Basel
Das Basler Modell: Verfilzt und integer

Anwalt, Politiker und Bankpräsident. Andreas C. Albrecht spielt eine perfekte Rolle als Vertreter des alten liberalen Basler Daig-Bürgertums. Er scheint über alle Zweifel erhaben - und geht bei Verwaltung und Regierung ein und aus.

Christian Mensch
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Wie bei der Überbauung Magnolienpark: Als Präsident der Bau- und Raumplanungskommission muss Albrecht immer wieder in den Ausstand treten. Keystone

Wie bei der Überbauung Magnolienpark: Als Präsident der Bau- und Raumplanungskommission muss Albrecht immer wieder in den Ausstand treten. Keystone

KEYSTONE

Der Liberale Andreas C. Albrecht (44) agiert in einer eigenen Liga. Während der Konzernchef der Basler Kantonalbank (BKB) Hans Rudolf Matter infolge des ASE-Skandals eilig den Hut nehmen muss, bleibt der Bankenpräsident Albrecht von der Affäre unberührt. Die parteipolitisch delegierten Bankräte stehen unter dem Generalverdacht, mit der Kontrolle der Bank heillos überfordert zu sein.
Nicht so Albrecht. Obwohl er sein Amt der bürgerlichen Wiedergutmachung verdankt, dass er für die Bürgerlichen 2007 gegen Anita Fetz (SP) für die Wahl in den Ständerat antrat.

Albrecht schwebt über den Widrigkeiten – und steckt doch voll in der Verantwortung. Seit 2005 ist er Mitglied des Bankrats. 2007 stieg er zum Vizepräsidenten auf. Seit 2009 ist er Präsident. Ein steiler Aufstieg. Es zahlt sich für ihn nun aus, dass er in der Nachfolge von Willi Gerster (SP) verzichtet hat, vollamtlich für die BKB geradezustehen. Auf fünfzig Prozent beziffert er sein heutiges BKB-Pensum. Aus Kalkül ist er nur halber Banker geworden und Miliz-Politiker geblieben. Denn vor allem ist er Anwalt. Und zuallererst: ein einflussreiches Mitglied der Basler Daig-Gesellschaft.

Andreas C. Albrecht, dessen Familiensitz mütterlicherseits der Ramsteinerhof auf dem Münsterhügel ist, befindet sich auf einem fadengeraden Karrierepfad in den Spuren seines Grossvaters, des Politikers und Anwalts Felix Emmanuel Iselin. Mit dreissig Jahren ist Albrecht promovierter Jurist mit Abschluss in Basel und New York und einer Dissertation über die Lohngleichheit von Mann und Frau. Er zieht als Partner in die Kanzlei Vischer ein, das Basler Epizentrum von Einfluss und Macht. Er prescht voran im Fahrwasser Bernhard Christs, des um eine halbe Generation älteren Vischer-Anwalts und LDP-Politikers. Für die Liberalen wird Albrecht 32-jährig in den Grossen Rat gewählt. Drei Jahre später ist er bereits als Nachfolger von Regierungsrat Ueli Vischer (LDP) im Gespräch. Doch Albrecht wollte nicht und will auch in Zukunft nicht in die Regierung, wie er sagt. 2002 zieht er in die einflussreiche Bau- und Raumplanungskommission (BRK) ein, deren Präsidium er nach einem Jahr übernimmt – von seinem Ziehvater Bernhard Christ. Dieses Amt gibt er auch in der neuen Legislatur nicht ab.

Wie als BKB- so auch als BRK-Präsident steht Albrecht über allen Anfeindungen, obwohl sich haufenweise Interessenkonflikte türmen. Das aktuelle Beispiel: Magnolienpark.

Die Familie der von Schönau – ein Geschlecht, klangvoll wie Vischer, Iselin und Christ – besitzt im Gellert-Quartier nicht nur Villen, von denen sie eine der Universität Basel als Europa-Institut zur Verfügung stellt. Zum Eigentum gehört auch ein parkähnlicher Umschwung, der zusammen mit der benachbarten Häuserzeile einer neuen Überbauung weichen soll. Das Bauprojekt bedarf einer Zonenänderung, eines Bebauungsplans, neuer Strassenlinien. Albrecht vertritt die Familie. Kommt das Geschäft in seine BRK, werde er selbstverständlich in den Ausstand treten, sagt Albrecht. Er werde an den Sitzungen nicht teilnehmen. Doch Albrecht ist schon durch viele Türen gegangen: In der Jury des Architekturwettbewerbs sass der Kantonsbaumeister Fritz Schumacher.

Albrecht ist Experte im Umgang mit Befangenheiten jeglicher Stufe. Selbst das Basler Appellationsgericht musste die Verflechtungen von Albrecht schon thematisieren – und befand zugunsten von Albrecht. Schliesslich, so das Gericht im Fall des Peter-Merian-Hauses beim Bahnhof, dürften Parlamentarier auch Interessensvertreter sein. Die Liste von Albrechts bekannten Ausständen ist beträchtlich. Ob Erlenmatt, Stücki, Stadtcasino, Sevogelpark oder Kunstmuseum- Erweiterung – jedes Mal musste Albrecht entweder eine Verflechtung offenlegen oder ganz in den Ausstand treten.

Albrecht beherrscht den Seiltanz mit «Transparenz und Offenheit», wie er sagt. Und niemand will dies bezweifeln. Die Attribute, die ihm zugeschrieben werden, hat er sich durch bruchloses Auftreten erarbeitet: «Besonnen», «umsichtig», «vernünftig», «lösungsorientiert». Selbst sein anwaltschaftliches Geschäft kleidet er so, dass es nicht als kleinlich parteiisch, sondern stets als überparteilich ausgleichend daherkommt. Wenn er mit der Verwaltung oder gar der Regierung verhandelt, dann «auf Augenhöhe», wie Beteiligte bewundernd erklären. Er berät etwa das Unispital bei Tariffragen, aber auch Privatspitäler. Bei Albrecht verschmelzen die Grenzen; staatlich und nichtstaatlich, eigennützig und gemeinnützig, geschäftlich und politisch.

Eine Spezialität von Notar Albrecht ist die «Willensvollstreckung». Ein Geschäft mit dem Erben, das einzig auf Vertrauen beruht und äusserst lukrativ ist. Albrecht übernimmt zunehmend Mandate von: Bernhard Christ, dem Meister dieses Fachs. Aber nicht nur in Basel gibt es Erbschaften zu verwalten. Bei der Kanzlei Vischer und bei Albrecht war bis vor kurzem der Minden Trust beheimatet, der im Zweck das Verwalten von Erbschaften hat. Recherchen zeigen, dass die südafrikanische Standard Bank über eine Offshore-Firma auf der Kanalinsel Jersey hinter dem Konstrukt steht. Nun ist Albrecht der verschwiegene Berufsmann: darüber keine Auskünfte, Anwaltsgeheimnis.

Viel Zeit für klandestine Tätigkeiten bleibt Albrecht allerdings nicht. Er ist seit einiger Zeit geschäftsführender Partner der Kanzlei. Ein Viertel-Pensum, wie Albrecht sagt. Es bedingt Arbeitstage beim wichtiger werdenden juristischen Hauptsitz in Zürich. Doch die Vischer AG, präsidiert von Ex-Regierungsrat, Messe- wie Uni-Chef Ueli Vischer, ist dank Albrecht wieder in Basler Händen.

Albrecht sucht nicht die Vielzahl an Ämtern, die wichtigen sind ihm wichtig. Bei der evangelischen Kirche stand ihm über die mächtige Münstergemeinde der Weg in den Kirchenrat offen – vorbereitet von Bernhard Christ. Doch da zieht er sich zurück. Im Fasnachts-Comité hat er nach acht Jahren seinen Rücktritt gegeben. Diese Popularität braucht er nicht mehr. Oder wie Albrecht, frisch in zweiter Ehe, in der nüchternen Sprache des Juristen sagt: «In den vergangenen Jahren ergaben sich verschiedene Veränderungen in meinem Privatleben, die mich veranlassten, diese Engagements zu reduzieren.»

Auf Albrecht lastet Verantwortung. Weniger als Präsident der BKB, deren Krise mit dem Wechsel an der Konzernspitze nicht behoben ist. Er muss nicht weniger als beweisen, dass das Basler Modell noch trägt, verfilzt und integer.