Novartis
Daniel Vasella kämpft für sein Pfahlbauerdorf im Kanton Zug

Wegen Beschwerden bleibt das Novartis-Projekt für ein Ausbildungszentrum am idyllischen Seeufer von Risch (ZG) blockiert. Eine neue Erfahrung für Novartis-Lenker Daniel Vasella.

Iso Ambühl
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Auditorium: Alle Bauten sollen in den Baumkronen der Seeuferlandschaft «verschwinden».

Auditorium: Alle Bauten sollen in den Baumkronen der Seeuferlandschaft «verschwinden».

Zumthor/ZVG

Seit seinem Rücktritt als Konzernchef vor zwei Jahren tritt Novartis-Verwaltungsratspräsident Daniel Vasella (59) nur noch selten in der Öffentlichkeit auf. Über die Gründe witzeln Manager der Konkurrenz: Vasella widme sich ganz der Planung eines neuen «Corporate Learning Center» des Konzerns in der Zuger Gemeinde Risch, was er bequem von seiner Villa aus machen könne. 1998 ist der Novartis-Lenker von Binningen in die Steueroase Risch gezogen.

Das idyllische Gut Aabach, wo dereinst das neue Novartis-Ausbildungszentrum stehen soll, liegt just neben dem Anwesen Vasellas, der auch am Gut persönlich weiteres Land hält. Der idyllische Landschaftspark gehörte einst dem Bau- und Immobilientycoon Ernst Göhner. Dort, wo Pfahlbauer vor rund 4000 Jahren lebten, will Novartis ein 100-Millionen-Franken-Ausbildungszentrum für ihre Führungskräfte aus aller Welt bauen und vierzig Arbeitsplätze schaffen.

Leichte Pavillon-Bauten

Die Center-Pläne hat der Basler Stararchitekt Peter Zumthor (69) zusammen mit dem renommierten Landschaftsarchitekten Günther Vogt (60) entworfen: Leichte Pavillon-Bauten aus Holz, die wie zu Pfahlbauers Zeiten auf Stelzen stehen. «Das Ausbildungszentrum, aufgeteilt auf einzelne Häuser, verschwindet beinahe in den Baumkronen», schwärmt Novartis in einer Präsentation.

Die Krux des ehrgeizigen Projekts ist, dass Novartis in einer Landwirtschafts- und Seeuferzone bauen will. «Bebauungspläne sind nach Planungs- und Baugesetz nur in einer Bauzone möglich», wunderte sich Hanni Schriber-Neiger von der Partei Gleis 3 Alternative Risch im Zuger Kantonsrat. Und ergänzte: «Es gibt keine legale Basis für ein Learning Center, wohl aber unsere Verpflichtung, eine naturnahe, öffentliche und extensive Seeufernutzung nicht zu verbauen.»

Derartiger Widerstand bei Bauprojekten ist neu für Vasella. Am Stammsitz von Novartis in Basel, wo die Abhängigkeit von der Pharmaindustrie viel grösser ist als in Risch, konnte Vasella die Projekte im Novartis-Campus ohne verwaltungsbedingte Verzögerung umsetzen. Seit 2004 wurden im Campus vierzehn neue Bauten für 2500 Mitarbeitende realisiert und bislang 2,2 Milliarden Franken investiert, wie es dieser Tage in der Firmenzeitung hiess.

Im Einklang mit Natur

Auch wenn der Campus im Basler St. Johann in einem Industrieareal gebaut wird, ist es nicht selbstverständlich, dass der Konzern einen Rheinhafen und eine Strasse einverleiben und durchsetzen konnte, oder dass trotz Nähe zum Euroairport Basel-Mulhouse Hochhäuser gebaut werden dürfen. Es gab keine Proteste. Die Regierung stand Novartis mit einem pauschalen 100-Millionen-Franken-Deal zur Seite.

In Zug war dies zwar nicht anders: Sowohl die Zuger Regierung als auch der Gemeinderat von Risch unterstützen den Bau für das Ausbildungszentrum. Um auch die Bevölkerung zu überzeugen, stellte Vasella das Center persönlich im Dorfmattsaal vor. Novartis wird nicht müde, zu betonen, dass die Architektur im Einklang mit Landschaft und Natur stehe und das einzigartige Gut Aabach sowie Grossteile des Parks «nachhaltig» sichere. Zudem würden ein naturnahes Seeufer und eine Auenlandschaft geschaffen, die Schilfzone ausgeweitet und das Areal so «ökologisch aufgewertet». Der Konzern will einen neuen Wanderweg bauen und den bislang geschlossenen Privatbesitz künftig «zweimal jährlich für die Bevölkerung öffnen». Eine Zubringerstrasse soll verlegt werden und neu um das Zentrum herum führen.

Beschwerden von Privatpersonen

Die Regierung interpretierte die rechtliche Lage so, dass das Zentrum realisiert werden könne, wenn die Zonenplanänderung und der Bebauungsplan in einer Volksabstimmung in Risch genehmigt würden. Dies geschah im November 2011 mit 1493 Ja gegen 1131 Nein. Das Pro-Komitee wurde laut Presseberichten von Novartis unterstützt.

Doch die Verlierer kämpfen weiter für die Seeuferlandschaft. Gegen die Beschlüsse der Abstimmung über die Änderung des Zonenplans und der Bauordnung, den Erlass des Bebauungsplans sowie die Entwidmung einer Zufahrtsstrasse gingen zwei Beschwerden von Privatpersonen ein. Laut Gemeindeschreiber Ivo Krummenacher sind sie derzeit beim Regierungsrat hängig. Zudem wurde gefordert, dass der Novartis-freundliche SVP-Baudirektor Heinz Tännler (52) wegen Befangenheit nicht über die Beschwerden mitentscheiden, sondern in den Ausstand treten sollte.

Die Regierung lehnte das Begehren ab. Das Zuger Verwaltungsgericht kam Ende November 2012 zum gleichen Ergebnis, dass «zusammengefasst keine Gründe ersichtlich» seien, «die den Anschein erweckten, dass der Baudirektor unzulässig vorbefasst oder befangen» sei, um die Beschwerden zu beurteilen. Die Beschwerdeführer, die «grundlegende Zweifel an der Unvoreingenommenheit und Unabhängigkeit» von Tännler haben, geben nicht auf. Gegenüber dem «Sonntag» erklärt ihr Anwalt, dass der Tännler-Entscheid des Verwaltungsgerichts ans Bundesgericht gezogen werde.

Das höchste Gericht bleibe die einzige Hoffnung, um die Landschaften zu retten, sagt Kantonsrätin Schriber-Neiger. Sonst sei klar: Geld regiere die Welt.

Novartis bedauert die Entwicklung. «Da die Beschwerden bis vor Bundesgericht weitergezogen werden können, muss Novartis leider mit mehreren Monaten oder sogar Jahren Verzögerung rechnen», heisst es in einer Stellungnahme. Der ungewohnte Widerstand wird Vasella nicht beunruhigen.

In einem Interview über Sport mit der «Neuen Luzerner Zeitung» erklärte Vasella seine Taktik. «Man soll nur jene Kämpfe eingehen, die man gewinnen kann», sagte er. Und: «Man muss sich immer zwei Dinge fragen. Erstens: Ist es überhaupt ein wichtiges Thema? Und zweitens: Hat man klare Fakten und überzeugende Argumente, die einen zuversichtlich machen?» Für seine Gegner in Risch ist dies eine Kampfansage.