Als die von Brunns 1861 zwei schwere Bücher an einen Antiquar verhökern, denken sie sich nicht viel dabei. Sie ahnen nicht, dass der Verkauf die Basler die nächsten Jahrhunderte beschäftigen wird, geschweige denn, dass sie gerade die wichtigste Datenbank des Kleinbasels verkaufen. Die beiden Bücher dokumentieren alle Taufen in der Theodorskirche von 1490 bis 1737. Es sind die ältesten Taufbücher im deutschsprachigen Raum.

Johann Jakob von Brunn, Pfarrerhelfer, hat die Taufbücher zu Lebzeiten bei sich zu Hause gelagert, um sie dort zu führen. Der Antiquar, der die Bücher kauft, versteht etwas mehr davon als Von Brunns Nachkommen. Bald verschachert er sie an einen Händler in Paris. Dieser gibt die Register schliesslich nach London ans British Museum und von dort aus gelangen sie in die British Library. Hier befinden sie sich noch heute, hier werden sie wohl bleiben. Es ist nicht überliefert, wann die Basler das Fehlen der Register bemerken. Überliefert sind nur die vielen Versuche, die Bücher irgendwie zurückzubekommen: Ein Protokoll des Kleinen Rates vom 14. Dezember 1867 zeigt, dass bereits zu dieser Zeit Bestrebungen unternommen werden, die Register zurückzubekommen. Erfolglos.

Vor allem die Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels setzen sich dafür ein, die Taufbücher wieder nach Basel zu holen. Mit gutem Grund: Die Bücher erzählen die Geschichte von wichtigen Baslerinnen und Baslern, die in der Theodorskirche getauft werden und zeigen die Wichtigkeit des Kleinbasels auf. Die Dokumente sind der Beweis: Es war eben doch nicht nur das mindere Basel auf der anderen Seite des Rheins.

Tausch platzt in letzter Minute

An der British Library beissen sich die Männer der 3E die Zähne aus. Die Bibliothek hat bei ihrer Gründung 1973 festgelegt, dass keine Objekte, die sich zur Gründung darin befanden, veräussert werden dürfen. Umso grösser ist die Aufregung, als ein Mitglied der Ehrengesellschaft zum Rebhaus 1984 auf seinem Estrich ein Bild des englischen Künstlers Thomas Gainsborough findet. Er gilt als einer der bedeutendsten englischen Maler des 18. Jahrhunderts. Die Idee der Basler: Man könnte das wertvolle Kulturgut gegen die beiden Bücher tauschen.

Sofort wird alles in die Wege geleitet. Hans Jakob Nidecker, der damalige Meister der Gesellschaft nimmt Kontakt mit Sir Alan Traill, dem ehemaligen Lord Mayor of London auf. Der Tausch soll richtig gefeiert werden. Deshalb laden die Basler Prinz Charles zum Gryffenmähli ein. Er sagt zu. Eine Sensation. Ein Mitglied der britischen Königsfamilie am Vogel Gryff – das ist mehr als ein Bundesrat, und ein solcher muss es eigentlich immer sein.

Was dann folgt, darüber wird heute lieber geschwiegen: Das Gemälde stellt sich als Fälschung heraus. Die Feier wird abgeblasen, alle Beteiligten ziehen sich zurück, lange wird nicht mehr darüber gesprochen.

Nur noch wenige erinnern sich an die Taufbücher. Einer davon ist Andreas Nidecker, der Sohn des ehemaligen Rebhaus-Meisters Hans Jakob Nidecker. «Von der Geschichte mit den Taufbüchern habe ich zum ersten Mal in den späten 70er Jahren erfahren, als ich als junger Arzt aus dem Ausland zurückkam» sagt der Basler. Sein Vater habe ihm viel davon erzählt. Die Geschichte bleibt ihm, auch wenn er lange nichts mehr mit den Büchern zu tun hat.

Als Nidecker Ende 2013 pensioniert wird, entschliesst er sich dazu, das Anliegen seines Vaters wieder aufzunehmen. «Es war klar, dass wir die Originale nicht bekommen würden, aber allenfalls doch gute Kopien.» Bevor er überhaupt begonnen hat, schon der erste Schreck: Von Bernhard Burckhardt, Präsident der Stiftung des Historischen Museums, erfährt er, dass alle Taufbücher ja bereits auf einer Website der Mormonen Kirche seien und dort heruntergeladen werden können. Waren alle Bemühungen umsonst? Schnell wendet er sich an Esther Baur, Staatsarchivarin. Sie kann ihn beruhigen. Ja, die Mormonen haben die Taufbücher online gestellt. Es sei jedoch eine äusserst schlechte Version, schreibt sie in einem Mail. Auch die fotografischen Reproduktionen, die in den 20er Jahren gemacht wurden und sich im Staatsarchiv befinden, seien qualitativ miserabel. Dazu existiert im Staatsarchiv noch eine Abschrift der Bücher, die jedoch nicht mal den vollständigen Text beinhaltet. «Meines Erachtens ist dies also kein Grund, unser Vorhaben abzubrechen, im Gegenteil», schreibt sie ihm.

Teuer und aufwendig

Baur selbst ist Feuer und Flamme: Sie sendet der British Library die Anfrage, ob es irgendwie möglich sei, Kopien der Bücher zu erhalten. Ja, ist es. Es vergehen jedoch etwa sechs Monate, da die Briten darauf bestehen, die Kopien in England anfertigen zu können. 2015 gelangen die beiden Kopien dann schliesslich in die Schweiz. Philipp Roth, Pfarrer der St. Theodors Kirche, erinnert sich gut an diesen Moment: «Ich wusste lange nichts von den Büchern und dass Kopien hierherkommen und war deshalb umso überraschter, als ich zu einer Übergabe eingeladen wurde.» Es sei ein grosses Geschenk gewesen, das aber auch viel Verantwortung mit sich bringt.

Die Beteiligten entschliessen sich, die Bücher in der Theodorskirche auszustellen und so den Kleinbaslern immer zugänglich zu machen. Für die Nachforschungen holen sie Barbara Piatti, eine Kulturhistorikerin, mit ins Boot.

Für die Kopien müssen die Basler 25 000 Franken bezahlen. Jede Seite musste einzeln von einer speziellen, teuren Kamera erfasst werden. Die Basler bekommen die Rechte, die digitalen Daten online zu stellen und zwei Kopien der Bücher zu erstellen. Auch das Binden der Bücher ist aufwendig und kostete viel Geld. Für die Aufbewahrung der Bücher wird ein eigenes Möbel erstellt. «Das Holz passt in die Kirche. Die Vitrine ist aufklappbar und auch als Tisch verwendbar», so Pfarrer Roth. Dank vieler Spenden kommt das Geld zusammen. «Das Interesse und Geld in Basel für kulturelle Projekte ist meistens vorhanden», sagt Nidecker. Unter anderem haben Basler Kantonalbank, die Christoph Merian Stiftung und die GGG finanzielle Unterstützung geleistet.

Die Theodorskirche hat 2006 wieder damit begonnen, Taufbücher zu führen. Zwar nicht mehr in dicken Büchern mit handschriftlich verzeichneten Namen. Aber auf kleinen Kärtchen mit Fotos der Babys und bunten Zeichnungen daneben. Auf dem Ordner mit den Kärtchen steht «Taufbuch». Heute würde jeder wissen, worum es sich dabei handelt.