Herr Goepfert, was waren für Sie die Höhepunkte in Ihrem Jahr als Grossratspräsident?

Daniel Goepfert: Emotionaler Höhepunkt war der Besuch des amerikanischen Juden Sami Rohr, der im Zweiten Weltkrieg von einer Basler Familie aufgenommen wurde und so dem sicheren Tod in einem Konzentrationslager entkam. Ich schlug Rohr im Vorfeld vor, im Rathaus empfangen zu werden. Der Empfang war sehr bewegend. Kurz darauf starb Rohr. Es kommt mir so vor, als wollte er mit dem ersten Besuch in Basel nach 67 Jahren einen Kreis schliessen.

Sie sagten im Vorfeld, dass Apéros nicht Ihr Ding seien. Nun gab es aber in diesem Jahr einige davon.

Das ist so. Für mich bereichernder waren aber jene Anlässe, an denen ich auch wirklich etwas sagen konnte. Zum kurdischen Neujahrsfest, das sehr beeindruckend war, machte ich Vorschläge, wie aus meiner Sicht die Integration zu verbessern wäre. Dass es zum Beispiel für einen jungen, hier geborenen Mann wichtig in seiner Berufslaufbahn sein kann, dass er gut Schweizerdeutsch redet. Bei den Zünften warb ich dafür, dass sie Frauen aufnehmen. Das löste im Saal einiges Gehüstel aus. Ich sagte darauf: «Das ist sicher wegen der Zigarren, die Sie gerade rauchen.»

Nicht bloss Grussworte zu überbringen, sondern als höchster Basler auch eine Botschaft vermitteln. Das klingt nach hohem Aufwand.

Das Grossratspräsidium ist ein anstrengendes und zeitlich aufwändiges Amt, ungefähr ein 50-Prozent-Job. Aber ich habe es immer gerne gemacht. Ich weiss, in Basel sollte man ein gewisses Leiden demonstrieren bei den Pflichten, die man ausführt. Das ist nicht mein Ding. Ich war mit grosser Lust und Freude Grossratspräsident.

Bei Amtsantritt sagten Sie uns, dass Sie bei Ausfälligkeiten im Rat intervenieren würden. Mein Eindruck ist, dass Sie gar nicht so oft einschreiten mussten.

Am Anfang reagierte ich schnell und wies einige Kollegen zurecht, was mir - lustigerweise vor allem aus eigenen Reihen - den Vorwurf einbrachte: «Musstest Du jetzt bereits einschreiten?» Ich glaube, das hat präventiv gewirkt.

Wie hat sich die politische Kultur im Grossen Rat entwickelt?

Ich habe ein sehr gutes Bild vom Parlamentsbetrieb. Es ist mehr als auch schon der Fall, dass man dem politischen Gegner zuhört und sich überlegt: «Weshalb sagt er das? Ist an seiner Meinung vielleicht etwas dran?» Ich beobachte eine gewisse Einsicht, dass man in unserem 37 Quadratkilometer kleinen Stadtkanton keine politischen Gräben ausheben kann. Das können wir uns bei allen Kontroversen schlicht nicht leisten.

Ab 1. Februar wird der Rechtsaussen Eric Weber im Parlament politisieren. Das sorgt für Nervosität. Was raten Sie Ihrem Nachfolger?

Das Wichtigste ist Gelassenheit. Eric Webers Auftritt im Wahlforum am 28. Oktober war unschön. Ich sehe aber keine Anzeichen dafür, dass sich dies im Grossen Rat wiederholt. Ich habe ihn an einer Veranstaltung zur Einführung der neuen Parlamentarier gesehen. Er ist dort nicht negativ aufgefallen. Selbstverständlich ist Einschreiten angebracht, sollten Eric Weber oder auch andere die Würde des Parlaments verletzen. Die politischen Inhalte, für die Weber eintritt, sind für mich sehr unerfreulich. 2000 Wähler im Kleinbasel haben in ihrer unergründlichen Weisheit beschlossen, ihn zu wählen. Das ist nun mal so.

Die Art, wie Sie die Grossratssitzungen geleitet haben, wird reihum gelobt: Speditiv und gleichwohl mit Humor. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Das ist mir jetzt fast etwas peinlich zu sagen. Aber ich glaube, man muss die Menschen gerne haben. Das heisst nicht, politische Differenzen zu verwischen oder alles zu akzeptieren an Verhaltensweisen.

Blicken wir auf Stationen Ihres Präsidentenjahres zurück: Sie haben ein Treffen der beiden Parlamente beider Basel zum S-Bahn-Herzstück vorgeschlagen. Der Landrat wollte davon allerdings nichts wissen.

Schade, dass das nicht geklappt hat. Und ich habe es auch nicht ganz begriffen. Mir wurde entgegnet, es gebe noch andere Themen als das Herzstück, zudem sei dieses nicht entscheidungsreif. Dazu sage ich: Im Moment, wo dieses Projekt entscheidungsreif auf dem Tisch liegt, brauchen die beiden Parlamente nicht mehr zusammenzusitzen. Dass es noch andere Themen gäbe, bestreite ich nicht. Gescheitert ist es wohl an der Angst davor, im Rahmen der Fusionsdiskussionen irgendwelche Präjudizien zu schaffen. Ich möchte aber auch betonen: Diese verpasste Chance hat in Basel keine Wunden geschlagen.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Ihren Baselbieter Kollegen?

Die Büros der beiden Parlamente treffen sich regelmässig. Das gegenseitige Einvernehmen ist ausgezeichnet. Aber in der Frage der bikantonalen Zusammenarbeit ist noch sehr viel zu tun.

Im Sommer wurden Sie dafür kritisiert, am Marsch der Sans-Papiers teilgenommen zu haben. Was sagen Sie mit einigen Monaten Abstand zur Kritik, die gar in einer Rücktrittsforderung gipfelte?

Bis zu einem gewissen Grad habe ich Verständnis für die Kritik. Die Sans-Papiers sind eine Randgruppe, sie haben die Grenze ohne Papiere überquert - obwohl der Grenzübertritt im Schengen-Raum grundsätzlich kein Problem darstellt. Ich rechnete im Vorfeld mit Reaktionen auf meine Teilnahme. Dass sie derart heftig ausfielen, hätte ich allerdings nicht gedacht. Man muss auch sehen: Diese Delegation ist auf ihrem Marsch quer durch Europa auch von deutschen oder französischen Bürgermeistern empfangen worden. Und es war mir wert, hier anzuecken, um auf die prekäre Situation der Sans-Papiers aufmerksam zu machen.

Ihre Teilnahme am Marsch der Sans-Papiers hat eine Grundsatzdebatte ausgelöst: An welchen Anlässen kann, soll, darf ein Parlamentspräsident teilnehmen?

Ich habe mir dazu natürlich meine Gedanken gemacht. Von fundamentalistischen, extremistischen oder rassistischen Gruppierungen hätte ich mich sicher nicht einladen lassen. Die Teilnahme am Marsch der Sans-Papiers war sicher ein Spezialfall, aber aus meiner Sicht einer, der sich rechtfertigen liess. Ich habe dazu übrigens eine lustige Anekdote: Ich war zwei Tage später an einem Apéro der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich eingeladen, an dem sich alle Generalgouverneure im Basler Zoo trafen. Am Eingang stand ein bekannter Basler und sagte: «Gälle Si, Herr Goepfert, das ist schon etwas anderes hier als bei den Sans-Papiers.» Spontan antwortete ich: «Weshalb? Die BIZ bezahlt ja auch keine Steuern.» Normalerweise kommen einem solche Antworten ja erst im Nachhinein in den Sinn.

War das Grossratspräsidium der Höhepunkt Ihrer Polit-Karriere?

Dieses Amt hat einen grossen Vorteil: Man hat zwar nicht viel Macht im eigentlichen Sinne, ist aber überall dabei und kann etwas mitreden. Und nach einem Jahr, bevor es an die Substanz geht, ist es auch wieder vorbei. Ich freue mich, mich ab Februar wieder der Tätigkeit im Grossen Rat zu widmen. Ich habe gut zehn Vorstösse in der Pipeline, die ich als Präsident nicht lancieren konnte.

Sie sind jetzt 55. Werden Sie nochmals in einen Nationalratswahlkampf steigen?

Das schliesse ich nicht aus. Aber da müssen Sie mich 2015 nochmals fragen. Vorerst freue ich mich wie gesagt darauf, auf lokaler Ebene wieder pointierter politisieren zu können. Das liegt mir.

Wer soll nach dem Rücktritt von Martin Lüchinger neuer SP-Präsident werden?

Im Sinne der Bekenntnis zur Frauenförderung und Gleichstellung in der Partei wäre es jetzt sinnvoll, eine Frau käme an die Spitze der Partei.

Ihre persönliche Favoritin?

Wir haben einige gute Frauen in unseren Reihen. Ich persönlich favorisiere Sarah Wyss. Sie würde Power, Frische und vielleicht auch mal etwas Unvorhergesehenes in die Partei bringen. Ich traue ihr den Rollenwechsel von den Juso zur «grossen» SP zu. Sarah Wyss ist intelligent.