Das ist ja die Geschichte meines Lebens!», sagte Boris Duncker, als er von der «Moskau einfach?»-Idee des Staatsarchivs erfuhr. Erzählungen von Zaren, Spionen und Exilanten sollen an der Museumsnacht die Beziehung zwischen Basel und Moskau vertiefen. Duncker war nie Spion und auch kein Zar, er hat aber mehr mit Moskau am Hut als die meisten anderen Basler. Oder sagen wir: hatte.

Geboren wurde Duncker am 22. Juni 1937 in Moskau. Auf den Tag vier Jahre später sollte die Wehrmacht die Sowjetunion überfallen. Sein Vater, Wolfgang Duncker, war der Sohn von Mitgründern der Kommunistischen Partei Deutschlands. Er war Filmkritiker und wie seine Eltern Kommunist. Die Mutter, Erika Weiss, kam aus gutbürgerlichem Basler Haus. Anfang der Dreissigerjahre fanden die beiden jungen Leute zufällig zueinander: Wolfgang Duncker war wegen Lungenproblemen Gast in einem Davoser Hotel. Ein Zimmer mit Aussicht konnte er sich nicht leisten, weshalb ein Angestellter ihn tagsüber auf den Balkon eines besseren Zimmers schmuggelte.

Auf die Balkonszene folgt die Ehe

Die Gefahr, aufzufliegen, schien klein. Die Bewohnerin des komfortablen Zimmers pflegte den Tag auf der Skipiste zu verbringen. Doch eines Nachmittags kam Erika Weiss früher zurück und stiess auf den Sonnenanbeter auf ihrem Balkon. «Was tun Sie denn hier?», fragte sie ihn.

Seine Antwort ist nicht überliefert. Charmant wird sie aber gewesen sein. Wohl kaum hätte die junge Erika Herrn Duncker sonst wenige Monate nach der Balkonszene geheiratet. Ihren Eltern behagte es gar nicht, die Tochter einem linken Deutschen oder/und einem deutschen Linken anvertrauen zu müssen.

Mit Hitler kam Arbeitslosigkeit

Durch die Heirat verlor Erika Duncker das Schweizer Bürgerrecht. Das Paar zog nach Berlin und führte ein gutes Leben. Als Hitler an die Macht kam, verlor Duncker seine Stelle. Auch in London und Paris war niemand mehr an seinen Drehbüchern interessiert. Die beiden kehrten in die Schweiz zurück und wohnten in Bachs im Kanton Zürich bei Erika Dunckers Bruder, einem Pfarrer. Arbeiten durften sie aber nicht. Auf dem Arbeitsmarkt galt ein strikter Inländervorrang.

Trotzdem publizierte Wolfgang Duncker einen Artikel in der linken Basler «National-Zeitung» und erhielt dafür 20 Franken Honorar. Es war ein ganz und gar apolitischer Text. Das spielte jedoch keine Rolle beim Entscheid der Behörden, das Ehepaar wegen Missachtung des Arbeitsverbotes auszuweisen. Ein Drama war das nicht, schon bald bekam Duncker eine Stelle bei der russischen Filmgesellschaft «Mosfilm». In Moskau lebten die Dunckers mit dem Regisseur Sergei Eisenstein unter einem Dach. Zwei Jahre später kam der kleine Boris zur Welt. Es sollte das einzige Kind der Dunckers bleiben: Boris war noch kein Jahr alt, als die sowjetische Geheimpolizei seinen Vater in ein Arbeitslager zwang.

Grossvater zierte DDR-Briefmarke

Dass Wolfgang Duncker «Proletarier aller Länder vereinigt euch!» selber befolgte und den Aufruf nicht nur vom Geburtsschein des Sohnes kannte, änderte nichts: Für die Säuberungsaktion brauchte es Schuldige. So wurde er zum «Volksfeind». Mutter und Sohn blieben in Moskau zurück, als der Vater ins 2500 Kilometer entfernte Lager verbannt wurde.

Inzwischen sind fast 80 Jahre vergangen. Im Juni feiert Boris Duncker seinen runden Geburtstag, vergangenes Jahr konnte er mit seiner Frau auf die Juwelenhochzeit anstossen. Seit Jahrzehnten lebt das Paar in der Wohnung im Gotthelfquartier, in der einst Dunckers Mutter aufwuchs. An allen Wänden stehen randvolle Bücherregale. «Viele Werke habe ich in der DDR gekauft», sagt Duncker. Dort lebte er als Kind nach dem Krieg selber eine Weile in der Besatzungszone. Später besuchte er seine Verwandten. Als der Grossvater starb, erbte Boris Duncker 50 000 Ostmark. Da er das Geld nur in der DDR ausgeben konnte, kaufte er Bücher und verbrachte mit der Familie etliche Ferien auf Rügen. Dunckers Frau brachte den Frauen dort jeweils die neusten Schnittmuster mit.

Nach dem Tod von Dunckers Grossvaters gab die DDR eine Briefmarke mit dem Porträt des ehemaligen Gewerkschaftsfunktionärs heraus. Ausserdem vergab sie fortan die Hermann-Duncker-Medaille für besondere Leistungen.

Es sind gemischte Gefühle, die Boris Duncker bei den Erinnerungen an die DDR und den Grossvater überkommen. «Alles war dort nicht schlecht», sagt Duncker, der sich nicht als Kommunisten sieht, aber links steht. In seinem ganzen Leben hat er nur eine Abstimmung versäumt. «Ich bin seit Kind ein Homo Politicus. In der Sowjetunion habe ich schon als Fünfjähriger die Überschriften in den offiziellen Zeitungen gelesen.» Inzwischen verstehe er kaum noch Russisch.

Zweiter «Volksfeind» hatte Glück

Als Boris zweijährig war, besuchte die Mutter den Vater im Lager. Die Reise dauerte einen Monat. Sie war mit dem Zug und Lastwägen unterwegs. Ihren Mann durfte sie zwei Stunden sehen. Es war die letzte Begegnung. 1942 starb Wolfgang Duncker. Nach Jahren im Lager war er zu schwach, um weiterzuleben.

Kurz nach ihrem Besuch im Lager heiratete Boris Dunckers Mutter zum zweiten Mal. Zu dem Zeitpunkt lebte ihr erster Ehemann noch, doch die Russen liessen Scheidungen mit «Volksfeinden» auf Distanz zu. Der zweite Mann war wie der erste gebürtiger Deutscher und als ehemaliger Interbrigaden-Kämpfer ebenfalls Kommunist. Bald fand er Arbeit in einer Traktorenfabrik in einer Stadt am Ural.

Durch den Ortswechsel erlebte die Familie nur am Rande mit, wie die deutsche Wehrmacht an Boris’ viertem Geburtstag die Sowjetunion überfiel und der Krieg ausbrach. Zudem blieb dem neuen Mann erspart, was der Ex-Mann durchmachen musste: Die Russen liessen ihn seine Arbeit verrichten in der Traktorenfabrik, in der inzwischen Panzer hergestellt wurden. Auf dem Weg in den Kindergarten hob der Stiefvater Boris jeweils über die Rinnen, welche die Panzer in die erdigen Strassen gegraben hatten.

Das Drämmli als erster Eindruck

Das beängstigte den Jungen aber genauso wenig wie die Tatsache, dass seine Familie mit über einem Dutzend Fremder in einer Vierzimmerwohnung hausen musste. Dort kam 1944 auch sein kleiner Halbbruder zur Welt. «Einzig unter dem Hunger litt ich», erinnert sich Duncker.

Eigentlich wollte die Mutter mit den Söhnen 1947 nur ferienhalber nach Basel reisen. Der 10-jährige Boris war begeistert von der Tramfahrt über die Johanniterbrücke. Andere Erlebnisse waren weniger schön. Er wurde als «Sauschwoob» beschimpft und entsprechend behandelt. «Obwohl ich schnell Baselsdeutsch lernte, dauerte es lange, bis ich ‹Guttere› und ‹Guggummere› sagen konnte», sagt er jetzt in reinstem Baseldeutsch. In den 70 Jahren, die seit dieser ersten Tramfahrt vergangen sind, hat Boris Duncker stets in der Schweiz gelebt. Was als Ferien gedacht war, wurde zu einem Leben.

Duncker besuchte die Schule in Bachs, wo einst seine Eltern beim Pfarrer lebten, und die Mutter tat, was sie in der Sowjetunion auch einmal gemacht hatte: Sie liess sich auf Distanz scheiden. Sie zog mit den Buben nach Basel, wo Boris Duncker nach einer wenig erfolgreichen Zeit im Gymnasium Bauzeichner wurde.

Erst, als er längst selber doppelter Familienvater war, liess er sich zum Primarlehrer ausbilden. Als Bauzeichner hatte er oft mit Schulen zu tun und das Metier gefiel ihm. Die Lehrerausbildung begann er 1973 im Gegensatz zu den Jahren davor unbeobachtet: Bis 1970 führte der Staatsschutz eine Fiche über den Basler mit den kommunistischen Vorfahren.

Die Fiche liegt heute im Staatsarchiv, dem Boris Duncker als Mitglied des Vereins «Freunde des Staatsarchivs» verbunden ist. In seiner Wohnung aber erinnert wenig an seine sowjetische Vergangenheit. «Wir durften ja nichts mitnehmen.»

Briefwechsel und ein Steinpferd

Ein russisch-ukrainisches Pferd aus Stein steht auf einem Regal, auf dem Tisch liegen Bücher, die Aufschluss über den Bewohner der Wohnung geben: Briefwechsel seiner kommunistischen Grosseltern liegen da neben Ausgaben der Polit-Zeitschrift «Neutralität», in der Dunckers Mutter Erika auch über 20 Jahre nach ihrer Rückkehr in die Schweiz noch unter falschem Namen publizierte.

Im Gegensatz zu seinen Vorfahren wollte Boris Duncker nie selber politisch aktiv werden. «Dazu habe ich zu viele Skrupel», sagt er. Ausserdem könne er auch als Stimmbürger etwas bewirken, was er auch tue.