«Du stirbst, damit du lebst.» So lautet eine Stelle in den Pyramidentexten, der ältesten religiösen Spruchsammlung der Menschheit. War bei den alten Griechen zur Zeit Homers die Jenseitsvorstellung ein düsterer und schlimmer Ort, regiert von der Göttin der Unterwelt, Persephone, so ist die Weltanschauung der Ägypter eine ganz andere. Das Leben war nur ein Übergang zum Tod, der Tod der Ort der Verjüngung und der Regeneration. In dieser Symbolik der steten Regeneration und der Wiedergeburt waren die sich ständig erneuernde Blumenwelt und die Vegetation allgemein ein Sinnbild der Verjüngung. Die Natur war für die Ägypter der Beweis, dass der Tod nicht das Ende ist. So wurden bei Begräbnissen dem Verstorbenen immer bunte Blumen beigelegt, die ihm zu einem neuen Leben im Jenseits verhelfen sollten.

Die Vorstellung der Ägypter liegt unserer westlichen Welt heute ferner als die Vorstellungen der Griechen, für die das Hier und Jetzt das ein und alles war. Die Gedankenwelt und die Jenseitsbedeutung der Ägypter soll uns die Sonderausstellung «Blumenreich. Wiedergeburt in Pharaonengräbern» näherbringen. Sie beginnt heute im Antikenmuseum Basel. «Dies ist ein Projekt von nationaler und internationaler Bedeutung», sagte ein sichtlich stolzer Andrea Bignasca, Direktor des Antikenmuseums.

Jahrtausendealte, fragile Pracht

Wer die Ausstellung besucht, tritt immer tiefer ein in eine Art Blüte, an deren Aufbau das Konzept angelehnt ist. Je tiefer man in den Raum hinein geht, desto dunkler wird es, und je dunkler es wird, desto näher kommt man den lichtempfindlichen Stücken und damit dem Herzstück: den originalen Fragmenten von Blumengirlanden und Blumenschmuck aus pharaonischen Gräbern.

Entdeckt wurden die seltenen Überreste von Christiane Jacquat, einer Archäobotanikerin und Initiantin der Sonderausstellung. Bei Umzugsarbeiten im Depot des ehemaligen Botanischen Museums der Universität Zürich entdeckte Jacquat die 16 Blumenpräparate und erkannte deren Bedeutung sofort. Der jahrtausendealte Blumenschmuck war 1881 im grossen Mumienversteck in Theben zum Vorschein gekommen. Nach Zürich gelangt sind sie dank dem Deutschen Botaniker Georg Schweinfurth, der die wertvolle Pracht an verschiedene europäische Städte wie Paris, London oder Berlin verschickte – und eben auch an Zürich. Dort gingen die Stücke aber vergessen, bis Jacquat sie wieder fand.

Neben den «historisch bedeutenden Blumenpräparaten», wie Kurator André Wiese die Sammlung bezeichnet, sind noch weitere 100 Originalwerke zu bestaunen. Darunter befinden sich farbenprächtige Särge, auf denen die Blumengirlanden malerisch nachempfunden sind, Blumenskulpturen aus Papier, Duftstationen und Rekonstruktionen der Blumengirlanden. Abgetrennt werden die Themenbereiche durch verschiedenfarbige, Blütenblättern nachempfundene Trennwände.

Bei uns sind Blumen heute vor allem ein Zeichen von Zuneigung an andere Menschen, der Ehrerbietung oder einer engen Beziehung. Auch die Trauerfloristik hat eine lange Tradition. Im alten Ägypten jedoch sind sie nicht nur ein letzter Gruss, sondern Symbol des bunten Jenseits, in das die Toten entlassen werden. In Basel lassen sie für einmal die ägyptische Blütezeit wortwörtlich wieder aufleben.