht wie erwartet unter «Stimmen erhielten weiter» sondern bei den Gewählten. Zuerst wollte er die Wahl ablehnen, «aber wenn eine Aufgabe ansteht und man verpflichtet ist, muss man sich dem stellen».

Und schnell entdeckte Oberholzer auch seine Faszination für Politik. Ausser einer obligatorischen Zwangspause nach drei Legislaturen blieb Oberholzer bis 1993 im Grossen Rat. Erst als er neben seiner Professur am Institut für Pathologie noch als interimistischer Leiter der Universitäts-Frauenklinik angefragt wurde, trat er aus dem Parlament zurück. Danach herrschte Funkstille: «Seit ich aus dem Grossen Rat zurückgetreten bin, wurde ich behandelt wie ein normales Mitglied», sagt er. Dabei sei für ihn das Projekt Politik nicht einfach abgeschlossen gewesen. Die Jungen wollten jeweils das Rad immer neu erfinden. «Ich kann nicht verstehen, warum man die Erfahrung der alten Polit-Füchse nicht mehr nutzt.» Wenn er gewählt werden sollte, «ginge ich voll an die Säcke». Zumal seine Schwerpunkte Gesundheit und Bildung genauso aktuell sind wie vor 40 Jahren.