Weihnachten

«Da bricht eine ganz andere Wirklichkeit in die Realität dieser Welt herein»

Konrad Witz (um 1400 - um 1445/1447) und Werkstatt: Die Geburt Christi, Kunstmuseum Basel, Inv. 1590, Depositum der Gottfried-Keller-Stiftung.

«Die Geburt Christi» ist ein Altarbild aus der Werkstatt von Konrad Witz (um 1450), das vermutlich Teil des Hochaltars der Klosterkirche Klingental war. Es steht auf einem Sockel in der Altmeisterabteilung im 1. Stock, Raum 2, des Kunstmuseums Basel.

Konrad Witz (um 1400 - um 1445/1447) und Werkstatt: Die Geburt Christi, Kunstmuseum Basel, Inv. 1590, Depositum der Gottfried-Keller-Stiftung.

Als die meisten Menschen noch nicht lesen und schreiben konnten, war es Aufgabe von Bildern, die heiligen Geschichten zu erzählen. Industriepfarrer Martin Dürr «liest» für uns das mittelalterliche Bild von Christi Geburt aus dem Kloster Klingental.

Das Erste, was mir auffällt: Maria steht im Zentrum. Durch ihren riesigen Mantel wirkt sie zunächst sehr gross. Das Zweite ist dann der Stall mit den Löchern im Dach. Er sieht fast ein wenig nach einem Provisorium aus, nach einem vom Sturm zerrütteten Party-Zelt. Viel Schutz gibt dieser Stall nicht mehr.

Dann fiel mein Blick auf das Kind, das da sehr nackt, sehr verletzlich auf einem dünnen Tuch am Boden liegt. Ich kann mir vorstellen, dass unter dem riesigen Mantel von Maria ein Stück Schutz, Geborgenheit und Wärme vorhanden ist. Doch dieses Kind liegt auch noch ausserhalb des zerbrechlichen Stalls. Es ist, wie wenn sogar der allerletzte, mögliche Schutz weg wäre. Die drei Engel rund um das Kind herum sind sehr klein, im Vergleich zu Maria ohnehin, aber auch im Vergleich mit dem Kind. Sie haben etwas Selbstvergessenes. Sie sind ganz in der Anbetung, staunen vielleicht selbst, einer mit einem Buch, vielleicht einem Buch mit Lobliedern. Der eine Engel hat einen Schmuck auf der Stirn. Es könnte sein, dass es ein Diadem mit einem Kreuz ist, das andeutet, dass dieses Kind verletzlich ist und ganz am Schluss tödlich verletzt werden und sterben wird – wieder an einem Balken, der gleich rau ist wie die wenigen, die man auf dem Bild das Dach tragen sieht.

Es gibt einen starken Kontrast zwischen dem golden leuchtenden, brennenden Himmel und der Erde. Das Leuchten kommt nur im Heiligenschein von Maria und dem Jesuskind vor. Selbst durch das Dach sieht man den Himmel glühen. Es sieht aus, als würden die Ornamente sogar in den Stall hineingreifen. Da bricht eine ganz andere Wirklichkeit ein in die Realität von dieser Welt.

Josef steht mit einem Fuss ausserhalb des Stalls. Es kommt mir in den Sinn, dass die Familie kurz danach flüchten muss, vor einem üblen König, der alle frisch geborenen Buben umbringen lässt. Josef sieht aus, als wäre er bereit zum Aufbrechen und weniger wie ein Vater, der sich über die Geburt eines Kindes freut.

Im Hintergrund ist der Engel zu sehen, der vom Himmel kommt und die frohe Botschaft den Hirten erzählt, die als Erste davon erfahren. Das waren Ausgestossene ohne sozialen Status. Sie erfahren als Erste davon und müssen vor all dem Leuchten ihre Augen mit den Händen bedecken. Der Engel, der laut Lukas-Evangelium nur einen Satz sagt, sieht aus, als würde er diesen Satz ablesen: «Fürchtet Euch nicht, denn ich verkünde Euch eine grosse Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist Euch in der Stadt Davids der Retter geboren worden. Er ist der Messias, der Herr.» Vielleicht glaubt der Engel selbst fast nicht, was er den Hirten als Bote von Gott erzählt, dass nämlich der Sohn des Höchsten so verletzlich in dieser Welt der Menschheit anvertraut wird.

Dann hat es Tiere. Ochs und Esel stehen da, davon steht nichts in der Weihnachtsgeschichte, das stammt aus dem Alten Testament. Selbst Ochs und Esel kennen ihren Herrn, aber das Volk Israel kennt seinen eigenen Gott nicht mehr. Schon früh in der Tradition stehen deshalb ein Ochs und ein Esel beim Jesuskind. Die beiden sind übrigens in einem Stall, der besser erhalten aussieht als der Stall der Heiligen Familie. Dann hat es Tiere draussen auf dem Feld, der Hirtenhund und eine Schafherde. Was mir da besonders aufgefallen ist: Es hat ein schwarzes Schaf in der Herde, das etwas abseits steht. Es wird immerhin von den weissen Schäflein nicht rausgekickt.

In diesen Wochen hörte man täglich von Untaten, welche in Politik und Wirtschaft begangen werden. Ich finde es schlimm, was da passiert. Ich finde es aber ebenso schlimm, wenn ganz schnell die Suche nach den Sündenböcken und schwarzen Schafen losgeht. Meine Frage dazu ist: Warum soll überhaupt noch jemand Verantwortung übernehmen? Wir kommen in ein Klima, in dem Verantwortung tragende Menschen vor allem damit beschäftigt sind, keine Fehler zu machen. Das Bild ist für mich deshalb eine Illustration dafür, dass Gott ein riesiges Risiko eingeht: Er liefert sich verletzlich der Menschheit aus.

Die Amphore am Boden ruft mir ein Bonmot von Trappatoni in Erinnerung: «Flasche leer.» Wo ist noch etwas, das einen nähren kann, worauf man vertrauen kann? Das, was der Mensch bieten kann, ist ausgeschöpft. Was Zukunft hat, das ist dieses Kind. Von ferne kann man da auch ans Abendmahl und an die Eucharistie denken, wo der Hunger auf ganz andere Art gestillt wird. Es geht da eher um den Hunger nach Liebe und Gerechtigkeit.

Die göttliche Gerechtigkeit ist eine ganz andere: Sie nimmt das Leiden auf sich, während die Menschen Steine werfen auf andere. Das ist zerstörerisch und macht die Menschen kaputt. Es ist nichts, was wärmt, was ein Feuer in Gang bringt. Ich glaube, dass unsere Zeit dringend die Wärme, die Farben, die da im Himmel sind, für alle Menschen, für alle Wesen, auch für die Tiere, benötigt.

Ganz weit hinten sehe ich ein kleines Dorf. Das könnte irgendwo im Jura sein, einer Schweiz, wie man sie sich heute noch gerne vorstellt. Ganz weit ausserhalb davon ist dieser Stall mit der Heiligen Familie. Wenn wir uns heute bloss darauf konzentrieren, die verlorene Idylle zu retten, wird das göttliche Licht nicht einbrechen. Der brennende Himmel, das Farbenmeer, bricht eben gerade da ein, wo keine Idylle ist, wo es Löcher hat im Dach und die Familie bald fliehen muss, wo es ausgestossene Hirten hat und keine Würdenträger.

Aufgezeichnet von Matthias Zehnder
*Martin Dürr ist reformierter Pfarrer am Pfarramt für Industrie und Wirtschaft BS und BL.

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